Thaisuppe, Stalinismus und Klingen im Kopf

Ganz schön bescheuert, in wie engen Zwiespalten ich mich bisweilen bewege als selbsternannter Besseresser und Internetvollschreiber in Sachen food & beverage. Da diffamiere ich gestern noch im sozialen Medium Nr. 1 konventionelle Landwirte als Raubbauern an der Natur, aus voller Überzeugung übrigens – und will gerade eben dann ein Foto posten. Von einer Suppe. Die ich heute in ’ner neuen Thaibude im Kölner Friesenviertel aß. Sie hat mir außerordentlich gut geschmeckt. Der Laden ist sehr nett, die Inhaberin charmant. Sie bietet Businesslunch in gut und günstig. Ich esse oft in Restaurants, die Produkte verwenden, die ich für den eigenen Haushalt niemals kaufen würde. In meiner Küche bin ich Stalinist, alte Ökoschule. Auswärts essen hingegen ist für mich – neben der reinen Triebbefriedigung – eine permanente, ergebnisoffene, lustvolle Suche nach Neuem. Ohne allzu scharfe Schere im Schädel.
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Und doch ist da die alte Krankheit Reflexion. „Nach-Denken ist etwas für Zu-Spät-Gekommene“ war das Motto meines ersten Sportlehrers, damals in der Sexta auf dem Landgymnasium. Er wollte sich damit als Kästner-Jünger positionieren, dem das einzig Wahre und Gute die Tat ist. Alle anderen: Zauderer und Memmen. Damals schon, als Wörterfreund mit leichter Körperbehinderung, habe ich vehement dagegengehalten und Täter als faule Menschen bezeichnet. Denn Dinge und ihr So-Sein in Frage zu stellen, ist anstrengend. Einfach nur tun, das Leben quasi als physikalisches Experiment betrachten und in der Theorie einzig die Erzfeindin der Lust sehen, war zwar ein nachvollziehbarer Ansatz. Ich mag Energie. Ich liebe das Leben. Doch ist es mehr für mich. Ich suche stets die goldene Mitte aus Intuition und Bewusst-Sein.
Wenn ich also weiß, dass das, was ich gerade esse, Mist ist. Und es mir dennoch schmeckt. Was tun? Stille schweigen und genießen? Im Empfehlungsbusiness grobschlächtig darüber hinwegschreiben? Oder diesen Konflikt offenlegen? Ganz konkret kann ich zum Beispiel in der Millionenstadt Köln die Lokale, die meinen heimischen Qualitätskriterien gerecht werden und nur Produkte exzellenter Qualität und Provenienz verarbeiten, an einer Hand abzählen. Am gesamten Niederrhein kommen vielleicht noch einmal 2 oder 3 hinzu. Welch kulinarischen Ansprüchen sie genügen, habe ich dabei noch gar nicht in Betracht gezogen. Mir ist diese Limitierung zu eng. Ich werde weiterhin der Inkonsequenz frönen, in fremden Küchen. (Nur beim Fleischkonsum werde ich künftig keine Kompromisse mehr machen, auch auswärts nicht.) Aber empfehlen werde ich solche Läden eher nicht. Im Gesindehaus hingegen geht’s lustvoll dogmatisch zu. Zum Glück.

Restaurant Sonneck, Hinsbeck

Ein kurzer kulinarischer Hinweis für Niederrheinreisende und ein Tipp für diejenigen, die auch mal ein paar Kilometer zurücklegen für ein richtig gutes Essen: fahrt doch mal in den Naturpark Maas-Schwalm-Nette, an die Krickenbecker Seen, nach Hinsbeck. Gerade für Freunde der ländlichen Idylle und im Frühjahr besonders für Hobbyornithologen ist die Gegend ein Fest. Unweit der holländischen Grenze lässt sich formidabel radeln und wandern – und, ja, – überraschend gut speisen. Eine Vielzahl guter Gasthäuser und erquickend altmodischer Restaurants finden sich im Nettetal, von denen aber eines ganz besondere Erwähnung verdient: das Restaurant Sonneck.

