Gnocchi Finocchi und Scritti Politti

Hobbyphilosophisches Kulinargeschwätz ist im eigentlichen Sinne wenig appetitlich, macht aber bisweilen einfach Spaß. Satt wird davon niemand, auch bessere Kochkunst entsteht so nicht – Theorie ist auf diesem Sektor lediglich Nachfahrin der Praxis. Dennoch leiste ich mir einige Gedanken zu italienischen Kartoffelklößchen, gnocchi di patate. Auch ein Rezept lässt sich als Text begreifen, eine Anleitung, die Implizites ausbreitet, dadurch anderes mittelbar ausgrenzt. Was allerdings gemeinhin deutlich zu kurz kommt, ist die Komplexität. Karger Satzbau, beschränkter Wortschatz und häufig allzu dürftige Kompetenz mit dem Umgang mit Leerstellen. Mach dies, jenes geschieht. Die Welt ist nicht so.

Gnocchi also. Schmecken gemeinhin mehlig, kleben am Gaumen und verkleistern Speiseröhre sowie folgende, tiefer liegende Körperkanäle. Warum? Weil selten jemand den status quo hinterfragt – das Sosein ist das Leitmotiv der Faulen. Beim Schreiben dieser Zeilen wird der Gaul unruhig, gleich geht er durch mit mir. Ich erspare es den ein bis zwei Lesern hier, publiziere lieber demnächst ein Buch über Herd-Dogmatik und komme ganz praktisch auf den Punkt: In Kartoffelklöße gehört kein Weizenmehl – auch nicht in Italo-Miniaturen. Es gibt dazu sogar eine bestens dokumentierte Versuchsreihe. Wenn auch mit zweiflerischem Ergebnis – ich hingegen bin überzeugt, dass es nur so geht:

Gnocchi di patate

Gnocchi di patate

Die im Handel inzwischen selten gewordenen mehligkochenden Kartoffeln sind unabdingbare Grundzutat. Ich wollte Afra, bekam aber nur Melina. Sie hat jedoch das Ihre dazu getan, ein großartiges Ergebnis zu zeitigen. Kochen, ausdämpfen und pellen. Einzeln mit der Kartoffelpresse in eine Schüssel drücken und jeweils mit reichlich gesiebtem Kartoffelmehl (Stärke) bestreuen. Schließlich würzen mit Muskat und Salz und ein Ei auf die Masse schlagen. Gut vermischen, aber nicht kneten. Daumendicke Rollen rollen und nach Gusto in Stücke schneiden. Auf eine kartoffelbemehlte Fläche geben und einige Stunden ruhen – somit trocknen – lassen. Dann in stark gesalzenes, siedendes Wasser geben und heraus heben, sobald sie an die Oberfläche steigen.
Die Konsistenz ist nun watteweich und gottgleich. Der Geschmack nur letzteres.
Ich vermengte sie vor dem Anrichten mit im Fenchelsamensud blanchiertem und danach in mit jungem Knoblauch aromatisiertem Olivenöl geschwenktem, zerkleinertem Fenchel. Und gab obenauf ein Pesto aus Fenchelgrün, Petersilie und Minze sowie Parmigiano.

Gnocchi Finocchi

Gnocchi Finocchi

Was könnte dazu besser passen als eine musikalische Hommage an Jaques Derrida durch die britischen Popdekonstruktivisten Scritti Politti aus deren 82er Album „Songs to remember“?

Scritti Politti – Jacques Derrida


10 Kommentare on “Gnocchi Finocchi und Scritti Politti”

  1. vilmoskörte sagt:

    Wohnst du nicht gleich neben den Produzenten der obermehligen Bintjes?

  2. vilmoskörte sagt:

    Fenchelsamensud gefällt mir.

  3. lamiacucina sagt:

    elegant hingeworfen, das hat so etwas spielerisch Leichtes. Bei mir werden sie immer in Reihen militärisch ausgerichtetet.

  4. queenofsoup sagt:

    oh das ist schön! das ist wunderbar! danke! ich muss montags sofort kartoffelmehl kaufen gehen… ach nein, da fahr ich ja nach berlin, zum königsberger klopse-essen. aber dann, wenn ich wieder retour bin! fenchelsamensud, wahnsinn. nicht schlecht, utecht!

    • utecht sagt:

      danke. du fährst jetzt schon zu den klopsen? wenn du mir bescheid gegeben hättest, wäre ich gerne dabei gewesen. 😉
      viel spaß also…

      • queenofsoup sagt:

        pardon pardon, etwas stress dieser tage… bin ab morgen bis 20. februar im klopseland. mail mich einfach an, ja? würd mich freuen!

  5. azestoru sagt:

    Sehr schön! Alles. 🙂

  6. […] herzlichen Dank an Utecht, dessen Rezept ich hier nachgekocht habe. Die Gnocchi schmeckten wg. des fehlenden Mehls nicht nach den Gnocchi, […]


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