Essen tauschen oder Das Prinzip DIY als kulinarische Selbstverteidigung

Wenn Amateure sich um kulinarische Exzellenz bemühen, kommt Freude auf. Dann stehen die Profis staunend bis achselzuckend im Abseits und wähnen sich im Dilettantenstadel. Diejenigen jedoch, die aktiv werden im Geiste der gourmandisen Horizonterweiterung, die Erkenntnisse gewinnen wollen durch das eigene Tun und nicht allein durch passiven Genuss, erreichen regelmäßig neue Ebenen esskultureller Herzensbildung. Denn wahre Genießer können nicht passiv bleiben. So feiern nicht nur in Hipsterhausen alte Kulturtechniken wie Einkochen oder Fermentieren oder Imkern fröhliche Urständ, solidarische Landwirtschaften sprießen aus dem Boden und wer noch nicht selber Brände brennt, gehört wohl zum Establishment. Zur Klasse der Conveniencejünger und Amtsverweser der Lebensmittelindustrie wahrscheinlich.

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Doch ich will nicht spoilern, sondern teasern und verweise daher auf meinen Vortrag im Rahmen des „Food Meetup III“ am 22. Januar um 18:00 Uhr im Kölner Marieneck. Ich werde von der Lust berichten, die mir das sporadische Miteinander beim Betreiben eines Supperclubs ebenso bereitet wie die Organisation des Kölner SCHWARZMARKTs. (Dieser rheinische food swap findet übrigens am 2. April 2017 schon zum siebten Male statt.) Ich werde von Erfahrungen mit der Hefemutter ebenso erzählen wie vom zerbrochenen Sauerkrautkrug. Das ganze werde ich soziokulturell verbrämen und am Ende eine klassenkämpferische Kurve kriegen, versprochen.
Im Auftrag der vinophilen Herzensbildung wird an diesem Abend zudem der Kollege Sebastian Bordthäuser seinem Ruf als theoretisierender Mundschenk gerecht werden und eindrücklich aufzeigen, warum Wein nicht rein ist, in der Regel. Ausnahmen davon werden wir gemeinsam trinken.

Weitere Informationen und Anmeldemöglichkeit (kostenfrei)

 


Das war der SCHWARZMARKT 6

Die sechste Ausgabe des Kölner SCHWARZMARKTs, der gestern wie gewohnt im Marieneck stattgefunden hat, war die bisher beste. Über 30 Menschen boten weit mehr als 70 verschiedene kulinarische Eigenkreationen oder Gartenfrüchte zum Tausch an.

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Johannes hat das ganz genau dokumentiert. Die allermeisten Teilnehmer gingen reich beschenkt wieder nach Hause. Fast alle stellten mir, noch ganz euphorisiert vom herrlichen Probieren und den wunderbaren Gesprächen, beim Abschied die Frage nach dem nächsten Mal. Hier also die Auflösung:

Der SCHWARZMARKT 7 findet statt am 2. April 2017.

Gleicher Ort, gleiche Zeit. Alle weiteren Informationen dazu wird es in den kommenden Monaten hier und in der entsprechenden Facebookgruppe geben.

Es waren viele neue Gesichter dabei – und einige altbekannte. Die bloggenden unter ihnen haben auch schon berichtet. Z.B. Bernd, Jochen und Stefanie. Deren Onjeschwedde war eines meiner persönlichen Highlights – das ich aber prompt vergessen habe, einzutauschen. Wir Gesindehausbewohner hatten übrigens als Tauschobjekte erneut Tomatenkonfitüre (von der Picolino-Tomate) dabei sowie erstmals eine Gemüsepaste, die für Brühe und zum Abschmecken von Soßen oder Eintöpfen Verwendung finden kann. In den letzten Jahren ist unter den Lebensmittel-Selbermachern gekörnte, getrocknete Gemüsebrühe sehr populär geworden. Uns erscheint das wegen des stundenlangen Trocknungsprozesses im Ofen allerdings doch eine ziemliche Energieverschwendung zu sein. Daher also dieser Versuch mit einer rohen Paste, die mit einen Salzanteil von 20 Prozent mehr oder weniger haltbar gemacht wird (im Kühlschrank mindestens 1 Monat – wahrscheinlich deutlich länger). Hinein kamen neben dem Salz Möhre, Stangen- und Staudensellerie, Lauch, Petersilie und Petersilienwurzel sowie etwas Lorbeer und Liebstöckel – alles zusammen fein püriert.