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Dort steht Bratenkönig Ernst-Willi Franken am Herd der besten Stube im Dorf. Vor allem im Sommer ist das Restaurant eine absolute Ausflugsempfehlung: Die Tische auf der Kräutergartenterasse gehören zu den idyllischsten, die ich im Umkreis kenne. Aber auch momentan, wo die beginnende Spargelsaison zumeist für Einheitskarten sorgt in der deutschen Gastronomie unterhalb des Sternenhimmels, wird hier wunderbar präzise gekocht. Einen Klassiker wie geschmorte Rinderbäckchen mit dicken Bohnen und Kartoffelpüree kann man nicht trefflicher zubereiten. Auch Spargel und Schinken wird man im Umkreis nirgendwo besser serviert bekommen. Ein vom Michelin mit dem Bib Gourmand völlig zurecht ausgezeichnetes Haus – und mittags leider viel zu oft fast leer. Ändert das, fahrt hin!


Sentenz übers Älterwerden

Wie habe ich sie gehasst, die Langweiler, die ihr provinzielles Dasein schon in der Jugend mit Hüsch-Zitaten verbrämten. Weil sie wirklich nichts wissen und auch nicht erklären. Können. Damals nicht, heute nicht. Denen der alte Mann aus Moers samt Philicorda-Orgel Potemkinsches Dorf war für die eigene Inhaltsleere. Nun aber ziehen die Jahre über die niederrheinische Tiefebene und ins Gesicht und ich erkenne die Gemeinsamkeiten. In den Denkmustern vor Allem. Nicht nur der Fuß, nicht Süchteln.

„Der Niederrheiner braucht ja eigentlich nur sich, mehr muss dat gar nich sein, weil der so viel mit sich selbst zu tun hat, von morgens bis abends. Da kommt der auf dem flachen Land gar nich zur Ruhe, weil der ewig am bosseln un am prakesieren un am rennen is, aus de Küch innet Krankenhaus, dann auf en Kirchhof und dann wieder zurück inne Küch.“

Die Herkunft, nicht der Dialekt. Der immer anders klang als meine Vatersprache. Die Ruhe vielmehr und die Lust am Kleinen. Der Genuss. Die Musik.


Von Nahrung und Menschen

Dieser letzte Text des Jahres 2015 könnte ein Loblied werden auf einen Laden, in dem ich nichts gekauft habe, bisher. Weil ich Weine nie im stationären Handel erstehe. Dennoch ist la vincallerie ein Genussort allererster Güte, die Inhaberin Surk-ki Schrade eine Frau mit Weitblick und weltzugewandtem Geschmack. Die nicht zuletzt mit dem Wein Salon Natürel Köln auf der internationalen Landkarte aller Genusshipster verankert hat. Ich freue mich jedes Mal immens, wenn wir uns in der Stadt treffen. Und auf die zweite Ausgabe des Salons im kommenden März umso mehr.

Das Thema „vin naturel“ wird auch in Neukölln gespielt. In einer Naturweinbar mit nordischer Nebenbeiküche. Im wohl angesagtesten Viertel der Hauptstadt wird der Trend mit pseudophilosophischem Baumarktchic garniert und musikalisch altbacken bespielt.  Dennoch ist kaum etwas im Industry Standard so langweilig wie das eigene „Manifesto“ – und daher hat der Laden an einem späten Montagabend zwischen den Jahren geglänzt. Mein ultimativer Ausgehtipp also für Kleingruppen zum Flaschentrinken und Sachen knabbern.

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So viele Menschen, die mich umgehend für sich eingenommen haben und weiterhin interessieren, habe ich übrigens noch in keinem Jahr zuvor getroffen.
Meine Männer aus Syrien, Afghanistan und Eritrea, die mir Geschichten und Gerüche gebracht haben.  Die Unterkünft platzen inzwischen aus allen Nähten und es ist doch noch so viel Platz.
Jeder einzelne Besucher auf den vier bisherigen SCHWARZMÄRKTEN. Wie es weitergeht mit dem wunderbaren Format, bleibt eine spannende Frage für das kommende Jahr.
Alle Trinker und Winzer und Mitstreiter, die unsere Bio-Mosel-PopupWeinbar mit uns gefeiert haben. (Überhaupt war 2015 ein Moseljahr mit Mythos und Vinocamp.). An dieser Stelle sei noch einmal besonderer Dank gesagt: Ohne Marco Kramer und seinen selbstlosen wie begeisterten Einsatz nicht nur im Marieneck wäre Köln ein langweiligerer Ort – aus kulinarischer Sicht. Und menschlich deutlich ärmer.
Wann genau findet eigentlich der dritte Summer of Supper statt?

