Von Bergischen Schlotterkämmen und Rheinischen Ringschlägern

Auch Westfälische Totleger und Stargarder Zitterhälse durfte ich kürzlich kennenlernen. Ebenso wie riesige Gelbe Cochin, Genter Kröpfer und das Deutsche Lachshuhn. Womit die Fährte gelegt ist: nach Sinsteden, zum wissenschaftlichen Geflügelhof. Diese spannende Einrichtung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für den Erhalt genetischer Vielfalt beim kunterbunten Federvieh zu sorgen und dabei Wissenschaftler und Hobbyhühnerhalter integriert, ist allemal einen Besuch wert. Umso mehr, da sie eingebettet ist in einen wahrlichen Museumseklektizismus mit Namen Kulturzentrum Sinsteden. Am Rande des Rhein-Kreises-Neuss, auf dem Gebiet der Gemeinde Rommerskirchen und in bedrohlicher Nähe der Rheinbraun-Dreckschleuder Frimmersdorf.  In diese unwirtliche Gegend verirrt sich niemand zufällig. Daher wunderte es uns nicht, dass wir Sonntagmittags die einzigen Besucher waren in dieser riesigen Anlage.

Dort befinden sich neben Hühnern, Puten, Tauben und Lockengänsen auch das Archiv des „Kaltblutpferdes Nordrhein“, das Institut für angewandte Hippologie und das Landwirtschaftsmuseum mit einer imposanten Sammlung von Case-Traktoren der International Harvester Company m.b.H Neuss. Ditmar Zachäus betreibt in einem alten Gebäudeteil seit über 15 Jahren sein empfehlenswertes Cafe Stüffje. Und in zwei weitläufigen Lagerhallen haben Objekte und Skulpturen von Ulrich Rückriem ihre Heimat gefunden. Auch allein für diese beiden Teile der Anlage lohnt ein Besuch.

Also noch einmal die unbedingte Empfehlung: Besucht das Kulturzemtrum Sinsteden – es  lohnt sich!


Sentenz übers Älterwerden

Wie habe ich sie gehasst, die Langweiler, die ihr provinzielles Dasein schon in der Jugend mit Hüsch-Zitaten verbrämten. Weil sie wirklich nichts wissen und auch nicht erklären. Können. Damals nicht, heute nicht. Denen der alte Mann aus Moers samt Philicorda-Orgel Potemkinsches Dorf war für die eigene Inhaltsleere. Nun aber ziehen die Jahre über die niederrheinische Tiefebene und ins Gesicht und ich erkenne die Gemeinsamkeiten. In den Denkmustern vor Allem. Nicht nur der Fuß, nicht Süchteln.

“Der Niederrheiner braucht ja eigentlich nur sich, mehr muss dat gar nich sein, weil der so viel mit sich selbst zu tun hat, von morgens bis abends. Da kommt der auf dem flachen Land gar nich zur Ruhe, weil der ewig am bosseln un am prakesieren un am rennen is, aus de Küch innet Krankenhaus, dann auf en Kirchhof und dann wieder zurück inne Küch.”

Die Herkunft, nicht der Dialekt. Der immer anders klang als meine Vatersprache. Die Ruhe vielmehr und die Lust am Kleinen. Der Genuss. Die Musik.


Am Niederrhein nichts Neues

Am Niederrhein nichts Neues – zumindest was die Bewertungen der beiden “großen” Restaurantführer angeht. In ihren gerade veröffentlichten Ausgaben für 2016 zementieren Michelin wie auch Gault-Millau den Eindruck einer kulinarischen Diaspora zwischen Rhein und niederländischer Grenze – und dies nicht ganz zu unrecht, nach wie vor. Wenn ich Düsseldorf einmal ausblende – wo Jean Claude Bourgueil im Schiffchen weiterhin 2 Sterne hält (ich den Laden aber dennoch meide) und wo es 7 weitere 1-Sterner gibt – leuchtet einzig über Xanten der Gourmethimmel. Jürgen Köpp kocht in seinem Landhaus seit Jahr und Tag zuverlässig solide.
Vom Michelin mit dem Bib Gourmand ausgezeichnete Häuser gibt es immerhin einige, zwar wenige, aber sehr empfehlenswerte.