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Bis zum nächsten Mal!


SCHWARZMARKT 6

Vorgestern saß ich mit Marco vom Marieneck beim Mittagessen und wir überlegten, wie es denn weitergehen könne mit dem SCHWARZMARKT in Köln. Inzwischen ist die Idee so erfolgreich, dass nicht nur immer wieder in verschiedensten Medien darüber berichtet wird (wie letzte Woche in der Lokalzeit Köln des WDR), sondern auch die Frage, ob denn genug tauschwillige Menschen zur nächsten Ausgabe kommen, sich eigentlich nicht mehr stellt. Das Format ist etabliert unter den Selbermachern im rheinischen Kulinarikkosmos.  Unser food swap funktioniert hier besser als in jeder anderen deutschen Stadt.

Warum das so ist? In erster Linie deshalb, weil in Köln seit Jahr und Tag ein belastbares Netzwerk von Foodies und Internetessern gedeiht und daraus inzwischen viele Freundschaften entstanden sind. Dieses Beziehungsgeflecht trägt so manche Idee und funktioniert nicht zuletzt als stets verlässlicher Social-Media-Multiplikator. Zudem ist der kölsche Genussfreak zwar latent selbstverliebt, aber eine treue Seele und fast schon dem Klischee entsprechend nach allen Seiten hin offen. Ein closed shop, ein elitärer Klub ist seine Sache nicht. Die Lust am Selbermachen ist das Fundament vieler Aktivitäten. Außerdem gibt es mit dem Marieneck, der Kochschule von Marco Kramer in Ehrenfeld, einen Ort, der uns immer wieder Spielplatz, Labor und bisweilen große Bühne ist.

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Und weil alles so herrlich und wunderbar ist, ändern wir am SCHWARZMARKT-Konzept gar nichts. Es bleibt weiterhin ein freier und offener und nicht-kommerzieller Treff im Geiste des DIY. Alle, die Selbstgemachtes im Überfluss haben oder eine Ernte, von der sie abgeben wollen, sind eingeladen zum Tausch. Das nächste Mal am

Sonntag, den 25.09.2016, um 14:00 Uhr,

im Marieneck, Marienstraße 1C, 50825 Köln.
Zugegeben, es war uns eine kurze Überlegung wert, die kommerziellen Möglichkeiten des Formats zumindest abzuwägen. Die professionellen Reflexe zuckten in Richtung Vermarktung. Wir haben eine Zielgruppe, eine Marke, einen Trend. Schreit all dies nicht nach Wachstum und Monetarisierung? Wollen wir nicht auch endlich Kohle sehen für den ganzen Aufwand, den wir betreiben? Die eindeutige Antwort war jedoch schnell gefunden und sie lautet: Nein! Es ist gut, wie es ist. Und Geld verdirbt den Charakter.

Das Tomatenbild übrigens soll denen, die noch unschlüssig sind, was sie denn produzieren könnten, als Anregung dienen. Durch die zurückliegenden wunderbar sommerlichen Wochen sind hiesige Tomaten in diesem Jahr ganz besonders aromatisch. Wie wäre es also z.B. mit (halb)getrockneten Tomaten? Mit Tomatenessenz? Tomatenmarmelade? Schon mal selber Tomatenmark gemacht? Oder Strattù? Ich werde am Wochenende ein Tomatenferment ansetzen. Und was macht Ihr?