Beim zweiten war ich Teil des Rheinkombinats – und zehre immer noch von den gemeinsamen Küchenerfahrungen. Dokumentiert hier und hier und hier. Bernd und Stefan und Claus heißen weitere Menschen des Jahres.

Ich habe Kochkurse gegeben, auf dem Bauernhof, mit jungen Männern. Beides werde ich wiederholen. Auch versuchen nachzuholen, was bisher auf der Strecke geblieben ist an Ideen und Recherchen. Zuvorderst die Geschichte zum Thema Greenwashing beim Wein, fair and green. Weiterschreiben am Epos vom Selbermachen als Genuss. Mehr Struktur. Klarer fokussieren.

Die Musik kam zu kurz. Die Band, das Trompetenspiel. Immerhin lief der Zweitblog recht flüssig nebenher. 2016 wird aber ein Mandarinenjahr.

Und ein noch politischeres, denn das wahre Leben findet nicht auf Facebook statt. Bis bald.

Danke für die Liebe!


#bloggerfuerfluechtlinge unterstützen Krefeld

Raum für Hilfe – Unterstützung für Flüchtlinge in Krefeld – so heißt ein Hilfsprojekt, mit dem der Flüchtlingsrat Krefeld aktuell auf betterplace.org Spenden sammelt. Bisher arbeiten die Ehrenamtler ohne eine eigene Anlaufstelle, ohne feste Adresse. Da der Flüchtlingsrat die wichtigste Institution ist, die das große bürgerschaftliche Engagement der Krefelder koordiniert, und gleichzeitig immer mehr Menschen aus den Krisengebieten der Welt an den Rhein kommen, soll und muss sich das schnell ändern. Um also eine angemessene Versorgung der Flüchtlinge zu gewährleisten, braucht der Flüchtlingsrat dringend geeignete Räumlichkeiten. Daher der Spendenaufruf, dem schon viele Leute gefolgt sind, 73 % der benötigten Summe sind bisher zusammen gekommen.
5.100 Euro konnten dazu Blogger für Flüchtlinge beisteuern, die erst wenige Tage alte Aktion, an der sich inzwischen über 1.700 Menschen beteiligen. Ich bin gerne Teil dieser großen, kraftvollen Gemeinschaft – und dokumentiere mit Hilfe dieses Artikels, was mit dem gespendeten Geld in Krefeld geschehen soll. Dazu habe ich mit Saskia Wolff, die u.a die Facebookseite des Flüchtlingsrats betreut, das folgende Interview geführt.

Ich habe gelesen, dass Ihr inzwischen geeignete Räumlichkeiten gefunden habt und durch die Spenden Miete und Nebenkosten für 1 Jahr schon gesichert sind. Wie genau sehen die Räume aus und wo befinden sie sich?
Saskia: Die Räume befinden sich am Rand der Krefelder Innenstadt, sind also gut zu erreichen. Sobald der Mietvertrag unterschrieben ist, geht es an die Renovierung und Ausstattung der Räumlichkeiten, so dass wir zügig einziehen und mit der Arbeit vor Ort beginnen können.

Was wird der Flüchtlingsrat in der Anlaufstelle anbieten können?
Saskia: Wir wollen dort Begegnung und Austausch zwischen Krefeldern und geflüchteten Menschen ermöglichen, Sprachkurse, Hausaufgabenhilfe und kreative Angebote anbieten und möglichst auch Beratungsarbeit leisten. Außerdem erhoffen wir uns, durch eine feste Anlaufstelle auch die Arbeit der Ehrenamtler noch besser und effektiver koordinieren zu können.

Ab wann wird es soweit sein?
Saskia: So schnell wie möglich! Im Moment werden die letzten Details noch verhandelt, regelmäßige Infos findet man auf unserer Facebook-Seite oder der betterplace-Projektwebseite.

