Streetfood mit Stevan: Ein Geschenk

Ich freue mich sehr drauf:


Deutschland vegetarisch

Ob sich ein Kunstwerk ohne seinen Schöpfer denken lasse, ist ein altes, weites Feld kulturtheoretischer und vielmehr noch populärwissenschaftlicher Diskurse. Evident ist diese Problematik immer dann, wenn ein Kreativer negativ beleumundet ist: Darf ich Wagners Ring lieben, obwohl dieser Typ nachweislich ein riesengroßes Arschloch war? Sind Rosemaries Baby und Chinatown keine filmischen Meisterwerke, weil Ihr Regisseur wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen angeklagt und verurteilt wurde? Ist der 1912 erschienene Gedichtband „Morgue“ nicht Poesie der Extraklasse, weil Gottfried Benn am 26. Oktober 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft unterschrieben hat?

Ich habe für mich persönlich nur im Umkehrschluss eine Handlungskonsequenz gezogen: Ich versuche immer, die Menschen hinter den Dingen kennenzulernen. Dies war der Grund, warum ich lange Jahre Musiker und Bands interviewt habe. Ein paar Semester Germanistik und Gespräche mit vielen Autoren sind deshalb Teil meiner Lebensgeschichte. Die Fokussierung auf einen überschaubaren Raum, das Loblied auf die Region und ihre Akteure, haben hier ihren Ursprung. Auch das Bloggen und im zweiten Schritt das Heraustreten aus dem Virtuellen folgen diesem Impetus: Über das gegenseitige Lesen lässt sich immerhin eine Nähe ahnen – beim wirklichen Treffen der Erbauer illustrer Internetfassaden gab es bisher keine echte Enttäuschung. Eine handvoll Freundschaften sind sogar entstanden.

Ich liebe, was ich regelmäßig lese. Und begleite es umso kritischer. Stevan Paul zum Beispiel ist unbestritten ein Star in der beschränkten Szene der Foodblogger. Dass er darüberhinaus, in der realen Kulinarik, eine gewichtige Rolle spielt, macht sein Wirken umso komplexer. Er ist ein Mann der Oberfläche und des Hintergrunds (als Foodstylist und Kochbuchentwickler) und ein Profi durch und durch. Das unterscheidet ihn von 99 % all derer, die im Netz über Essen schreiben. Dass er darüber hinaus musikverrückt ist und ein ziemlich sympathischer Mensch, bringt ihn mir nahe. Erst im letzten Jahr hat er ein Buch mit Liebe bereitet. Nun will er den Beweis antreten, dass Deutschland vegetarisch isst.

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Und das gelingt ihm. Denn selbstverständlich war die Küche des gemeinen Volkes landauf landab über die Jahrhunderte von allem Möglichen geprägt – nur nicht vom Fleischkonsum. Gerade deshalb war sie zwar häufig darauf fokussiert – weil das Besondere eben erstrebenswert scheint – und der Wunsch zur Alltagsoptimierung dem Menschen innewohnt. Schon daher war beispielsweise Speck so häufig Fett- und Salzersatz – weil er als erschwingliches Substrat Gedanken zuließ an den Sonntagsbraten.

pitter un jupp

Alle deutschen Eintöpfe funktionieren ohne die heute fast reflexhaften Fleischbeigaben. So braucht der kölsche Pitter und Jupp weder eine hohe Rippe, noch Mettwurstscheiben, um aromatisch zu glänzen und beim Genuss im Mund eine Fülle und im Magen wohlige Wärme zu erzeugen. Die von Stevan empfohlene Zubereitung ist exemplarisch für die Funktionalität des gesamten Werks: Reduziert auf wenige Grundzutaten – hier Wirsing, Möhren, Kartoffeln – und optimiert bezüglich der Garzeiten. Letzteres ist besonders wichtig, da vielen Menschen der Zugang zu diesen simplen Zubereitungsformen in Kindertagen schon verleidet wurde, weil Muttern totgekochten Einheitsbrei servierte. Dass gewürzt wird, war früher nicht selbstverständlich. Und die Verwendung von Sternanis (für den Herr Paul ein offensichtliches Faible pflegt) ist für manch älteren rheinischen Gaumen theoretischer Frevel: Wenn es aber ans Probieren kommt, bleiben keine Argumente dagegen.

spAuch im direkten Kontakt mit Publikum und Gast ist Stevan Paul ein Meister seines Fachs: Immer charmant, stets verbindlich und auch im größten Stress mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Buchpräsentation im Kölner Marieneck, zu der mich dankenswerter Weise der Verlag geladen hatte, war auch deshalb eine Runde Sache, weil es wirkte wie eine Art Familientreffen von Internetessern. (Details dazu hier und hier und hier.)

