SCHWARZMARKT 12 und Foodcamp Niederrhein

Es ist mir eine große Freude, an dieser Stelle auf zwei Herzensprojekte hinweisen zu dürfen. Denn die Beschäftigung mit gutem Essen und Trinken, das Forschen, Beschreiben, Verknüpfen und Schmecken (file under: foodism) findet immer dann ihren Höhepunkt, wenn Gleichgesinnte zusammenkommen, sich austauschen, feiern, Netze spinnen, Geschmäcker teilen und voneinander lernen.

Genau so wird es wieder sein am Samstag, den 28. September, um 14:00 Uhr im Kölner Marieneck. Die inzwischen schon 12. Ausgabe des SCHWARZMARKTS steht an und wiederum sind alle zu unserem kleinen aber feinen food swap eingeladen, für die zur Kulinarik zwangsläufig das Selbermachen gehört. Wer also seine Kreationen tauschen möchte mit anderen Genusssüchtigen, sei herzlich eingeladen. Weitere Infos finden sich hier.

moi

Wie einige, die hier mitlesen oder mich anderweitig online verfolgen, mitbekommen haben dürften, war ich letzten Monat Teil des Foodcamps Rheinland. Dazu folgt auch noch ein ausführlicher Bericht.  Aber alle, die mich oder sich selbst so glücklich sehen möchten wie auf dem obigen Foto (entstanden auf eben diesem Event im Marieneck – Foto: Jennifer Braun) werden im kommenden Jahr erneut die Möglichkeit haben, an einem von Johannes, Marco und mir organisierten Foodcamp teilzunehmen. Ich erwähne das jetzt schon, damit Ihr Euch den Termin freihalten könnt (30. Juli bis 2. August 2020). Und so viel sei verraten: Es wird an den Niederrhein gehen, meine Heimatregion. Weitere Details folgen.

 


Vegetabile Transformation 1: Sellerie

Vorher:

sellerie

Nachher:

sellerievariation

Apium graveolens ist in seinen drei Varietäten Staudensellerie, Schnittsellerie und Knollensellerie eines der traditionellen Gemüse der mitteleuropäischen Küche. Dennoch wird der Doldenblütler allenfalls in Nebenrollen besetzt in den großen kulinarischen Erzählungen wie auch in alltäglichen Küchengeschichten. Als Geschmacksgrundierung im Mirepoix oder als pseudodekorativ gestrichener Püreekleks – zu mehr reicht es meist leider nicht. Neuerdings wird von bärtigen Ex-Hipstern ja fast alles ins offene Feuer geworfen und auf der Glut gegart, so auch hin und wieder der arme Sellerie. Doch ist das Archaische in der Kultur eher selten ihre Vollendung. In diesem besonderen Fall führt das Verkohlen tatsächlich zurück auf ein Grundproblem, auf den eigentlichen kausalen Zusammenhang zwischen Geschmacksgedächtnis und Abstinenz: eine süßliche Dumpfheit ist es, was den meisten Menschen, sich an Sellerie erinnernd, von den Geschmackspapillen ins Hirn schwappt und zu spontaner Ablehnung führt. Schade.

Die Sellerievariation auf dem obigen Foto ist sicherlich nicht der Kochkunst letzter Schluss. Aber das eher basale Vorgehen offenbart auf einfache wie prägnante Weise die vielfältigen Möglichkeiten dieses hierzulande fast das ganze Jahr verfügbaren Gemüses. Das Gericht ist minimal komplex und profitiert von Komplementäraromen und -konsistenzen.
Ein säuerlicher Apfel und ein Staudensellerie, in gleichmäßige Würfel geschnitten, mit viel Rieslingessig und wenig Sonnenblumenöl mariniert und schwarzem Pfeffer gewürzt. Eine Knolle, in drei bis fünf Millimeter dicke Scheiben geschnitten, paniert (dazu verwende ich neben Mehl und Ei eine Mischung aus selbst geriebenen, feinen und groben Bröseln vom alten Hausbrot) und langsam in reichlich Fett in der Pfanne ausgebacken. Selleriegrün obenauf. Etwas grobes Steinsalz darüber.

Übrigens: Im „Cook Book by Oscar of the Waldorf“ beschreibt der Maître d’hôtel des nachmaligen Grandhotels 1896 erstmals die Zubereitung des später berühmtesten Selleriesalats der westlichen Welt. Allerdings ohne die Verwendung von Walnüssen und nicht mit in Julienne gerissenem Knollen-, sondern mit fein geschnittenem Staudensellerie. SO schmeckt das dann auch.


Auberginen, georgisch

Vor einigen Tagen nahm ich einen Folianten zur Hand, der in recht oberflächlicher Weise die Koch- und Essgewohnheiten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion behandelt. Ich blätterte lustlos darin herum, bis ich am Kapitel über Georgien hängenblieb. Das Land zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer ist ja eine Art Sehnsuchtsort für Ostverliebte, Weinnerds und Naturfreaks – und spätestens seit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse auch im Bewusstsein der Bildungsbürger hierzulande angekommen. Seit einiger Zeit erwägen die Gesindehausbewohner nun schon einen Trip dorthin, aber 4000 Kilometer sind kein Pappenstiel für Flugverweigerer.  Mit dem Zug dauert die Reise locker drei Tage – one way. Beide möglichen Strecken, über Russland oder durch die Türkei, sind zwar vielversprechend abenteuerlich – aber bis zur Realisierung dieser Unternehmung gehen sicher noch einige Monate ins Land.