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Mein Eindruck ist, dass sich viele Menschen am Niederrhein gerne in der Flüchtlingsarbeit engagieren möchten, es aber oft an konkreten Strukturen mangelt. Wie koordiniert Ihr das in Krefeld?
Saskia: Die Anzahl der Hilfsangebote ist zum Glück riesig! Da wir alle ehrenamtlich arbeiten, kann es aufgrund dieser Menge an Angeboten manchmal leider etwas dauern, bis alle eine Rückmeldung bekommen. Der Flüchtlingsrat hat bereits mehrere Einsteiger-Seminare für Interessierte angeboten, die sehr gut angenommen wurden. Hieraus sind dann weitere konkrete Hilfsprojekte entstanden, zum Beispiel auch die Crowdfunding-Aktion. Da der Flüchtlingsrat Krefeld bisher ja keine eigenen Räumlichkeiten hat, ist die Koordination nicht ganz einfach, das ändert sich hoffentlich mit den neuen Räumen, denen wir dank #bloggerfuerfluechtlinge so einen Riesenschritt näher gekommen sind.

Was ist dabei die größte Herausforderung? Was sagt Ihr den Menschen, die noch zögern? Wie kann man in Krefeld aktuell am besten helfen?
Saskia: Eine Herausforderung ist sicherlich wie oben schon erwähnt eine schnelle Koordination der Hilfe, um die Situation der Flüchtlinge ganz konkret zu verbessern. Dringend benötigt wird privater Wohnraum, wer den anzubieten hat, kann sich direkt beim Gebäudemanagement der Stadt Krefeld melden.
Helfen kann man auf viele verschiedene Arten: von Sachspenden über ehrenamtliche Mitarbeit in den Organisationen oder in den einzelnen Projekten. Infos darüber findet man auf der Seite der Stadt Krefeld, über die Caritas, das Frewilligenzentrum oder den Flüchtlingsrat. In Krefeld gibt es auch noch einmal wöchentlich abends das Café Sarah, ein Willkomenscafé, da kann man auch einfach mal hingehen und mit den Gästen ins Gespräch kommen.
Akute Aufrufe, wenn etwas schnell und dringend benötigt wird, starten wir über Facebook.
Grundsätzlich hilft es aber auch schon, Haltung zu zeigen, den Mund auf zu machen und klar und deutlich  Position zu beziehen für einen menschlichen und willkommenheißenden Umgang mit  Flüchtlingen.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Was ist Dein eindrücklichstes Erlebnis, dass Du während deines Engagements der letzten Wochen gemacht hast?
Saskia: Für mich persönlich war die Anzahl und Selbstverständlichkeit der Hilfsangebote sehr beeindruckend. Dass helfen und Haltung zeigen glücklicherweise ansteckend zu sein scheint und dass viele einzelne schon mit kleinen Dingen einen großen Unterschied machen können.

Danke Saskia für Deine Offenheit. Ich werde für „Blogger für Flüchtlinge“direkt aus Krefeld berichten, wenn der „Raum für Hilfe“ eröffnet wird. Bis dahin können alle, die guten Willens sind, ihren Wohlstand sinnvoll einsetzen und spenden. Jeder Euro hilft – danke!


Vom Essen und Flüchten

Zu den Profiteuren der aktuellen Situation gehören nicht zuletzt viele Akteure des Wirtschaftssegments Ernährung. Sagte mir doch S. aus Eritrea, der mit einer sattbraunen Körperfarbe gesegnet ist, mit Neid erzeugender Haarpracht und einer Bauernschläue, die mich ein ums andere mal verblüfft,  letzthin: „Du Joerg, ich arbeite jetzt weiß.“ Denn was Schwarzarbeit bedeutet, hatte er schon wenige Wochen nach seiner Ankunft am linken, südlichen Niederrhein gelernt.

Habt Ihr Euch schon mal überlegt, wer die Menschen sind, die bei Wind und Wetter mit den Broschüren vom Pizzaservice Eure Briefkästen verstopfen? Die als Spüler in den Hinterzimmern von Chinaimbiss, Schnitzelhölle oder Nobelitaliener schuften und schwitzen? Die in den Megafleischfabriken Industrieschweine zersäbeln im Akkord, damit der Durchschnittsdeutsche seine Fleischsucht befriedigen kann zu Schleuderpreisen? Wie so mancher Landwirt in unseren Regionen überhaupt noch überleben kann bei all dem allseits bekannten ökonomischen Druck – vielleicht, weil seine Saisonarbeiter immer seltener aus Europa kommen?