Im Sonneck in Hinsbeck, in naturnaher Lage an den Krickenbecker Seen, steht Bratenkönig Ernst-Willi Franken am Herd der besten Stube im Dorf. Besonders im Sommer ist das Restaurant eine absolute Ausflugsempfehlung: Die Tische auf der Kräutergartenterasse gehören zu den idyllischsten, die ich im Umkreis kenne.

Krefeld hat zwar eher den Charme einer englischen Arbeiterstadt aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, hat aber mit dem Stadtteil Uerdingen immerhin einige Kilometer Rheinfront – und dort das beste französische Restaurant der Region. Im Chopelin wird die Phrase vom “hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis” ganz besonders eindrücklich definiert.

Und dann natürlich noch unser Dorfgasthaus. Bei Stappen gibt es erstklassige Produkte, regionaler Schwerpunkt. Die gute Weinkarte wird von Carmen Stappen verantwortet. Das monatlich wechselnde Speisenangebot von FraJo Stappen, der die meisten Lebensmittelproduzenten persönlich kennt und in der Küche absolut weiß, was er kann und dies auch zeigt. Nie überambitioniert, immer auf den Punkt.
Im Winelive in Meerbusch war ich hingegen noch nie – aus unserer Perspektive ist das eigentlich auch Düsseldorf.

Die Niers zwischen Grefrath und Oedt

Wer Heinsberg noch zum Niederrhein rechnet, freut sich mit Rainer Hensen über 17 Punkte für’s St. Jacques im Gault Millau und 1 Stern. Und was mit Wesel ist, weiß ich eigentlich auch nicht. Dennoch gibt es dort zwei Bib-Gourmand-Häuser: Das Art und das Carpe diem.


Kochtag und Feldführung auf dem Lenßenhof

Vergangenen Freitag habe ich gekocht. Gut, das ist keine Nachricht, sondern Alltag im Gesindehaus. Aber ich habe nicht am heimischen Herd gestanden, sondern in einer improvisierten Freiluftküche, auf dem Lenßenhof in Mönchengladbach-Odenkirchen. Im Rahmen des BIOLAND-Kochtages habe ich für und mit Kunden des Hofladens und das ganze Team des Bauernhofs gemüsige Köstlichkeiten zubereitet. gemüse Wir haben also zu siebt geschnibbelt, gerührt, geschmort und gebacken – für insgesamt 25 hungrige Mäuler. Dabei konnte ich zusammen mit Bauer Joachim Kamphausen einiges zum aktuellen Gemüseangebot des Hofs erläutern, welches die Grundlage bildete für die zubereiteten Speisen: Bundknoblauch, Porree, Bärlauch, Kartoffeln, Möhren, Sellerie, Zwiebeln. Alles hat wunderbar funktioniert und geschmeckt – weile wunderbare Menschen harmonisch und interessiert zusammengearbeitet haben. So konnten wir zwischendurch und abschließend folgendes essen: Rheinische Aioli, Linsen-Knoblauch-Salat, Stielmuscrespelle sowie zum Finale einen süßen Kartoffelkuchen mit einer Kartoffelschalenkaramellcreme (Rezept folgt).

Im Anschluss an dieses erfolgreiche Experiment, das bestimmt weitere ähnliche Veranstaltungen nach sich ziehen wird, trudelten nach und nach einige Foodies und Blogger auf dem Hof ein, um sich im Rahmen einer zweistündigen Feldführung von Joachim Kamphausen über seine Äcker jagen zu lassen. Dabei hat er uns seinen Ansatz des ökologischen Gemüseanbaus erklärt, aktuelle Kulturen gezeigt und erläutert, seine Philosophie von regionaler Komplettversorgung gepaart mit dem Engagement für alte Sorten nachvollziehbar gemacht – und nicht zuletzt die wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen ein Herzblut-Biobauer zu kämpfen hat, dargestellt. Danke dafür! (Und Dank an Sonja Oelgart für die Foto-Dokumentation.)

