Vom Ende eines Feldwegs

Wir leben ja einigermaßen ländlich. Zur Verdeutlichung ist hier fotografisch einmal der Blick aus meiner Küche festgehalten. Das bringt neben allen möglichen Glücksmomenten auch einen nicht von der Hand zu weisenden Standortnachteil mit sich: die etwas prekäre Anbindung an die digitale Infrastruktur. „Schnelles Internet“ war bisher eine Begrifflichkeit, die in den Herzen der Gesindehausbewohner nicht mal Wehmut auslöste. Die Datenautobahn ist ein Feldweg, selbstverständlich ohne Asphaltdecke. Stattdessen erleben wir hier, hinterm Digitalmond,  den Wechsel der Jahreszeiten sehr bewusst: bester Indikator für Frühling und Herbst ist die regelmäßige, vollständige Kappung der Signal gebenden Kupfer-Doppeladern durch viel zu tief pflügende Bauern. Dank Burggraben sind wird dann völlig von der Außenwelt abgeschnitten.
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Nun aber soll Rettung nahen. Der Wohnort sich endgültig wandeln in ein Paradies-Äquivalent. Holländer tingeln seit vielen Monaten über die Märkte und durch die Säle niederrheinischer Landgemeinden und verkünden frohe Botschaften. Machen Versprechungen. Ihr Unternehmen unternähme alles, um auch in der Region den Anschluss an die Welt herzustellen. Dazu werde nicht in der rheinischen Krume gegraben, es würden Schlitze gefräst und Glasfasern in Häuser geschossen. Wie dies auf einem durchaus abgelegenen und weitläufigen Gehöft mit mehreren Parteien gewinnbringend vonstatten gehen soll, bleibt eine für den Laien nicht lösbare Rechenaufgabe. Für uns gilt: Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Und das heißt UP-/Downstream in Mbit/s: 100/100.
Bald also soll es ein Ende haben mit der Beschaulichkeit. Entschleunigung als romantischer Ansatz der Resilienz muss fürderhin kein Antagonismus mehr sein zur Möglichkeit von Kommunikation.

Am Wochenende am Niederrhein

Kurzer Hinweis, gleichzeitig dringende Empfehlung:

Am Sonntag ist Hoffest auf dem Lenßenhof in Mönchengladbach-Odenkirchen. Wer bisher noch nie da war und den meiner unbescheidenen Meinung nach wahrscheinlich besten Gemüsebauern am Niederrhein nicht kennt, sollte diese Gelegenheit nutzen. Alles bio, erstklassige Produktqualitäten, viele alte Gemüse und gute Genüsse. Feldführungen inklusive. Alle Details zur Veranstaltung lassen sich auf der entsprechenden Facebookseite nachlesen.

Ein Ausflug dorthin ließe sich prima mit einer kulinarischen Stippvisite hier verbinden. Ja, richtig geklickt und gelesen: Der bisher beste Kölner Mittagstisch vom Produktfetischisten und Weltenbummlerkoch Cristiano Rienzner hat jetzt eine Dependance in Mönchengladbach-Neuwerk. Irre genug: In dieser Stadt, für die das Attribut „kulinarische Diaspora“ wahrscheinlich erfunden wurde, noch dazu in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Ausflugslokals aka Familienfesthölle (regional bekannt als Abtshof) wird nun solches an die Tische gebracht:

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Und dies vielleicht:

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Wie gesagt: irre. Ich werde ausführlich berichten, kommende Woche. Bis dahin freue ich mich nur.
(Beide Fotos wurden gestern im Kölner Stammhaus des PW aufgenommen.)


