Gemüse des Monats: Oxhella

Vom Stigma zum Trauma zum Lieblingsgemüse. Das ist in Kurzform die abwechslungsreiche und von allerlei Schwankungen gekennzeichnete Geschichte der Zweierbeziehung zwischen der gemeinen Möhre und mir. Bei hellem Licht ist das Wundmal in der Innenfläche meiner rechten Hand tatsächlich noch gut auszumachen, obwohl die ursächliche Verletzung inzwischen schon weit mehr als 40 Jahre zurückliegt. Als kleiner, wahrscheinlich dreijähriger, blondlockiger Neunmalklug wollte ich damals schon alles selbst in der Hand haben, was Nahrungsaufnahme und Zubereitungsprozesse betraf. Stapfte also winters die steile Stiege hinab in den dunklen Gewölbekeller, schnappte mir das kleine Einmachglas mit Mutters Möhren vom Bord und wollte erwartungsfroh flugs wieder hinauf. Überstürzt – passt wohl ganz gut. Denn auf halber Treppe kam das kleine, damals schon mit ungleich langen Beinen und Füßen gesegnete Jörgilein ins Trudeln, Schwanken, Fallen. Hinab, auf den festen Lehmboden und lag dann da inmitten von Scherben, derer eine im Händchen steckte, das Knie blutig und die Nase im dicken Brei. Das war wohl der Moment, da ein Wandel sich vollzog in der Wahrnehmung. Was bis dahin dem Kinde formidabel mundete, verströmte nun einen süßlich dumpfen Geruch, der auf nichts anderes verwies als modrige Verwesung. Vorbei war es, für Jahrzehnte, mit der kindlichen Zuneigung zwischen ihr und mir. Die Möhre – zumindest in gegarter Form – kam mir fürderhin nicht mehr auf den Teller.

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Daucus carota subsp. sativus, die gemeine Gartenmöhre also, und mein zwiegespaltenes Verhältnis zu ihr waren in diesem Blog schon häufig Thema. Irgendwann habe ich bestimmt auch schon beschrieben, dass erst eine ausgefeilte Konfrontationstherapie wieder zu einer gewissen Annäherung führte. In den letzten Jahren ist gar eine durchaus belastbare Zuneigung entstanden zwischen uns. Denn schließlich sind wilde Karotten eines der ursprünglich in Europa und Vorderasien am häufigsten vorkommenden Wildgemüse. Die heutigen Sorten sind allerdings fast ausnahmslos das Ergebniss züchterischer „Optimierungen“ im 19. und 20 Jahrhundert in Frankreich und Holland. Auch mein absoluter Liebling, vor allem für Salate oder mildsauer eingelegt (nach Art von mixed pickles), die gestaucht-bauchige Oxhella. Es handelt sich hierbei um eine Weiterentwicklung der alten Sorte Oxheart, herber im Geschmack als die meist übersüßen, dünnen Dinger aus den Supermärkten. Und mit deutlich festerem Fleisch. Die im Französischen „Guérande“ geheißene Karotte ist erstmals für das Jahr 1884 in Westfrankreich belegt.

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Aber auch der über viele Jahre gefürchtete Prozess des Erhitzens, bei dem erst die als verunfalltes Kind wahrgenommene muffige Süße entsteht, ist mit Oxhella nahezu unproblematisch. Der kräftig würzige Geschmack behauptet sich gegen den Zuckergehalt. Und da die dicklichen, kurzen und fast stumpfen Wurzeln eine gute Lagerfähigkeit aufweisen, sind sie im eher tristen Gemüsemonat Februar eine willkommene Abwechslung. Aufgrund ihrer Form lassen sie sich übrigens prima aushöhlen, füllen und gratinieren, wie im folgenden Rezept beschrieben.

Gefüllte Möhren (Vorspeie für 4)

4 mittelgroße Oxhella
100 g Feta
1 Ei (S)
50 g Butter
100 ml Riesling
Salz, Pfeffer
Raz el Hanout (optional)

Möhren bürsten oder schälen und längs halbieren. In einem leicht gesalzenen Sud aus Wein und Butter bissfest pochieren. Etwas abkühlen lassen und vorsichtig aushöhlen. Im Mixer den Möhrenaushub, den Feta, das Ei und die Gewürze pürieren und die Oxhellahälften damit füllen. Für 15 Minuten bei 180° (Ober- und Unterhitze) in den Backofen geben und mit einem Löffel bestem Joghurt servieren.


Dieser Beitrag ist der zweiunddreißigste in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


2 Kommentare on “Gemüse des Monats: Oxhella”

  1. rosenthalkassel sagt:

    „blondgelockt“ ??? 😂

  2. Ilsa sagt:

    Es ist lecker und gesund. Ich denke, es ist am wichtigsten beim Essen!


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