Chopelin, Krefeld

Vor inzwischen wohl schon fünf Jahren empfahl mir der Weinmacher Peter Weritz, den ich auf dem ersten Vinocamp in Geisenheim oder aber bei einem der großartigen Feste unserer gemeinsamen Freundin Astrid (ich weiß es nicht mehr genau, es war eine Rieslingdunst-verhangene Zeit damals) kennen- und schätzen gelernt hatte, das Lokal der Familie Chopelin in Uerdingen. Seitdem war ich oft am Krefelder Rheinufer, inmitten von morbider Rheinromantik, im klassizistischen Casinogebäude, in dem Bistro und Restaurant untergebracht sind. Ob unschlagbar günstiger Mittagstisch oder das große Menü am Abend – hier wird mit schlafwandlerischer Sicherheit eine Variante der französischen Küche gepflegt, die bisweilen etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Unnötig zu erwähnen, dass die Küchenleistung immer handwerklich auf hohem Niveau und der Service zuverlässig kompetent wie nahbar ist. Dies ist kein Ort für Experimente. Entspannen auf sicherem Terrain ist das Versprechen.
Um das Pferd von hinten aufzuzäumen: Gutes Indiz für das kulinarische Selbstverständnis eines derart „guten Hauses“ und eines Patrons wie Yves Chopelin ist hier schon die Käseauswahl. Einen besseren – weil perfekt gereiften – Munster aß ich nie.
Unbedingte Empfehlung!

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Uerdingen, die französische Hochküche und eine gewisse Todessehnsucht

Das Leben ist endlich, glücklicherweise. Nur endet es in vielen Fällen unpassend; zumindest was den Zeitpunkt angeht. Mir wird allerdings die Gewissheit, dass die Menschen immer älter werden, zunehmend zur Bedrohung. Das ist kein vages Gefühl, sondern eherne Überzeugung: Früh stirbt sich besser. Auch unter ästhetischen Gesichtspunkten ist beizeiten durch den Jordan schwimmen ein durchaus zu begrüßender Umgang mit der Thematik. Doch bevor jetzt jemand wahllos Notrufnummern in die Tastatur eines Telekommunikationsgeräts drückt – ich bin des Lebens nicht müder als an anderen Tagen, an denen ich gut zu Mittag aß, die Sonne schien und ich die wohlig-dämpfenden Auswirkungen latenten Schlafmangels bestaunte an einem Organismus, der ansonsten pulsiert vor Energieüberfluss. Nächste Woche ist Karneval, da wird der Winter ausgetrieben, das Jahr hat bisher schon mehr Versprechungen gemacht, als es wird halten können. So mag ich’s gern – vielleicht war ich nur zwei, drei Male zu häufig in den letzten Tagen in Uerdingen.

uerdingen

Meine Lieblingsrheinpromenade liegt ebenda. Zwar nur 300 Meter lang zwischen Industriehafeneinfahrt und Bayerwerkstor (was zugegeben halb gelogen ist) – aber nirgends sonst gehen Schifffahrtsromantik, kulinarische Ambition und urbane Agonie eine innigere Verbindung ein. Krefeld als Arbeiterstadt zu beschreiben, ist ja schon ein höhnischer Euphemismus. Uerdingen war einmal eine linksrheinische Blüte der schwärenden Pflanze Ruhrgebiet, wandelte sich in den letzten Jahrzehnten jedoch rasant zur soziokulturellen Wüstenei. Ich mag das Morbide, vieles hier gemahnt mich an eine Vielzahl von osteuropäischen Metropolen kurz nach dem Mauerfall. Selbst den Geruch dort habe ich geliebt.