Zwichen 3,50 und 4 Euro liegt in NRW momentan der Stundenlohn auf dem illegalen Arbeiterstrich für Flüchtlinge. Schwarzarbeit ist in diesem Zusammenhang ein genauso lustiger wie zynischer Begriff. Ein Phänomen, dass weitestgehend unsanktioniert bleibt, entgegen aller veröffentlichten Meinung. Wahrscheinlich, weil ganze Wirtschaftszweige ansonsten gehörig unter Druck gerieten.  Ich registriere dieses Phänomen oft beiläufig. Wo mir konkrete Menschenschicksale begegnen, rede ich, kläre auf, suche nach Alternativen. Die es nicht gibt, meist.

Es ist übrigens nicht zuvörderst das Streben nach Verbesserung der ökonomischen Lage – die meisten Flüchtlinge fühlen sich fast durchgehend gut versorgt vom deutschen Staat – das anfällig macht für die einschlägigen Angebote. Es ist vielmehr das Verdammtsein zum Nichtstun, die Suche nach Ablenkung aus einem öden Alltag, der nichts bietet als die Beschäftigung mit den vielerlei Traumata. Doch irgendwann gelangen fast alle zu der Erkenntnis, dass sie Teil geworden sind eines illegalen Systems der Ausbeutung – nach einigen Wochen, wenigen Monaten allenfalls. Dann sehnen sie sich nach der Erlaubnis, „weiß“ arbeiten zu dürfen.

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Selbstverständlich zählen alle Flüchtlinge zum treuesten Kundenstamm der deutschen Lebensmitteldiscounter. Deren Angebot und Preisgestaltung mutet paradiesisch an für Männer aus Somalia und Afghanistan. Dass dadurch ein System gestärkt wird, dessen Überwindung eigentlich im Fokus meiner Foodbloggerei steht, ist ein Zwiespalt, mit dem zu leben mir schwer fällt. Dennoch hält es mich nicht davon ab, die stete überbordende Gastfreundschaft meiner Männer anzunehmen und zu genießen. Kein Gespräch – und sei es auch noch so knapp zwischen Tür und Angel – ohne Getränk und Knabbereien. Und wenn man sich niederlässt in den kargen Stuben, biegen sich umgehend die ramponierten Tische. Und dann reden wir, über Gott und die Welt. Und immer öfter auch über’s Essen.


Von Bastarden, Volksmusik und dem Sinn der Gastfreundschaft

„There is no culture without mixture.“ Im Kanton Uri hörte ich diesen schiefen Satz, vor ein paar Tagen auf einer Bühne des Festivals Alpentöne. Die südfranzösische Gruppe Du Bartas warf das Motiv ihrem eher zur nationalen Hermetik neigenden schweizerischen Publikum an den Kopf. Und forderte die wenigen Willigen zum Tanz – zu einer melodiösen Rhythmik, die fast ausschließlich von fünf Männerstimmen mit Trömmelchen geprägt war. Wuchtige Volksmusik, wilder provinzieller Widerstand, lustvolle Polyphonie. Männer mit Bärten und einer Botschaft, einer Mission gar, sind eklatant im Vorteil, wenn sie gute Musikanten sind. Selbst der gemeine bildungsbürgerliche Schweizer zuckt dann nicht zusammen, wenn er mit der Schuhspitze wippt zu Textzeilen, die von der wunderbar fruchtbaren Verschmelzung unterschiedlichster Volksgruppen zu modernen Menschen handeln. „Wir sind alle Bastarde.“ Und das ist gut so.

