Koschere Kantine Köln

Gehackte Eier sind als Vorspeise fester Bestandteil koscherer Küche und werden häufig im Rahmen eines Schabbatfestmahls serviert. Alles andere als kompliziert ist dies Gericht absolut produktfokussiert und kommt quasi ohne Rezept aus. Neben den hartgekochten und zerkleinerten Eiern gelangen lediglich etwas gutes Öl sowie Salz und Pfeffer in die Speis‘. Und Zwiebeln, oder wie hier Schalotten, fein gewürfelt und angeschwitzt. Olive, Paprika und Petersilie sind nicht nur Garnitur, sondern  Geschmeidigkeitspuffer und Geschmacksrahmenbegrenzer.

koscher1

Über 5000 Mitglieder sind in der Synagogen-Gemeinde Köln organisiert. In der Roonstraße befinden sich nicht nur die Synagoge, das Gemeindezentrum, die Mikwe und ein kleines Museum, sondern auch die Koschere Kantine Weiss. Neben dem Matzen in Bochum ist dies die einzige Möglichkeit in NRW, institutionell sanktioniert koscher zu essen.

koscher2

Koscher ist alles, was erlaubt ist. Laut Kaschrut sind Schwein und Kamel verboten, Rind und Reh hingegen nicht (wie alle Tiere, die gespaltene Hufe haben und widerkäuen – sowie domestiziertes Geflügel). Milchig und fleischig geht nie zusammen – und Blut kommt weder in die Küch‘, noch auf den Tisch. Wer dies weiß, wird sich auch nicht über die Sojamilch im Kaffee nach dem Mahl wundern.

Selbst als gelernter Agnostiker fühle ich mich der jüdischen Tradition verbunden. Religiösität spielt in meinem Alltag keine Rolle, intellektuell und als soziales Lenkungsinstrument lehne ich sie ab. Doch sobald ich die Synagoge gegenüber dem Rathenauplatz betrete, die Sicherheitsschleuse passiert habe und mein Blick die Gedenkhalle erfasst, atmet mich Geschichte an, eigene, deutsche, die der Welt, dass fast ein Sturm daraus wird und ich wanke. Zum Glück bin ich zum Essen da – und einmal ehrlich: Welche andere Kirche wird schon besucht, weil es dort so lecker riecht nach Gardunst und Gewürz?

Auch wenn der Teil des Gemeindezentrums, in dem die Familie Weiss  schon seit nunmehr 30 Jahren zu Tisch bittet, nicht mehr ist als eben der Teil eines Gemeindezentrums und weder Gastrodesign noch Ethnokitsch vorhanden sind, ist Kargheit hier verbunden mit Wohlgefühl. Die kleine Karte bietet Klassiker der osteuropäischen jüdischen Küche ebenso wie der israelischen. Wobei die vegetarischen den Fleischgerichten eindeutig vorzuziehen sind. Etwas weniger Fritteuseneinsatz wäre fein, doch der gute offene weiße Wein erleichtert alles. Die Gespräche vom Nachbartisch sind derart Klischee, großes Geld und kleine Politik und Gott und die weite Welt, dass mein Lächeln erst friert, bevor es zur guten Laune wird, die den ganzen Tag anhält. Was kann ein Restaurantbesuch besseres bewirken?


8 Kommentare on “Koschere Kantine Köln”

  1. Tina@Foodina sagt:

    Ein schöner Bericht, in dem ich mich teilweise selbst wiederfinde.

    Im Matzen war ich schon, genauso im koscheren Restaurant „Die Kurve“ in Düsseldorf http://www.die-kurve.com/

    Scheint, als müsse ich dringend nach Köln fahren 😉

  2. chezuli sagt:

    Sehr interessant, selbst als alter Kölner war ich noch nie dort, aber das wird jetzt nachgeholt. Danke für die Hinweis.

  3. oachkatz sagt:

    Dein Bericht macht Lust nach Köln zu kommen und koscher essen zu gehen. Dabei ist das natürlich Quatsch, ich könnte ja die entsprechenden Berliner Orte erstmal ausprobieren. Ich hatte das wirklich vergessen und freue mich, dass Du mich daran erinnert hast, dass ich das immer mal ausprobieren wollte. Da mir so unbekannt, gehört diese Küche nicht zu meinem Repertoire, wenn die Frage auftaucht, wo wir essen gehen könnten.

  4. 6kraska6 sagt:

    Ich empfehle auch „Die Kurve“. Bestes Falafel/Hummus in NRW!

  5. richensa sagt:

    Im Gemeindehaus in der Fasanenstraße in Berlin war ich bereits einmal eingeladen, meine erste Erfahrung mit koscherem Essen, vom Gastgeber freundlicherweise gut erklärt. Es war ein für mich eher osteuropäisch, bodenständiges Essen, hat mit gut geschmeckt.

  6. Afra Evenaar sagt:

    Ob das dann noch koscher ist, weiß ich nicht zu sagen: Mir wurde solche Eierspeis statt mit Öl mit mindestens soviel Gänseschmalz wie Ei serviert (das Ganze mit kaum vernehmbarem ungarischen Akzent).


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s