Peter Sicker kocht – wieder

Eine der kleinen, wunderbaren Geschichten, die die Bloggerei und das semi-öffentliche Leben als Vielfraß so mit sich bringen:
Vor ziemlich genau sechs Jahren hatte ich von einem Restaurantbesuch in Brühl berichtet und von der Begegnung mit Peter Sicker. Tolles Konzept, quasi eine rheinische Variante des amerikanischen „deli“, guter Koch, feiner Mensch. Nur war damals schon klar, dass er den Laden aufgeben würde. Die vielen Jahre als gastronomischer Alleinunterhalter waren anstrengend gewesen. Er hatte andere Pläne – und war danach komplett von der kulinarischen Bildfläche verschwunden. Immer wieder fragten mich Bekannte und wildfremde Menschen, auf dem Blog, via Facebook oder persönlich – und ich fragte mich das auch recht dringend: Wo kocht Peter Sicker jetzt? Dies brachte mich dazu, dass ich bald schon wie Cato der Ältere agierte und viele meiner Postings mit dieser Frage enden ließ.
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Während der Suche haben sich glücklicherweise einige spannende andere Kontakte ergeben – z.B. zum tollen holländischen Koch und Patron Hubert Haenen aus Valkenburg; ebenfalls ein großer Sicker-Fan. Nur der Gesuchte blieb verschollen. Ich befürchtete schon, dass er wieder angeheuert hatte, denn – so meinte ich mich zu erinnern – hatte er als Jungkoch doch viel Zeit in salzigengen Kombüsen auf allerlei Weltmeeren verbracht. Und wir wissen ja, Fernweh ist eine Krankheit, die immer mal wieder ausbricht. Obwohl Peter einer Generation von Köchen entstammt, die ohne großflächige Unterarmtattoos auskommt. Ganz ohne Umamiverlust übrigens (aber das ist eine andere Geschichte).
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Ende Oktober dann hatte ich eine Mail im Postfach:
Hallo Herr Utecht!
bezugnehmend auf ihren Artikel vom 10.01.2011 und weitere Online-Kommentare bzgl. der Recherchen nach meiner Person, melde ich mich hiermit zurück.
Ich würde gerne telefonisch Kontakt mit Ihnen aufnehmen, um alles weitere persönlich zu besprechen.
Viele kulinarische Grüße vom Niederrhein!
Peter Sicker
sicker
Verblüfft und hoch erfreut griff ich zum Telefon und erfuhr die ganze Geschichte (die hier nicht hingehört, weil sie ausschließlich im Privaten spielt). Wichtig ist nur eines: es gibt ein happy end. Ab sofort kocht Peter Sicker wieder. Er hat in Wesel-Flüren den Goldenen Pflug gekauft und während der letzten Monate umgebaut. Heute ist Eröffnung, er will das alte Konzept auch an neuer Wirkungsstätte etablieren. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass das klappt. Und werde mich in den nächsten Tagen persönlich davon überzeugen und selbstverständlich berichten.
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Sickers Restaurant und Feinkost
Goethestr. 1
46487 Wesel-Flüren
Tel.: 0281-40540999 (ab dem 13.12. aktiv)
http://www.sickers-feinekost.de (ab dem kommenden WE aktiv)

Übrigens ist dieser Beitrag ausschließlich kulinarischer Euphorie und Empathie geschuldet.

Von Foodies Inkonsequenz

Warum eigentlich is(s)t niemand von uns konsequent? Oder wer hat schon mal ein Restaurant verlassen, aus Protest, weil das einzige Wasser auf der Karte eine Nestlé-Marke war? Also eine von über 70 weltweit, zu denen so bekannte wie Vittel, S.Pellegrino, Aqua Panna, Perrier, Fürst Bismarck oder Aquarel zählen? Oder hat zumindest den Wirt gefragt, warum es ihm offensichtlich Wurst ist, woher die Produkte stammen, die er seinen Gästen anbietet? Warum übrigens isst der Veganer Wurst von Herta, immerhin seit 30 Jahren eine 100%ige Tochtergesellschaft des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns? Warum isst der Veganer überhaupt Wurst?

Ist es schlicht nicht „political correct“, Konsequenz im Verbrauchsverhalten zu zeigen und für sich selbst die Regel zu befolgen „Kauf nicht beim Schweizer Multi!“?

Warum kaufen wir samstags auf dem Wochenmarkt bio-regional – und werden ob dieses Tuns in allen unseren Veröffentlichungen zu Dogmatikern – und essen dann „auswärts“ doch den ganzen Mist, der in der deutschen Gastronomie zu 98 % verarbeitet wird? Egal, ob in der Mittagspause beim Asiaten (der seine „Lebensmittel“ zu einem Großteil aus niederländischen Foodfabriken bezieht) oder abends mit Freunden beim Griechen, Italiener oder in der gemeinen deutschen Schnitzelhölle – überall hochverarbeitete Lebensmittel fragwürdiger Provenienz und mit katastrophaler Energiebilanz. Die so genannte gehobene Gastronomie agiert übrigens selten anders. Da kommt die nährwertfreie, konventionelle „Wildsalatmischung“ nur vom Pariser Großmarkt.