Das sieht D., der Kurde ist und aus Syrien stammt, ganz ähnlich. Er ist vor wenigen Monaten in unserer niederrheinischen Landgemeinde, die formal eine Mittelstadt ist mit etwas mehr als 32.000 mehrheitlich konservativen Einwohnern, gestrandet. Lebt nun mit über 80 anderen Menschen, die ebenfalls vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit geflohen sind, in einer Containersiedlung. Weit abseits aller Ortskerne, nahe der Grenze zu Mönchengladbacher Stadtgebiet. Sollte demnächst eine Band wie Du Bartas in der Nähe gastieren, lade ich ihn ein zum Konzert. Denn er vermisst sehnlichst Musik und Theater, Literatur – eine Kultur, die er sich leisten kann.

F. wiederum hat mit Kultur nicht viel im Sinn. Er ist Bauernsohn aus dem Norden Syriens, ein trauriger Kurde. Als er im Januar erstmals in der Gruppe von Männern saß, denen ich mit Händen und Füßen und bedingungsloser Offenheit die ersten Brocken meiner Muttersprache nahezubringen suchte, schwieg er still. Tausende Traumata in seinen Augen, vermeintlich. Zu viel Leid gesehen, auf jeden Fall. Zugefügt durch die Schergen des syrischen Regimes, die Machetenmachos des so genannten IS, von Schleppern auf der Flucht durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn. Von unzähligen Beamten in einigen dieser Transitländer. Nackt im Staub und in Exkrementen gelegen, vielfach ausgeraubt und zu oft gedemütigt. Fast die Hoffnung verloren, beinahe gebrochen. Am linken Niederrhein dann erst mit zwölf anderen beim tollen Bauern Bruno Kallen untergekommen, der die im Winter leerstehende Unterkunft seiner Saisonarbeiter spontan zur Verfügung stellte. Nachdem sich Widerstand formiert hatte gegen die eigentlich im Nachbardorf geplante Notunterkunft, besorgte Nachbarn und spießbürgerliche Bedenkenträger sich in zivilem Ungehorsam gegen die Ungebetenen übten. Mit Erfolg?

Nein. Denn nur so konnte ich F. und meine anderen Männer kennenlernen. Weil ich seit diesem Zeitpunkt mich engagiere – wie über 100 andere Korschenbroicher auch. Und mein kurdischer Freund lernt schnell. Das ist eine wunderbare Erfahrung: Mit großer Unsicherheit sind wir gestartet – nur mit der Gewissheit, helfen zu wollen, zu müssen, zu können. Als gute Nachbarn. Mit kleinen Gesten und wenigen Worten. Das kann jede(r). Es kommt schlicht auf den Versuch an.

Meiner ist noch lange nicht am Ende. F. hat dieser Tage seine Anerkennung von der Ausländerbehörde bekommen, einen von über 50 verschiedenen Aufenthaltstiteln, die der deutsche Staat eventuell verleiht an Menschen, die alles zurückgelassen haben in der Hoffnung, dass dieses Land ein sicherer Hafen ist. Für ihn fängt nun die Arbeit an: Eine Arbeit finden, eine Wohnung. Beides ist alles andere als leicht. Und neue Menschen kommen jede Woche. Zuletzt aus Bangladesh, aus Afghanistan, Albanien. Syrer natürlich, immer mehr. Und doch sind es erst knapp 400 in unserer Stadt. Im benachbarten Mönchengladbach circa 2.000. Jeweils ungefähr 1 Prozent der Bevölkerung. Allein im Libanon sind es 25mal so viele.

Ich bin auch ein Flüchtlingskind. Ein kultureller Bastard sowieso. Meine Mutter floh aus dem Pommernland, das war abgebrannt. Ein Opa liegt in Frankreich begraben. Da sind Tanten in Kanada, Wirtschaftsflüchtlinge, die ich gerne besuche. Die Sprache meiner Geburtsgegend ist ein Dialekt, den ich mit Holländern teile. Ich fühle mich als Europäer zumindest, immer mehr auch Weltenbürger. Deutsch steht als Nationalität in meinem Pass. Beides, das Konstrukt einer Nation und das Deutschsein, ist mir immer fremd geblieben. Sinnlos und unnötig. Doch mir geht es gut dabei. Und in den letzten Monaten ist eine große Freude dazu gekommen. Die ich nicht zuletzt den Menschen verdanke, die ich kennenlernen durfte. Alle, die noch kommen, werden diese Freude nur vergrößern.


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