Fazit: Wein beispielsweise trinke ich dann am liebsten, wenn ich den Winzer kenne und schätze. Und empfehle ihn natürlich auch weiter – weil ich leicht Feuer fange und dann brenne. Deshalb sage ich Euch: Kauft diese Buch (zumindest, wenn Ihr keine Sahneallergie habt)! Und verschenkt es an alle die, die sich bisher geweigert haben, sich mit der deutschen Alltagsküche auseinanderzusetzen. Sie werden ihre Freude daran haben.


Ein Buch, mit Liebe bereitet

Im Kreise der vielen lieben, spannenden, absonderlichen, egozentrischen und hyperkreativen Menschen, die ich in den letzten beiden Jahren über diesen Blogbetrieb und meine damit verbundene Netzexistenz kennengelernt habe, nehmen zwei, drei, vier Verrückte Sonderrollen ein. Weil da Nähe ist ohne eine gemeinsame Geschichte. Über Geschichten aber, die wir alle ähnlich erfahren und weitergeben, entsteht Solidarität. Bekanntschaft. Freundschaftlichkeit. Schreiben verbindet, so sehr, dass die Themen austauschbar scheinen. Egal ob in Köln, Berlin oder Ingelheim, am Niederrhein oder in LA – am Anfang war es der „Foodie-Hype“, schnell wurde es permanente Selbstversicherung gemeinsamer kultureller Grundlagen. Oft einfach nur Rock’n’Roll.
Wenigen habe ich noch nicht ins Antlitz gelacht.

Doch in Hamburg, der zweitbesten Stadt der Welt, war ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Es hat sich einfach nicht ergeben. Obwohl kaum ein Ort mehr Anziehungskraft auf mich ausübt seit Zeiten. Kulinarisch, popkulturell. Und der Menschen wegen. Gut, Portland vielleicht, aber dieser Traum wurde ja wirklich wahr, im letzten Jahr. Die Hansestadt hingegen war Wallfahrtsort, viele wilde Jahre lang. Irgendwann war ich satt.

Hunger verspüre ich aber nach meiner Lektüre der letzten Tage. Stevan hat  mir sein neues Buch geschickt. Es heißt Schlaraffenland. Und der Offbeatkönig der deutschen Foodblogprominenz parliert darin 15 Geschichten lang beiläufig pointiert, farbenfroh und sinnenreich, zischend heiß und wohltemperiert. Mit Herrn Paul würde ich schon mal gerne die eine große Wassermasse schwimmend durchschneiden. Denn „Wellenreiter“  heißt die Sieben-Seiten-Geschichte, die mich am tiefsten berührt. Da findet einer zurück in sein Element und weiß doch nicht warum. Trinkt mittags Bier in südlicher Sonne und labt sich an deliziösem Strandbudenkram. Urlaub scheint erst kein erholsames Konzept für ihn. Bis er wieder Kind wird, ganz leise und unvermittelt. Ist das Leben ein Traum, wenn es gelingt?

Diese Frage war mir Lesequintessenz. Ich spüre ihr nach, als gerade Fisch und Calamares und Kichererbsen und Lorbeer in Pfannen brutzeln – die Rezepte im Buch erscheinen auf den ersten Blick mehr Pflichterfüllung und Verlagsbefriedigung. Erst das Schmecken gibt dann aber den Blick frei auf die zweite Ebene dieser Gaumenliteratur. Da ist einer mit sich im Reinen und lässt uns teilhaben an seinem Blick auf die Dinge. Nicht alles ist mir gleicher Kitzel, manche Idee verfliegt zu schnell im Abgang. Und doch ist das ein gutes Buch. Denn es ist mit Liebe gemacht. Lasst es Euch schmecken!

(Über Wodka wollte der Autor schon nicht im sozialen Netz mit mir streiten – diese Dinge seh ich fürwahr anders. Doch: Geschenkt.)

Stevan Paul
Schlaraffenland

mairisch verlag, 2012

Mehr von Herrn Paulsen: nutriculinary.com