Inzwischen wird nicht mal mehr schlechter Weinbrand produziert in der Rheinstadt. Dafür haben Künstler Einzug gehalten in den Gebäuden der ehemals größten Brennerei Deutschlands. Und im Innenhof von Dujardin versteckt sich Sommers ein wunderschöner Biergarten. Doch was wirklich beachtenswert ist: Es lässt sich vorzüglich speisen – jeweils einen Steinwurf voneinander entfernt befinden sich drei der besten Restaurants des linken unteren Niederrheins. Der transasiatischen Küche der Familie Nguyen huldigte ich bereits, das La Riva mitsamt superber Fisch- und Weinkarte folgt demnächst. Heute dafür einige Worte über ein relativ klassisches französisches Etablissement: Das Chopelin im Casino. Lange habe ich das Lokal ignoriert, leide ich doch unter gut ausgeprägten Berührungsängsten mit der französischen Hochküche. Doch ein Vinocamper aus dem Rheingau legte es mir derart eindringlich ans Herz und empfahl mich der ihm befreundeten Betreiberfamilie – dass es nun auch um mich geschehen ist. Ich bin endgültig für jegliches Mittelmaß verloren.

Die Kochleistungen in Bistro und Restaurant sind genauso klassisch wie großartig innovativ, die Aktionen kreativ und überaus erschwinglich. Die Atmosphäre ist durchaus kommunikativ und weit entfernt von steifer Förmlichkeit oder hochnäsiger Noblesse. Der exzellente Service trägt einen großen Teil dazu bei. Die Lage ist ein Traum und ich freue mich jetzt schon auf den Sommer – die repräsentative Terasse trohnt überm grauen Strom. Komplett  macht den Genuss jedoch der Kontrast, den beim Verlassen der Eintritt in die real existierende, postindustrielle Umwelt bietet. Ich halte ein gewisses Maß an Todessehnucht in diesem Zusammenhang für absolut angebracht. Der Soundtrack zum Ort kommt ganz eindeutig von Joy Division.


Liegt Uerdingen in Vietnam oder ein weiterer Grund, warum Vancouver die beste Stadt der Welt ist

Schifferklavier und Fisch passt gut. Und da ich in den letzten Wochen einen fast schon abseitigen Hang zu Akkordeon-Musik habe (vielleicht ist es aber auch nur unterbewusste Vorfreude auf Sonntag), bin ich schließlich beim Klassiker des Klezmer-Punk, Geoff Berner, gelandet. Der „Lucky Goddamn Jew“ aus Vancouver konzertiert übrigens im Oktober hierzulande – hingehen, hören und staunen. Trinken und tanzen.

Eigentlich war heute Zeit für ein weiteres Kapitel meiner unendlichen Suche nach akzeptabler vietnamesischer Kochkunst am Niederrhein. Verwegenes Unterfangen, ich weiß. Dennoch rollte ich zum Rhein hinab, nach Uerdingen, ins Herz industriepolitischer Finsternis. Wo dennoch gastronomische Blüten im Verborgenen gedeihen, wie das La Riva oder das Chopelin im Casino. Und es eine gar vorzügliche Canh Chua gäbe, dies wurde mir zumindest zugetragen.
Familie Nguyen betreibt am unteren Ende der Fußgängerzone ein Lokal namens Chi Sushi. Natürlich habe ich wieder mal keinen Bissen Vietnam genossen, dafür aber die geballte Energie rohen Fischs.

M10 im Chi Sushi

M10 im Chi Sushi

Bei Chinesen, die ne Pizzabude betreiben, hört mein Pioniergeist in der Regel auf. Da ich aber mein bestes Sushi bisher in Bangkok aß (und zwar im Fuji-Restaurant im MBK-Center), und Onkel Ho’s Neffen und Nichten kulinarisch sowieso alles können, wagte ich – und gewann. Ein perfektes Mittagessen (samt sanftrauchiger Misosuppe und Jasmintee). Einen neuen netten Menschen (Besitzerstochter Marie, charmant und kompetent, welch seltene Kombination). Einen stimmigen Ort (welches Lokal kann sich schon einer exzellenten Musikauswahl rühmen, wenn es nicht Club ist, und ist so luftigleicht gestaltet und doch auch klassisch). Schließlich die Gewissheit, wiederzukommen.

Um dann die Phở zu versuchen. Oder die Nem. Ganz bestimmt einen Lẩu. Ich hab’s versprochen.
Solange höre ich Fukui, das neue Album von Stella.