SCHWARZMARKT im TV

Heute lief im WDR ein richtig guter Beitrag über den letzten SCHWARZMARKT in Köln. Zu finden in den nächsten Tagen in der Mediathek:

Lebensmitteltausch unter Genießern

 

 


Von Menschen, Genuss und diesem Internet

„Was aber ist jetzt genau Dein Antrieb, den SCHWARZMARKT zu organisieren?“, fragt mich Bastian im Interview für den WDR. Ich hatte ihm zuvor erläutert, was das für ein kulinarischer Orkan ist, der um uns laut und lustig tobte am gestrigen Nachmittag im Kölner Marieneck und in dessen ruhiger Mitte wir uns postiert hatten zum Gespräch mit Mikro und Kameramann. Woher sie kommt, die überhaupt nicht neue Lust am Selbermachen, die Freude am guten Essen und an Nachhaltigkeit. Ihm DIY als Prinzip kulinarischen Erkenntnisgewinns beschrieben und listige Nachfragen nach Filterbubble und Peergroup und sozialer Ausgrenzung lächelnd retourniert. Ihn zum Probieren eingeladen und hingewiesen auf einige ganz besondere Köstlichkeiten, die im Rahmen unserer kleinen Tauschbörse angeboten wurden, wie Jochens Genever, Nus Fermente und Stefanies Backwerk.

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„Diese Menschen hier zuusammenzubringen. Um sich miteinander auszutauschen über die allen gemeinsame Genusssucht. 50 fremde Freaks in einem Raum und jedem einzelnen fühle ich mich nahe. Ich zehre immer noch eine richtig lange Zeit von solchen Veranstaltungen. Deshalb gibt es den SCHWARZMARKT: Es geht um Austausch auf allen Ebenen.“

Ich werde immer ganz pathetisch in solchen Momenten.

Daher an dieser Stelle nur noch kurz zwei Hinweise. Zum Einen auf den nächsten SCHWARZMARKT: Die dann 6. Ausgabe wird stattfinden am 25. September 2016, von 14 bis 17 Uhr, an gewohnter Stelle, im Marieneck.

Zweitens waren gestern soviele Leute mit ihren Köstlichkeiten dabei, die auch ein Online-Leben führen. Das bringt mich dazu, hier einmal eine kurze Linkliste zu beginnen. Als Ausdruck meiner Freude und als Gedankenstütze. Der SCHWARZMARKT5 waren (u.a.):

Dann gab es noch Bärlauchsalz, veganes Curry, Rote-Bete-Salat, Honigknoblauch, Pralinen, Trüffel, Marmeladen, Coldbrew-Kaffee, Limoncello, rauchig rote Bete, Bärlauchpesto, Lorbeer und vieles andere mehr (schreibt alles, was ich vergessen habe, bitte hier in die Kommentare). Ich esse jetzt erst einmal ein paar kölsche Kiwis. Danke und bis bald!


SCHWARZMARKT 5

Es gab ein kurzes Zögern, ein Innehalten, leichte Zweifel – zugegeben. Ob das Prinzip „food swap“ in der großen rheinischen Metropole, die sich nicht nur kulinarisch häufig überschätzt, am Ende nicht verfängt? Weil es zwar furios begann vor ziemlich genau einem Jahr und ungefähr 25 liebenswerte Leute über 30 eigene Kreationen mitgebracht hatten, um untereinander zu tauschen. Beim zweiten Mal die Tauschobjekte vielleicht noch ausgefallener waren, aber weniger Menschen kamen. So auch beim dritten, beim vierten Mal reichten zwei Hände allemal zum Durchzählen. Wir hatten der Wucht von Social Media vertraut und der Begeisterung eigentlich aller bisher Dabeigewesenen. Die Idee war gut, doch Köln noch nicht bereit?

„Weitermachen!“ war dann die eindeutige Botschaft, als wir im Herbst darüber sprachen mit einigen Enthusiasten und Mitstreitern der ersten Stunde. Der DIY-Gedanke passt wunderbar in die rheinische Foodieszene und in keiner anderen Netznische wird der Schritt ins „real life“ so gerne und oft gegangen wie unter den Besseressern.  Marco und ich hielten immer schon und halten nach wie vor das Format für genauso großartig wie perfekt. Also war dann irgendwann klar: Am Konzept wird nichts geändert. Wir werden nur mehr drüber reden.