Abschließend gab’s ein Glas Melsheimer-Riesling vorm Hofladen, glückliche Gesichter und die Gewissheit, dass Genuss nicht von ungefähr kommt.


Mein Biobauer

Achtung, Werbepause

“Ich gehe jeden Abend an mein Feld und gucke, wie die Kulturen wachsen. Wenn da alles gut läuft, bin ich immer sehr, sehr zufrieden. Mein Name ist Joachim Kamphausen, ich bin Biobauer aus Leidenschaft und bewirtschafte 25 Hektar Ackerland in Mönchengladbach am Niederrhein.”


Gemüse des Monats: Rosenkohl (2)

Anfang März, und so langsam wird es kompliziert. Auf rheinischen Äckern sprießt noch nix und alles Alte ist längst gegessen. Doch halt, es gibt zwei Ausnahmen. Dank des milden Winters war durchgehend Feldsalat verfügbar, so auch aktuell. Und in einem versteckten Zipfel seiner Ländereien hat der Biobauer meines Vertrauens doch tatsächlich noch einen Restbestand an Rosenkohlpflanzen gefunden. Rechtzeitig, denn ab April würden die Röschen wahrscheinlich beginnen zu blühen. Eindeutiger Klimaerwärmungsgewinnler, der Choux de Bruxelles, und ich ein Krisenprofiteur? Nicht ganz. Die im Biolandbau Verwendung findenden älteren, nicht hybriden Sorten sind frosthärter als die auch geschmacklich ärmeren konventionellen kleinen Kohlköpfe.

Beim Premierenauftritt im Rahmen der Show “Gemüse des Monats” (hier nachzulesen) habe ich schon ausführlich über Herkunft und Besonderheiten des Gemüses berichtet. Was noch zu ergänzen wäre: Wahrscheinlich ist er in Europa schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Wie das “Lexikon der alten Gemüsesorten” berichtet, erwähnt die Marktordnung der Stadt Brüssel bereits 1231 eine lokale Form von Kohl unter dem heute noch in Belgien für Rosenkohl gebräulichen Namen “Spryten”.

Rosenkohl darf auf gar keinen Fall übergaren, sonst wird er muffig und verliert alle so genannten “wertvollen Inhaltsstoffe”. Angeblich hat er den höchsten Vitamin-C- und Proteingehalt aller Gemüsesorten. Doch mir geht Geschmack vor Gesundheit. Dennoch ist ein vorsichtiges Herangehen an das folgende Rezept wichtig. Der wichtigste Aspekt ist, den richtigen Garpunkt zu erwischen – knapp nach bissfest, kurz vor Matsch.

rosenkohlsuppe

Suppe von Rosenkohl und Brot
(Vorspeise für 4, Hauptmahlzeit für 2 Personen)

20 Rosenkohlsprossen
1 Zwiebel
2 festkochende Kartoffeln
1 L Gemüsebrühe
Rapsöl
2 Scheiben Weißbrot vom Vortag
50 g Gruyere oder Emmentaler

Die feingewürfelte Zwiebel in wenig Öl glasig anschwitzen. Dann die ebenfalls gewürfelte Kartoffel hinzugeben, durchrühren und mit der heißen Brühe auffüllen. Einmal aufkochen und den geviertelten Rosenkohl in den Topf geben. Ca. zehn Minuten knapp unter dem Siedepunkt garen. Dann erst mit dem besten verfügbaren Salz und schwarzen Peffer abschmecken. Jeweils eine Scheibe Brot in einen tiefen Teller legen, mit Suppe auffüllen und etwas Käse in die Mitte geben. Dazu passt ein restsüßer Moselriesling.

 

Dieser Beitrag ist der sechzehnte in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht. 


Das Ende einer Wirtschaft

Das Dorf, an dessen Rand wir wohnen, ist das schönste am südlichen Niederrhein. Fachwerkidylle, die Quarzitkuppe, die wehrhaften Höfe und herrschaftlichen Häuser rundum, das kurkölnische Schloss im Haag, der Sandbauernhof. Bürgerschaftliches Engagement ist der Garant für ein lebendiges Dorfleben, Vereine und einige wenige bedeutende Familien bestimmen den Lauf der kommunalen Dinge. Künstler ziehen zu und Touristen bevölkern an sonnigen Wochenenden in Scharen die kopfsteingepflasterten Gassen. Wir wohnen etwas abseits, wie gesagt, in einem Gesindehaus, zum Glück.