Holen wir uns also den Geschmack nach Hause. „Auberginen mit Walnüssen“ seien eine Art Nationalspeise, lese ich. Das kommt mir und dem aktuellen Angebot entgegen: Denn Auberginen finden sich nicht nur in Hülle und Füllle im liebsten Biofachgeschäft, sondern gerade auch in prächtiger Qualität. Im Jahr der Nussschwemme werden Verwendungsmöglichkeiten für Walnüsse mit Handkuss genommen. Und was da sonst noch reingehört in das Rezept für Nigvsiani Badrijani, weckt mein Aromen-Interesse: Knoblauch, Safran, Bockshornkleesamen, Koriander (Körner und Kraut) und Essig.

Ich habe das dicke Buch, das wirklich nichts taugt und dessen Titel deshalb hier auch nicht genannt wird, schnell wieder beiseite gelegt und frei improvisiert. Die Auberginen also längs in Scheiben geschnitten und in Olivenöl gebraten. Kein Salz: das bringt geschmacklich und auch für den Flüssigkeitshaushalt der Früchte Vorteile. Dann die Nüsse geknackt und zusammen mit den Gewürzen, einigen Spritzern Essig sowie hier dann doch etwas Salz in ein Mixgefäß gegeben. Das Korianderkraut habe ich gegen Petersilie ausgetauscht: Weil letztere momentan in besserer Qualität zu haben ist und ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein dominantes Küchenkraut zu dieser Aromenfülle passt. Das Ergebnis gab mir recht: Zur Paste gemixt, auf die Auberginen gestrichen, aufgerollt und durchgezogen schmeckte es schlicht: wunderbar. Georgien, wir kommen. Irgendwann.


Die Bilder vom SCHWARZMARKT 10

Der Jubiläumsschwarzmarkt hat großen Spaß gemacht. Über 30 Leute waren da, mit feinen Produkten und leckeren Beiträgen fürs Buffet. Die allermeisten Tauschwaren konnten dieses Mal fotografisch dokumentiert werden. Hier also  die Bilder (click to enlarge):

 

Generelle Infos zum SCHWARZMARKT gibt es hier.


Emmalie und das Entenei

Ich wiederhole an dieser Stelle gerne, dass die aktuelle Kartoffel des Jahres auf den Namen Emmalie hört. Rote Emmalie, um genau zu sein. Sie ist eine Neuzüchtung, eine Kreuzung aus den Sorten La Ratte, Baltica, Highland Burgundy Red und der alten peruanischen Landsorte Huamantango. Ich hatte im Mai schon beschrieben, dass der Retter der Linda, Karsten Ellenberg aus Barum, uns dieses farbige Prachstück beschert hat. Jetzt konnte ich die ersten Exemplare probieren, weil der beste Biobauer übers Jahr ausreichend (oder doch zu viel?) gewässert und inzwischen geerntet hat. Ich bin begeistert – allerdings nicht vollauf.

Emmalie ist prächtig geworden, ausgesprochen groß und leuchtend rot, mit einem Anflug von violett. Beschrieben wird sie als vorwiegend festkochend, was ja stets weiten Interpretationsspielraum lässt. Nachdem ich sie in der Schale so gerade weich gekocht hatte, war von einer festen Struktur jedoch nicht viel zu spüren. Schon beim Anschneiden macht sie einen einigermaßen saftigen Eindruck. Im Mund dann offenbart sich ein speckiger Charakter – wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken: übergart. Allerdings ist sie sensorisch einwandfrei, schmeckt feinwürzig, durchaus erdig-kartoffelig. Der befürchtete süße Abgang, der sich gerne mal nach suboptimaler Wachstumsphase und immer eigentlich bei südeuropäischen Erdäpfeln einstellt, bleibt zum Glück aus.

Ich könnte mir vorstellen, dass die junge E. eine gute Pürreeknolle ist. Das werde ich demnächst mal ausprobieren. So pur auf dem Teller hatte sie Glück, dass ein feines, buntes Gemüse im Estragonrahm sowie ein Entenei von ihren Konsistenzproblemen ablenkten. Überhaupt das Entenei, mein erstes: In der Größe irgendwo zwischen Huhn und Gans, von der Konsistenz her auch. Sehr angenehme, nicht zu feste Textur. Richtig guter Geschmack, weil im Verhältnis Eigelb zu Eiweiß das erstere deutliches Übergewicht hat. Ich hatte ein wenig Bedenken, ein klassisches Spiegelei zuzubereiten, wie ich es ansonsten immer mache bei für mich neuen Eierarten – hatte ich doch bei der Recherche von Salmonellengefahr und Durchgar-Notwendigkeit gelesen. Also sunny side down, mit weichem Kern. Wunderbar. Da in vielen asiatischen Küchen Enteneier standardmäßig verarbeitet werden, mache ich demnächst mal indonesische Soleier. Nur mit dem Tausenjährigen habe ich es nicht so.