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Am 3. April 2016 wird also der SCHWARZMARKT 5, die Kulinarische Tauschbörse Köln, stattfinden. Ab 14:00 Uhr im Marieneck. (Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung auf Facebook.) Alle sind willkommen, Amateure wie Profis: ob Jäger oder Sammler, Koch oder Bäcker, Herdnerd oder Affineur, Winzer oder Brauer, Käser oder Hauer, Gärtner oder Imker, Apfelmann oder Kräuterhexe. Bringt von allem, das Ihr im Überfluss habt und tauscht es gegen andere Spezereien. Ich koch Euch eine Kleinigkeit, für feine Getränke sorgt Ihr selbst! DJ Luzie wird Rare Soul auflegen, für ein Gefühl zwischen Entspannung und zuckendem Tanzbein. Wir freuen uns auf Euch und sind uns sicher: 2016 wird ein SCHWARZMARKT-Jahr!

Wichtiger Hinweis:Der SCHWARZMARKT selbst und alle Teilnehmer verfolgen keinerlei kommerzielle Absichten. Und der Erfolg ensteht durch Euch: also sagt es allen weiter!


Von Nahrung und Menschen

Dieser letzte Text des Jahres 2015 könnte ein Loblied werden auf einen Laden, in dem ich nichts gekauft habe, bisher. Weil ich Weine nie im stationären Handel erstehe. Dennoch ist la vincallerie ein Genussort allererster Güte, die Inhaberin Surk-ki Schrade eine Frau mit Weitblick und weltzugewandtem Geschmack. Die nicht zuletzt mit dem Wein Salon Natürel Köln auf der internationalen Landkarte aller Genusshipster verankert hat. Ich freue mich jedes Mal immens, wenn wir uns in der Stadt treffen. Und auf die zweite Ausgabe des Salons im kommenden März umso mehr.

Das Thema „vin naturel“ wird auch in Neukölln gespielt. In einer Naturweinbar mit nordischer Nebenbeiküche. Im wohl angesagtesten Viertel der Hauptstadt wird der Trend mit pseudophilosophischem Baumarktchic garniert und musikalisch altbacken bespielt.  Dennoch ist kaum etwas im Industry Standard so langweilig wie das eigene „Manifesto“ – und daher hat der Laden an einem späten Montagabend zwischen den Jahren geglänzt. Mein ultimativer Ausgehtipp also für Kleingruppen zum Flaschentrinken und Sachen knabbern.

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So viele Menschen, die mich umgehend für sich eingenommen haben und weiterhin interessieren, habe ich übrigens noch in keinem Jahr zuvor getroffen.
Meine Männer aus Syrien, Afghanistan und Eritrea, die mir Geschichten und Gerüche gebracht haben.  Die Unterkünft platzen inzwischen aus allen Nähten und es ist doch noch so viel Platz.
Jeder einzelne Besucher auf den vier bisherigen SCHWARZMÄRKTEN. Wie es weitergeht mit dem wunderbaren Format, bleibt eine spannende Frage für das kommende Jahr.
Alle Trinker und Winzer und Mitstreiter, die unsere Bio-Mosel-PopupWeinbar mit uns gefeiert haben. (Überhaupt war 2015 ein Moseljahr mit Mythos und Vinocamp.). An dieser Stelle sei noch einmal besonderer Dank gesagt: Ohne Marco Kramer und seinen selbstlosen wie begeisterten Einsatz nicht nur im Marieneck wäre Köln ein langweiligerer Ort – aus kulinarischer Sicht. Und menschlich deutlich ärmer.
Wann genau findet eigentlich der dritte Summer of Supper statt?

Beim zweiten war ich Teil des Rheinkombinats – und zehre immer noch von den gemeinsamen Küchenerfahrungen. Dokumentiert hier und hier und hier. Bernd und Stefan und Claus heißen weitere Menschen des Jahres.

Ich habe Kochkurse gegeben, auf dem Bauernhof, mit jungen Männern. Beides werde ich wiederholen. Auch versuchen nachzuholen, was bisher auf der Strecke geblieben ist an Ideen und Recherchen. Zuvorderst die Geschichte zum Thema Greenwashing beim Wein, fair and green. Weiterschreiben am Epos vom Selbermachen als Genuss. Mehr Struktur. Klarer fokussieren.

Die Musik kam zu kurz. Die Band, das Trompetenspiel. Immerhin lief der Zweitblog recht flüssig nebenher. 2016 wird aber ein Mandarinenjahr.

Und ein noch politischeres, denn das wahre Leben findet nicht auf Facebook statt. Bis bald.

Danke für die Liebe!