Warum spielt Qualität exakt dann keine Rolle mehr, wenn der foodistische Gruppenzwang groß genug wird, die Verpackung sexy ist und das Thema hip?

Warum also? Ganz einfach: Weil der Mensch ein träger Ignorant ist. Weil Kompromissfähigkeit als Tugend gilt und Konsequenz als latent faschistoid. Weil erst das Fressen kommt, dann die Moral.

Doch warum verstecke ich mich in diesen hingerotzten Zeilen eigentlich im Plural, wenn es doch nur um mich geht?


Menü Sonnora

Entgegen meiner Art heute kein Text, keine eigene Idee, keine Kritik. Nur dokumentiertes Staunen über ein für mich einmaliges Restauranterlebnis. Allen Genussmenschen, die weder Kalorien zählen, noch sich der Fleischeslust verweigern, sei ein Besuch im Eifelwald, bei Helmut Thieltges im Sonnora, uneingeschränkt empfohlen. Wer Klassik mag, wird kein besseres Restaurant finden hierzulande.

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Auch Bernd hat übrigens schon berichtet. Stefan inzwischen ebenfalls.


Frühstücksglück

Resi kenne ich schon seit ein paar Jahren. Sie ist fester Bestandteil des rheinischen, vegetarisch-kulinarischen Kosmos. Avantgarde geradezu. In Düsseldorf als vegane Köchin bekannt geworden (und auch einmalig in Köln, beim Summer of Supper), mit ihrem Lastenfahrrad als Resi lecker Baguette das Glück vieler zur Mittagspausenzeit darbender, genussgewohnter Büromenschen. Nach Babypause wieder ab und an als Cateringqueen zurück im Spiel. Und jetzt schon zum zweiten Mal mit einem Frühstücks-Supperclub (zusammen mit Isa) und Schnaps, Sonntags in der Mütze.

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Wir haben es heute zur zweiten Ausgabe des Frühstücksglücks geschafft. Kein fieser Brunch, ein 5-gängiges Frühstücksmenü machte diesen sonnigen Sonntagmorgen zum Wochenendhighlight. Zum Auftakt Prosecco und ein grünes Fruchtgetränk, welches Smoothie zu nennen der leckeren Sache nicht gerecht werden würde. Yoghurt mit Früchten und Granola war ein leichter, zweiter Versuch, dem morgendlichen Hunger beizukommen. Dann beste Brötchen, ein weichgekochtes Bioei und allerlei formidabler Käse sowie in Butter, Zucker und Knoblauch geschwenkte Kirschtomaten. Höhepunkt war ein Grünkohlgericht: Mit Zitrone und Salz einen Tag mariniert bekam das vormalige Hipstergemüse eine angenehme Textur und Frische und wurde mit Cannellinibohnen, Nüssen und getrockneten Früchten im Glas serviert.

Vor dem Rausschmeißerschnaps (zwei selbst aufgesetzte Varianten aus Holunder und Lakritz) kam noch eine als Schweinerei annoncierte süße Rolle auf den Teller, die sich als eine Art french toast entpuppte, in einem Fruchtkaramell gewälzt (Quitte oder Brombeere, die Meinungen gingen hier auseinander). Insgesamt war das Frühstücksglück gegen 1 Uhr mittags perfekt. Wer selbst einmal solcherlei probieren möchte: Ausgabe 3 wird am 20. November ebenda stattfinden.


Ein Kugelteller oder Kürbis, im Ganzen gegart

Vom Versuchsfeld des besten Biobauern schafften es einige Miniaturausgaben von Hokkaidokürbissen bis ins Gesindehaus. Zwei Ideen spukten umgehend in meinem Hirn herum: Füllen und im Ganzen garen war die eine. Da ich aber ein eher unansehliches Tellerbild antizipierte, trat Idee 2 auf den Plan: das Ganze mit anderen, kleineren Kugelförmigen optimieren. Ob mir dies hinreichend gelungen ist, liegt im Auge des je anders geschulten Betrachters.

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Zu sehen sind folgende Komponenten (im Uhrzeigersinn):
Mit leicht scharfem Couscous und weißen Weintrauben gefüllter und im Ofen gegarter Hokkaido mit einem Topping von Senfbutter und karamelisiertem Knoblauch, in Birnenbalsamessig marinierter Staudensellerie, säuerlicher Couscoussalat, Zitronenkaviar, fermentierte Tomate. Besser wäre gewesen: mehr Salz. Sonst ganz gut.