Neben der beschriebenen, fast schon musealen Schönheit und dem angedeuteten intakten Dorfleben zeichnet Liedberg ein weiterer Umstand aus, der andernorts in der Region kaum noch anzutreffen ist: Bei gerade einmal 2.000 Einwohnern werden hier drei wirklich wunderbare Gasthäuser betrieben. Bisher, muss man wohl schreiben. Denn dunkle Wolken bedrohen das gastronomische Glück. Im Alten Brauhaus, seit 1898 von der Familie Vennen geführt, wird sich in Zukunft einiges ändern.

vennen

“Vennen macht zu” erreichte uns dieser Tage die beunruhigende Nachricht per SMS. Bei der montäglichen Chorprobe dann Gewissheit: Wirt und Sangesbruder Wilfried Vennen verkündete eine “Persönliche Stellungnahme”, in der er den Verkauf der Gebäude und seinen Abschied als Wirt ankündigte (nachzulesen auf der Internetseite des Lokals). Da die Kinder den Betrieb nicht übernehmen wollen, sei nun, da alles prächtig laufe, der richtige Zeitpunkt, über einen Verkauf nachzudenken. Seitdem köchelt’s in der Gerüchteküche und – was schlimmer ist – Ängste kommen auf. Verliert das Dorf seinen kulturellen Mittelpunkt?

Denn das ist der Grund, warum ich hier im Blog, in dem es meist um gourmandise Eskapaden geht, von einer Dorfkneipe berichte. Meine kulinarischen Bedürfnisse werden in den beiden anderen Gastronomiebetrieben meist zufriedenstellender befriedigt. Da ist zum einen das an der Bundesstraße zwischen Neuss und Mönchengladbach (der alten, Rhein und Maas verbindenden Römerstraße) gelegene Liedberger Landgasthaus. Ein großer Gasthof, der als Restaurant auch Beerdigungskaffees kann – aber gleichermaßen den festlichen Sonntagsmittagstisch. Traditionell rheinisch, günstiger Mittagstisch wochentags (durchgehend geöffnet – eine absolute Seltenheit hier), klassische Menüs. Peter und Simone Schmitt beschäftigen zudem seit kurzem eine hervorragende Pâtissière. Jahr für Jahr sind sie mit ihrem Konzept nicht nur bei der Düsseldorfer Tour de Menu erfolgreich.

Ebenfalls jenseits der B230 liegt das Gasthaus Stappen. In der BIB-Gourmand-Liga angesiedelt, erstklassige Produkte, regionaler Schwerpunkt. Die gute Weinkarte wird von Carmen Stappen verantwortet. Das monatlich wechselnde Speisenangebot von FraJo Stappen, der die meisten Lebensmittelproduzenten persönlich kennt und in der Küche absolut weiß, was er kann und es auch zeigt . Nie überambitioniert, immer auf den Punkt.

Und eben Vennen. Wo die Männer an der Theke stehen und entspannen mit Hannen. Radler im idyllischen Biergarten. Vereinen eine Heimat. Nachrichtenumschlagplatz. Das alte Fachwerk ächzt wie so mancher Gast nach zu vielen vom vorzüglichen Hausschnaps. Wieviele Runden wurden gegeben, Stammtische abgehalten, Lieder gesungen? Wolltest Du was wissen, als Zugezogener, über das Dorf und seine Menschen – Wilfried wusste alles, immer. In seinem Saal hat er Tanztees veranstaltet, Rockkonzerte, klassische Soireen. Absurdes auch, Volkstümliches oft. Wenn er dann selber zum Akkordeon gegriffen hat, zu nächtlicher Stunde, war Kitsch keine Kategorie mehr.

Das alles ist Vergangenheit, bald? Wir werden sehen, was kommt. Und verbleiben mit leisem Dank.


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