Am Niederrhein nichts Neues

Am Niederrhein nichts Neues – zumindest was die Bewertungen der beiden „großen“ Restaurantführer angeht. In ihren gerade veröffentlichten Ausgaben für 2016 zementieren Michelin wie auch Gault-Millau den Eindruck einer kulinarischen Diaspora zwischen Rhein und niederländischer Grenze – und dies nicht ganz zu unrecht, nach wie vor. Wenn ich Düsseldorf einmal ausblende – wo Jean Claude Bourgueil im Schiffchen weiterhin 2 Sterne hält (ich den Laden aber dennoch meide) und wo es 7 weitere 1-Sterner gibt – leuchtet einzig über Xanten der Gourmethimmel. Jürgen Köpp kocht in seinem Landhaus seit Jahr und Tag zuverlässig solide.
Vom Michelin mit dem Bib Gourmand ausgezeichnete Häuser gibt es immerhin einige, zwar wenige, aber sehr empfehlenswerte.

Im Sonneck in Hinsbeck, in naturnaher Lage an den Krickenbecker Seen, steht Bratenkönig Ernst-Willi Franken am Herd der besten Stube im Dorf. Besonders im Sommer ist das Restaurant eine absolute Ausflugsempfehlung: Die Tische auf der Kräutergartenterasse gehören zu den idyllischsten, die ich im Umkreis kenne.

Krefeld hat zwar eher den Charme einer englischen Arbeiterstadt aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, hat aber mit dem Stadtteil Uerdingen immerhin einige Kilometer Rheinfront – und dort das beste französische Restaurant der Region. Im Chopelin wird die Phrase vom „hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis“ ganz besonders eindrücklich definiert.

Und dann natürlich noch unser Dorfgasthaus. Bei Stappen gibt es erstklassige Produkte, regionaler Schwerpunkt. Die gute Weinkarte wird von Carmen Stappen verantwortet. Das monatlich wechselnde Speisenangebot von FraJo Stappen, der die meisten Lebensmittelproduzenten persönlich kennt und in der Küche absolut weiß, was er kann und dies auch zeigt. Nie überambitioniert, immer auf den Punkt.
Im Winelive in Meerbusch war ich hingegen noch nie – aus unserer Perspektive ist das eigentlich auch Düsseldorf.

Die Niers zwischen Grefrath und Oedt

Wer Heinsberg noch zum Niederrhein rechnet, freut sich mit Rainer Hensen über 17 Punkte für’s St. Jacques im Gault Millau und 1 Stern. Und was mit Wesel ist, weiß ich eigentlich auch nicht. Dennoch gibt es dort zwei Bib-Gourmand-Häuser: Das Art und das Carpe diem.


Wieder kein Banh Mi oder: Wes Brot ich fress, des Lied ich sing

Als feile Feder allerlei Dienstherren glücklich zu machen, Gebrauchsliteraturen zu drechseln weit weg von zuckrig süßem Kunsthandwerk, zu brillieren als Meister der Verdichtung eher denn als Wortakrobat, ist mir Passion. Buchstabenschwurbelei als psychohygienischer Ausdruckstanz findet einzig auf diesem Blog statt. Vom Schreiben leben kann mehr sein als das Auslutschen der pergamenttrockenen Hand im lechzenden Mund. Als Mittel zum Zweck war es mir biographisch betrachtet ursprünglich eher der Weg als Ziel. Heute weiß ich, dass der Gang zum Markt, auf den ich einst die Seele trug, mir immerhin die Töpfe füllt. Als Umkehrschluss lernte ich das Küchenhandwerk sozusagen aus Gründen intellektueller Selbstverteidigung. Und bin heute minnesingender Mundschenk, Hofnarr und Truchsess im Gesindehaus in Personalunion. Ich schreibe und koche und saufe und esse mit Pauken und Trompeten. Zum Schalmeienklang schmiede ich allenfalls Ränke oder dichte einen Leich.

Der Text zum besten Banh Mi des linken, unteren Niederrheins und seinem Einsatz als Guerillafestivalcatering ist jetzt so gut wie fertig. Allein den passenden Wein fand ich noch nicht.

Nachtrag 26.08.2013:
Zur Banh-Mi-Bauanleitung


Rheinischer Rundumschlag, alte Adler und ein Gastgeschenk

Ich habe den Samstag in der Küche verbracht, um für ein paar liebe Menschen einige Kleinigkeiten auf den Tisch zu bringen. Ich wollte einen Überblick geben über  mein kulinarisches Rüstzeug und einige niederrheinische Einflüsse vorstellen. Manch Traditionelles habe ich aufgegriffen und neu interpretiert. Verwendung fanden nur hiesige Produkte.

rheinisches sandwich

Als Auftakt eine Ecke vom rheinischen Sandwich.