Das war der SCHWARZMARKT 6

Die sechste Ausgabe des Kölner SCHWARZMARKTs, der gestern wie gewohnt im Marieneck stattgefunden hat, war die bisher beste. Über 30 Menschen boten weit mehr als 70 verschiedene kulinarische Eigenkreationen oder Gartenfrüchte zum Tausch an.

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Johannes hat das ganz genau dokumentiert. Die allermeisten Teilnehmer gingen reich beschenkt wieder nach Hause. Fast alle stellten mir, noch ganz euphorisiert vom herrlichen Probieren und den wunderbaren Gesprächen, beim Abschied die Frage nach dem nächsten Mal. Hier also die Auflösung:

Der SCHWARZMARKT 7 findet statt am 2. April 2017.

Gleicher Ort, gleiche Zeit. Alle weiteren Informationen dazu wird es in den kommenden Monaten hier und in der entsprechenden Facebookgruppe geben.

Es waren viele neue Gesichter dabei – und einige altbekannte. Die bloggenden unter ihnen haben auch schon berichtet. Z.B. Bernd, Jochen und Stefanie. Deren Onjeschwedde war eines meiner persönlichen Highlights – das ich aber prompt vergessen habe, einzutauschen. Wir Gesindehausbewohner hatten übrigens als Tauschobjekte erneut Tomatenkonfitüre (von der Picolino-Tomate) dabei sowie erstmals eine Gemüsepaste, die für Brühe und zum Abschmecken von Soßen oder Eintöpfen Verwendung finden kann. In den letzten Jahren ist unter den Lebensmittel-Selbermachern gekörnte, getrocknete Gemüsebrühe sehr populär geworden. Uns erscheint das wegen des stundenlangen Trocknungsprozesses im Ofen allerdings doch eine ziemliche Energieverschwendung zu sein. Daher also dieser Versuch mit einer rohen Paste, die mit einen Salzanteil von 20 Prozent mehr oder weniger haltbar gemacht wird (im Kühlschrank mindestens 1 Monat – wahrscheinlich deutlich länger). Hinein kamen neben dem Salz Möhre, Stangen- und Staudensellerie, Lauch, Petersilie und Petersilienwurzel sowie etwas Lorbeer und Liebstöckel – alles zusammen fein püriert.

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Bis zum nächsten Mal!


Neu in Köln: Salvatore Bella im Rosati

Auf Einladung von Salvatore Bella, italienischer Spitzenkoch und zuletzt Küchenchef im hiesigen Hyatt, habe ich heute einen Blick werfen dürfen in’s Rosati im Gerlingquartier. Genau wie das gesamte Viertel, dessen Wandlung in eine kölsche Top-Wohnlage nun schon Jahre dauert, haben die Düsseldorfer Betreiber um den Promi-Wirt Santo Sabatino ganz schön viel Zeit ins Land gehen sehen, bevor nun am kommenden Wochenende die offizielle Eröffnung ansteht. Dabei ist eines jetzt schon klar: Das Rosati Köln wird mehr sein als ein Nobelitaliener in übertriebenem Design und mit überdosierter Attitüde. Das dafür nötige Schickimicki-Publikum gibt es in Köln schlicht nicht in ausreichender Zahl, als dass ein solches Konzept wirtschaftlich funktionieren könnte.

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Und Bella kocht auch viel zu gut dafür. Ich durfte mich durch die gesamte Karte probieren, die momentan während der Soft-Opening-Phase zur Probe gekocht wird. Und schon ein scheinbar simpler Teller wie die „Kopfsalat-Tortelli mit Burrata, konfierten Tomaten und Mohn“ besticht durch handwerkliche Präzision und beste Produktqualität. Ebenso wie die Kalbsravioli – Bella erklärt gerne den Twist für die Füllung: „Für die Farce nehme ich ausschließlich Kalbszunge. Und gare die Pasta anschließend in deren Brühe.“ Manchmal ist es so einfach. Und gut.

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Bleibt zu hoffen, dass in dem riesigen Restaurant mit bestimmt über 300 Plätzen die Küchenqualität nicht abfällt, wenn’s voll wird. Die 13-köpfige Crew hinterm Pass scheint mir aber gut gewappnet. Salvatore Bella strahlt sowieso Ungeduld aus und Zuversicht. Und ich bin mir sicher, in fußläufiger Nähe zum Büro zukünftig eine weitere gute Adresse für meinen Mittagstisch zu haben. Abends dann gibt’s im tatsächlich stilvoll gestalteten Barbereich Livemusik, gute Drinks (auch italienisches Craftbeer) und Wohlfühlatmosphäre, die nicht zuletzt einem kompetenten Serviceteam geschuldet ist.

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