Jahrestag eines Unfalls

An einem trüben, feuchtkalten Spätherbstmorgen gurgelt der alte 3er-Golf beim Anlassen noch ein paar Sekunden länger als sonst. Doch einmal auf Betriebstemperatur schnurrt er zuverlässig und lässt sich leichter Hand chauffieren auf den Baum bestandenen Landstraßen am linken, mittleren Niederrhein. Trier ist heute unser Ziel, die alte Lieblingsstadt und Moselkapitale. Seit Studentenzeiten eine Art Sehnsuchtsort. Der heutige Anlass allerdings ist eher ernster Natur: ein Krankenbesuch steht an. Doch sind wir fröhlich, die Frau am Steuer, der Freund im Fond und ich als Beifahrer, singen einander Songs vor bis zum Wiedererkennen, scherzen auch noch, als wir das große Braunkohleloch passieren, auf der A61 nun, gen Süden.

Bis zu diesem einen Moment, der alles ändert, kurz hinter Quadrath-Ichendorf: Ich habe mein Leben geliebt, so wie die Frau neben mir, kann ich noch denken, bevor die Holzlatte einschlägt. Die misst 220 x 12 x 1,5 cm, so steht es später im Unfallbericht, der Autobahnpolizist hat sie herausgezogen aus dem Loch, das sie geschlagen hat zwischen uns. Erst im Himmel bleibt sie stecken, keine Hand breit neben meinem Kopf. Ein Sanitäter spricht später von der Definition von Glück. Ich weiß nicht, was das ein soll, Glück: feuchte, zitternde Hände, weil wir beim Dreisprung von der Schippe mit dem Leben davon gekommen sind?

Ein paar Augenblicke zurück: Wir sind mit 120 km/h auf der Überholspur, rechts von uns eine LKW-Kolonne, als über einem von ihnen, vielleicht 150 Meter vor uns, eben jene Latte hervorwirbelt, direkt auf uns zu. Diese Sekunde vielleicht, die zwischen Erkennen und Einschlag liegt, nutze ich zu einem Blick nach links – ja, sie hat es auch gesehen – und zum Abschied. Dankbarkeit und ein Fluch, der ungefähr den Gedanken beinhaltet, dass jetzt doch noch nicht alles vorbei sein dürfe. Dann der Knall. Ich tauche ab. Sie allerdings ist voll und ganz diese so genannte Geistesgegenwart. Mit Glassplittern im Gesicht und der Latte in Wimpernschlagnähe fährt sie einfach weiter. Ruhig. Schließt den Überholvorgang ab, setzt den Blinker, und zieht hinüber bis auf den Standstreifen, wo wir langsam ausrollen. Dabei schaut sie sich um – ja, wir leben – schaltet die Warnblinkanlage ein und seufzt.

Der Rest könnte sein: Polizei, Feuerwehr, Rettungswagen, ADAC. Weiche Knie, Traumatherapie. Wenn da nicht kurz nach uns ein weiteres Fahrzeug halten würde. Ein Transporter mit einem Anhänger. Darauf eine Weihnachtsmarktbude. Gezimmert aus Holzlatten. Der Fahrer steigt aus. Wir auch, endlich. Er geht um unser Auto herum. Beugt sich über den Kühler. Betrachtet das Loch im Glas und ganz genau die Latte. Sagt „Nicht meine“ steigt in sein Fahrzeug und fährt davon.

Wie ich es schaffe, im Anfahren ein Foto vom Nummernschild zu machen, weiß ich nicht. Drei Sekunden zuvor konnte ich noch nicht einmal das Telefon halten, geschweige denn wählen. Aber es führt zu nichts. Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren gegen unbekannt nach einigen Monaten ein – ungefähr zu der Zeit, in der die nächtlichen Flashbacks weniger werden. Mit der Freundin aus dem Trierer Krankenhaus, den besten Nachbarn der Welt und dem Menschen, der uns den Himmel nähte, feiern wir dieser Tage Geburtstag. Übermorgen werde ich mal wieder die Stelle passieren, wo immer noch unser Warndreieck steht, am Steuer eines Golf 3, an einem Spätherbstmorgen.


3 Kommentare on “Jahrestag eines Unfalls”

  1. Thea sagt:

    Die Lektüre hat mich richtig gepackt. Welch‘ ein Geschenk, dass Ihr alle noch am Leben seid. Genießt das Leben: Jetzt erst recht.

  2. kormoranflug sagt:

    Glückwunsch zum gewonnen Leben – feiert nicht zu viel.

  3. karu02 sagt:

    Jetzt freut es mich doppelt, dass ich Dich kennen lernen durfte.


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