Essenz von der sauren Bohnensuppe

Weiter ging es mit der Essenz von der sauren Bohnensuppe und einem Rosinenküchlein. (Bunne ut de Tonn)

 

Chicoree

Es folgte karamelisierter und mit nachbarschaftlichem Ziegenkäse gratinierter Chicorée samt einem Spritzer Riesling Mosto Cotto.

kappesschlaat

Zweierlei Kohl mit Meerrettich und getrockneten Sauerkirschen (Kappesschlaat).

forellenfilet

Filet von der Korschenbroicher Forelle auf roter Beete mit Petersilienkartoffel und Berlepschwürfeln.

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Variante der Bottermelksprenk. (Hier: Buttermilchcreme, Weinbergspfirsich, Schwarzbrotkrokant)

Dank an all die tollen Erzeuger in Radfahrdistanz, an phew für die Fotos und den lieben Sven für den einen oder anderen kaputten Süßwein.
(Als Gastgeschenk konnte ich den punktgenau fertiggestellten Jahresendmix überreichen. Dazu in den nächsten Tagen mehr, hier.)

wein


Traurige Gastrowüste

Wenige Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern kenne ich in Europa, die kulinarisch derart schlecht ausgestattet sind wie die Kapitale des südlichen Niederrheins, Mönchengladbach. Vielleicht liegt’s daran, dass der wahrscheinlich einflussreichste deutsche Gastrokritiker – ja, der mit dem Texturtick – ebendort wohnt? Da traut sich kein Gastronom Ambitioniertes, außer vielleicht der rührige Wolfgang Eickes mit seinem Palace St. George. Gäbe es allerdings den nur einen Steinwurf entfernt trainierenden örtlichen Verein für Leibesübungen nicht, wäre wohl auch dieser Feinschmeckerversuch zum Scheitern verurteilt. Eine der ärmsten Kommunen der Republik mit der höchsten Quote an Sozialhilfeempfängern: Man sieht es an jeder Ecke. Und an jedem Tresen, in jeder Restaurantküche. Gepaart mit der den Ureinwohnern eigenen konservativen Bodenständigkeit fasst kein ambitioniertes kulinarisches Projekt Fuß. Seit Jahr und Tag nicht.

Zugegeben, dies ist keine neue Erkenntnis, gute Küchen suche ich, wenn nicht gleich in Düsseldorf oder Köln, eher schon im eigenen Landkreis, in Krefeld, Venlo, Duisburg. Nun musste es aber seit langem wieder einmal sein, ein Freund war kurz in der Stadt, es sollte also in der alten Textilmetropole gegessen werden. Der Anlass für diesen Text. Auch noch asiatisch war die Vorgabe. Und kein Trash. Himmel.

Lack of Afro – Little Fugue

Lobeshymnen werden gesungen gesungen auf der sich im Siechtum befindlichen Bewertungsplattform Qype – auf einen Laden namens Lotüs, 22 Kritiken mit durchschnittlich 5 von 5 Sternen. Topranking im Bereich Chinesische Restaurants. Ich werde keine Diskussion über Sinn und Unsinn von Online-Restaurant-Kritiken wagen, das führt zu nichts. Nur kannte ich auch reale Menschen, die dort gegessen hatten und von solider Küchenleistung berichteten, mindestens. Also wurde gewagt.