Gemüse des Monats: Zuckermais

Es gibt durchaus Gemüsearten mit einem eher nicht so optimalen Image. Der gemeine Mais gehört definitiv dazu. Diese prototypisch amerikanische Pflanze, im Englischen einfach „corn“ geheißen, kommt in hiesigen Gebräuchen allenfalls zum Frühstück (geflockt) und als Kino und Kirmessnack (gepoppt) vor. Darüber hinaus fand man Maiskörner hin und wieder in den 70er und 80er Jahren, in Partysalaten und auf, ja, es ist schrecklich, Tiefkühlpizza. Die einzig ernstzunehmende Darreichungsform scheint die pulverisierte zu sein. Maisgrießbrei, also Polenta, ist, wenn nicht gerade in der Instantvariante schnellgerührt, nicht nur eine alternative Sättigungsbeilage mit eigenem Geschmacksprofil, sondern auch ein potentiell kulinarisches Schwergewicht. Voraussetzung: Gut gemahlen, also eher grob. Und eine aromatisch gute Sorte, wie zum Beispiel roter Tessiner Zuckermais.

Zuckermais ist eine durch Mutation entstandene Sorte der Pflanzenart Mais (Zea mays), die ursprünglich aus Mexiko stammt. Die zur Familie der Süßgräser gehörende Pflanze ist das Getreide (das ja interessanterweise auch ‚Korn‘ genannt wird), dessen Erntemenge weltweit die größte ist, noch vor Reis und Weizen. Ein Großteil davon wird als Viehfutter genutzt. Dem Zuckermais jedoch fehlt im Gegensatz zu allen anderen Maissorten wie Hartmais oder Zahnmais ein Gen, was zur Folge hat, das im Reifeprozess der Zucker nicht sehr schnell in Stärke umgewandelt wird. Geerntet wird kurz bevor die Pflanze komplett ausgereift ist, weil die Körner ansonsten zu sehr schrumpfen und nur noch mehlig schmecken. Doch auch nach der Ernte setzt sich die Umwandlung von Zucker in Stärke fort, so dass die Kolben idealerweise gekühlt gelagetr und schnell verzehrt werden sollten.

Eine bewährte Hobbygärtnersorte ist übrigens die schon seit 1900 bekannte Golden Bantam. Wie auch andere in der Biolandwirtschaft angebauten, frühen Sorten erfolgt die Aussat im Mai, so dass ab August geerntet werden kann. Vor und bei der Ernte – und das ist auch eine meiner liebsten, landwirtschaftsbezogenen Kindheitserinnerungen – wird gerne im Maisfeld genascht. Den Kolben von seinen Blättern zu befreien und in die saftig-süßen Körner zu beißen, zu lutschen und zu kauen und den milchigen Saft zu genießen, ist schon eine feine Sache. Im ganzen gedämpft und mit Salzbutter serviert erlangt der Zuckermais noch einmal eine fast schon kulinarische Bedeutung. Viele grillen ihn – ich mache außerdem gerne die folgenden Puffer.

Maispuffer (Vorspeise für 4)

2 Zuckermaiskolben
2 kleine Zucchini
2 Eier (M)
2 kleine gekochte Kartoffeln, zerquetscht
50 g Maisgries für Polenta
1 EL Frischkäse
1/2 Bund Minze, gehackt
Salz, Pfeffer

Maiskörner mit einem scharfen Messer vom Kolben schneiden. Zucchini grob reiben, mit einem TL Salz vermengen, 10 Min. ziehen lassen, dann alles Wasser ausdrücken und mit den restlichen Zutaten zu einem Teig vermengen. Reichlich Bratöl in einer Pfanne auf mittlere Hitze bringen, Puffer (jeweils 1 gehäufter Esslöffel Maismasse, leicht flachgedrückt) von jeder Seite 3-4 Minuten goldbraun backen. Mit etwas gesalzenem Joghurt genießen.


Dieser Beitrag ist der siebenunddreißigste in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


Über Essen lesen…

… werde ich zusammen mit anderen am kommenden Samstag in Köln. Johannes J. Arens hat das erste Mini Food Reading Festival organisiert und beschreibt es so: „6 Autor*innen lesen einen Tag lang ihre spannenden, lustigen, rührseligen und/oder bösen Texte über Essen & Trinken an ungewöhnlichen Orten quer durch Köln.“ Der Tag beginnt um 11:00 Uhr in der Kalker Bäckerei Schlechtrimen und hört abends um Acht im Ehrenfelder Marieneck noch lange nicht auf. Neben Johannes und mir lesen vor: Jörn Kabisch, Julia Floß, Astrid Paul und Torsten Goffin.

Alle relevanten Informationen zu Konzept, Orten und Autoren finden sich – genauso wie die Möglichkeit, Tickets für die abendliche Abschlussveranstaltung zu kaufen – auf der Website des Festivals, nach einem Klick auf die Grafik erreichbar. Ich freue mich auf Euch!