Forscher, Frauen und Franzosen: Vinocamp-Abschluss

#vcd11Damit eines klar ist: So großartig das erste deutsche Vinocamp (Twitter: #vcd11) auch war, im nächsten Jahr fahre ich nach Bordeaux. Auch wenn ich dazu mein kleines, feines, aber hochpersönliches, multithematisches Internettagebuch zum Weinblogger-Leitmedium umwidmen muss. Als Gewinner der Vinocamp-Verlosung berichtet nämlich aktuell der Kollege originalverkorkt von der VinExpo aus Frankreich, der Sponsor CIVB macht’s möglich. Wie im Übrigen auch Dank aller anderen Sponsoren durch deren großzügigstes Engagement das erste deutsche Wein-Barcamp erst zu einer fantastischen Veranstaltung werden konnte.

Der Campus-Manager erläutert das Campus-Management

Der Campus-Manager erläutert das Campus-Management

Heute morgen erschienen erstaunlich viele Camper erstaunlich pünktlich wieder auf dem Campus. Wer feiern kann, kann auch Wein verkosten. Und drüber reden sowieso. Neben einer Beinahe-Liveschalte ins erwähnte Bordelais wurden Sessions angeboten zum Beispiel zu Themen wie Recht und Internet, Tannine und Frauen im WeinWeb. Letztere war besonders spannend, wir kümmerten uns mit drei Jungs um die Quote und sind sicher, dass die Diskussion fruchtbar fortgeführt wird.

Ein sauerstoffschockender Spaziergang über den Campus der Forschungsanstalt Geisenheim und quer durch alle Fachbereiche der Weinhochschule war mein persönliches Highlight. Noch nie was vom FACE-System gehört? Auch ich erfuhr erst vom Campus-Manager und Vinocamper Robert Lönarz vom free air carbon dioxide enrichment. Vieles andere übrigens auch: Absolut empfehlenswert eine solche Führung.

Zwischendurch wurde wieder getrunken oder verkostet. Und nach und nach kamen sich auch die letzten Socialising-Muffel reichlich nahe. Um schließlich wieder nach Hause zu fahren, in die digitale Emigration. Bis zum nächsten Jahr. (Diesem vierten Vinocamp-Beitrag folgt noch ein Fazit, bald.)


Winebank, Sessions, Rieslingdominanz

Snobbismus 2.0. Auch das ist zu beobachten beim Vinocamp 2011 – und zwar auf der abendlichen  Party in Hattenheim. Die Winebank ist ein genialer Ort zum Feiern, stylish ausgebauter, weit verwinkelter Gewölbekeller unterm Weingut Balthasar Ress. Ein Betrieb, bei dem schon lange nicht mehr der Wein allein im Fokus steht, mit allen Auswirkungen, die solcherlei Tun mit sich bringt. Eventlastig, szeneaffin, schlagzeilenträchtig. Pioniergeist auf Sylt, das Weinsortiment heißt Portfolio, und schließlich Schließfächer für Porschefahrer. Wo Menschen, die schon alles haben, ihre edlen Tropfen auf die Winebank tragen können.

Vinocamp@Winebank

Vinocamp@Winebank

Was auch immer ich von dieser Geschäftsidee halte: Edel ist das Ambiente, schlüssig das Design, hochemotional das Setting. Die Vinocamper (Twitter: #vcd11) an diesem Ort: Das fühlte sich jedoch ein wenig so an, als wäre das CBGB’s in der Met reinkarniert. Dass die kredenzten Weine vom jungen VDP solide waren, jedoch nicht brilliant, und die Musik medioker, brachte keine Unwucht in diesen großartigen Abend. Denn die vielen kleinen Widersprüche, die Melange von rau und glatt, die mulipel konträren Sinneseindrücke fügten sich dann doch zum Ganzen.

Cordula Eich macht Werbung: Für ihr Buch und für Discounter-Weine

Cordula Eich macht Werbung: Für ihr Buch und für Discounter-Weine

So war auch das samstägliche Restprogramm des Barcamps verlaufen. An weiteren spannenden, lehrreichen und teilweise sich im Vagen verlierenden Sessions partizipierte ich. Ob die Bedeutung von Discountern für Weinhandel und Käufer, die Auswertung von Social-Media-Kampagnen im WeinWeb (ein spannendes Forschungsprojekt der FH Geisenheim) oder das große Come-Together zum Thema Blogs und Medienrecht.

Ein Versuch zur Medienanalyse

Ein Versuch zur Medienanalyse

Höhepunkt des Tages war jedoch das so genannte Social Tasting. Jeder der 110 Teilnehmer hatte zwei Weine mitgebracht, die dann höchst kommunikativ und dynamisch zusammen verkostet wurden. Wie so vieles in diesen Tagen im Rheingau war auch dies sehr Riesling-lastig. Was wenig überrascht, wenn man den Veranstaltungsort bedenkt; aber auch die gesamte Tendenz der deutschen Wein-Aktivitäten im Netz.

Nicht nur Arthurs Tochter probiert mit Hingabe

Nicht nur Arthurs Tochter probiert mit Hingabe


Vinocamp 2011: Auftakt deluxe

WeinWeb goes real world. Ausgerechnet im Rheingau, dem Hort überkommener Strukturen, etabliertester Betriebe, traditioneller Gediegenheit. Das  Image, die Marke (um mal den Titel aufzugreifen der Session, in der ich gerade sitze) hat folgenden Kern: Qualität, Hochpreisigkeit, Weltwirkung, Riesling, Zielgruppe 50+.
Wir sind also auf dem campusgeisenheim und arbeiten am ersten deutschen Vinocamp (Twitter: #vcd11) . Dynamik und digitale Innovation zelebriert von Praktikern, Multiplikatoren, Idealisten. Initiativ war der ganze Haufen ein Feiervolk, gestern abend in der Sektkellerei Bardong.