Ich will es kurz machen, es ist ein verfluchtes Drama, mir fehlt die Geduld für viele Worte. Ich hatte alles erwartet, nur dies nicht: Ein richtig schickes, minimalistisch eingerichtetes Etablissement, halb Lounge, halb Bistro. Eine Karte, die alles an südostasiatischer Fusionküche bot, was geht – nur nichts Chinesisches. Leckere Fruchtcocktails und ich bekam sogar einen soliden rheinhessischen Sylvaner. Wir aßen eine gute Suppe im Thai-Stil, an eine klassische Tom Yam Gung angelehnt. Leicht, säuerlich, fein. Dann gedämpften Tintenfisch, butterweich. Wild-würzig. Mit Koriander, Chili und Knoblauch. Fischsauce. Und allerlei unbekanntem Kraut. Hernach sautierte Tigerprawns in Tamarindensud mit Lauch und frittierten Schalotten. Leider etwas zu süß. Schließlich ein Hähnchenhaschee mit grünem Curry und Kaffirlimetten. Das war das reduzierteste Gericht und vielleicht daher auch besonders prägnant. Gut war alles. Auch die Parade an überreifen Mangos, Papayas und  Pitahayas machte Spaß.

Das Drama? Wir waren die einzigen Gäste. An einem Donnerstagabend um 20.00 Uhr. Die Wirtin stammt aus Saigon und hält schon sieben Jahre durch. Der Koch ist Thai. Seit einem Jahr fressen sie die Schulden auf. 0/8/15-Chinarestaurants mit genormter Schrottküche laufen hervorragend. Auch in Asia-Imbissen mit Gammelfleischverdacht verlischt die Gasflamme unterm Wok nie. Welt, was bist Du ungerecht!


Dunkelhellila Aster oder Herbststürme am Niederrhein

Liebes Online-Tagebuch. Mein Leben verläuft momentan nicht in blogkompatibler Struktur. Das ist gut und schlecht, phänomenologisch betrachtet. Die Textur ist unbestimmt, auf dem Teller Durcheinander, das Mundgefühl vage blümerant. Da ist eine große Wut, auf das Leben, die Welt, die Gesellschaft, die eigene Unzulänglichkeit. Der Wille zum Guten und Gerechten und die Verpflichtung zum Feiern. Die Gewissheit, dass „Keine Kompromisse“ ein perfektes Lebensmotto ist, kollidiert mit unbändiger Lust auf die Abkehr von allen Prinzipien. Es werden Weichen gestellt. Mir ist nur nicht so ganz klar, von wem und wohin die Reise geht. Ich fühle mich wohl dabei – Ungewissheit ist mir stets kreativer Motor – und leide wie ein Hund. Die Seele ist porös. Ich höre nur noch Neil-Young-Alben.

It’s better to burn out than to fade away. Oder wie Hans Neuenfels es in Interviews zu seinem Bastardbuch fordert: „Du musst brennen. Kein Kalkül!“ Das Energielevel ist hoch. Derart, dass mein Tun und Lassen Gefahr läuft, ins Hyperaktive abzugleiten. Nicht ins Beliebige, alles was beispielsweise in der letzten Woche statt hatte, war wichtig, richtig, gut. Ein bisschen viel vielleicht. Bleibt nur weiter, weiter, weiter. Ich als soziale Randgruppe auf dem Weg zu mir selbst. Nein, liebes Blog, ich erspare uns beiden weiteren Adoleszenzexistenzialismus. Midlifecrisisantizipationsblabla. Ich wollte ja eigentlich nur eine kurze Erklärung liefern, warum ich „Nichts von Belang“ schreibe.

Beispielsweise endlich die Artikel zu Erdmöbel oder Bernd Schales fertigstellen. Neue Platten von Mutter, Niels Frevert oder PeterLicht lobpreisen.  Ebenso den erstmals getrunkenen Weinpunk! von Marco Giovanni Zanetti. Alle hätten es verdient. Die Begegnung mit vilmoskörte im Stefanus. Göttliche Schweinebacken, mediokres Pferdegulasch, ein Farinatadesaster. Ein ungekanntes Körpergefühl. Landliebe.  Herbst am Niederrhein. Eine spannende PR-Kampagne mit offenem Ende. Dich. Das Warten auf  Tom Liwa. Krankenhausflure und Blitzalterung. Dass Rauchen nicht nur ungesund ist. Und warum Herzschlag im Magen eine bis heute unüberbotene Metapher ist.

Ich will kein Versprechen geben. Nur Trost spenden. Bald wird alles besser. Bestimmt.