Die Vinocamp-Organisatoren Thomas Lippert und Dirk Würtz, zusammen mit Sommelier Hendrik Thoma (v.r.n.l.)

Die Vinocamp-Organisatoren Thomas Lippert und Dirk Würtz, zusammen mit Sommelier Hendrik Thoma (v.r.n.l.)

Eine Afterworkparty als Kennenlern- und Hello-again-Marktplatz. Facebook ist das Leitmedium der digitalen Weingesellschaft. Ich habe vielen Winzern, Händlern und Netzaktivisten nun das erste Mal gegenübergestanden, Hände geschüttelt, erkennend gelacht und zögernd gezweifelt. Gute Gespräche geführt. Und tollen Geisenheimer Sekt getrunken im herrlichen Bardong-Park.  Auch der Regen war nicht Wasser im Wein sondern eher Taufe dieses neugeborenen Babys.

Am frühen Morgen dann eigentlicher Anfang der Veranstaltung: Akkreditierung, Begrüßung, Vorstellungsrunde. Alle 110 Teilnehmer stellten dem Podium ihre Namen und Webidentitäten vor samt drei Tags, die sie charakterisieren. Das war spannend, witzig, erhellend. Ab 11 ging es in die Sessions, deren so viele spontan angeboten wurden, dass drei Räume über Stunden parallel bespielt werden können. Was der Medienagent beispielsweise gerade zum Thema Branding präsentiert, führt in eine lebhaft-kontroverse Diskussion. „Deutsche Etiketten sind hässlich“ ist die These. Allerlei Einwürfe zu den Themen Branding, Imagebildung, Markenführung und Produktdefinition beleben das Plenum. Bisweilen fehlt Struktur, Theoriefundament, aber die Divergenz der Ansichten franst nicht am Rande aus, lose Fäden bleiben zwar, lassen sich aber mit etwas gutem Willen verknüpfen.

Arbeit am Sessionboard

Arbeit am Sessionboard

Juristische und theoretische Grundlagen der Messwein-Problematik“ war übrigens meine erste Session überschrieben. Eine Orchideenveranstaltung, spannend, theorielastig. Warum die katholische Kirche ihren leitenden Angestellten meist hochqualitative Tropfen gönnt? „Jesus ist kein Gesöff“ war die Essenz kirchlicher Feldforschung. Bei der sozialen Weinprobe, die ab 16.00 Uhr stattfinden wird und zu der jeder Vinocamper zwei Weine der Wahl beigesteuert hat, bin ich auf den Messwein besonders gespannt. Hier ein exklusiver Blick durch’s Schlüsselloch.

Vorschau auf die Weine des Social Tastings

Vorschau auf die Weine des Social Tastings


Werte Weindiebe, ehrbare Einbrecher, restliches Räubergesindel,

ab dem heutigen Abend bietet sich eine einzigartige Gelegenheit. Man liest ja immer häufiger davon, dass Web 2.0 und Social Media Euch zu Recherchezwecken dienen. Da postet Papa auf seine Facebookwall, dass er samt Luxusweib und verzogenen Blagen für die folgenden Wochen seine viel zu kleine Villa mit Rheinblick in  – sagen wir mal –  Kaiserswerth gegen die schnuckelige Masseria in Süditalien tauscht und wundert sich bei der Rückkehr, dass unerwartete Gäste sich Zugang verschafft und reichlich Unordnung gestiftet  haben im Düsseldorfer Westen. Der Golffreund und Leiter des zuständigen Dezernats der Kriminalpolizei spricht schlicht von Dummheit.

Wenn Ihr, Hallodris und Halunkenpack, nun vinophil und webaffin seid und am Wochenende noch nichts vorhabt, bietet sich ein wahrer  Kairos, eine einzigartige Gelegenheit, ähnlich selten wie die Blutmond genannte Mondfinsternis dieser Tage. Wir sind nämlich alle weg – und zwar hier:

Wenn Ihr also ein wenig im Weinweb stöbert, habt Ihr schnell eine hübsche Liste von 106 Leuten mit potentiell gut gefüllten Weinklimaschränken zusammen. Tage der offenen Keller, sozusagen. Wir sind alle zu finden auf Blogs wie diesem, in führenden Microbloggingsystemen und sozialen Netzwerken. Dank grunddeutscher Impressumspflicht und anderweitig gelagerter Zeigefreudigkeit dürfte der Rest kein Problem für Profis wie Euch sein. Was mich persönlich angeht – ein wenig Platz in den Regalen käme mir sogar sehr entgegen, werde ich Sonntag abends sicherlich nicht mit leerem Kofferraum zurückkehren. Vielleicht könntet Ihr im Gegenzug bitte kurz die Tomaten gießen und nachschauen, ob ich auch wirklich den Herd ausgeschaltet habe?

Ach ja, ich sprach vom Kairos, vom Momentum, den es so kein zweites Mal geben wird. Warum, wird das Vinocamp in Geisenheim eine Eintagsfliege? Keineswegs. Aber ich zumindest werde zukünftig gut gesichert sein gegen Avancen Euresgleichen. Denn ich bin mir sicher, dass meine edlen Tropfen bald ausgelagert werden, nach Hattenheim, in die Winebank. Wenn ich denn Fach 145 gewinne. Bestimmt.

PS
Wer am kommenden Wochenende in fremden Kellern oder sonstwo erfahren möchte, was so passiert auf einem Barcamp zum Thema Wein,  wird hier bestens bedient werden. Mein kleines Internettagebuch wird dann zum Eventblog!