Roter roter Wein; kulinarischer Sprachterror

Ein Song, ursprünglich vom unsäglichen Neil Diamond geschrieben und zur Gitarre gesungen, der unendlich oft interpretiert wurde, um dann schließlich in den 80ern durch die UB40-Performance auf dem Free-Mandela-Festival in London für immer in mein popkulturelles Langzeitgedächtnis gebrannt zu werden: Red red wine. Knarziger, handfester, sperriger und dennoch mit mehr Tiefgang ist dagegen die Version des Jamaikaners Tony Tribe aus dem Jahre 1969. Quasi der Frühburgunder unter den Coverversionen.

Komme darauf, weil ich gestern einen 2007 Frühburgunder Spätlese trocken vom Udenheimer Winzer Rudolf Fauth getrunken habe, drei Sterne und Barrique ohne Ende, angenehm inspirierender Duft direkt nach dem Entkorken – dann jedoch akute Brustschwäche im Mund. Schade, hatte mir viel erhofft von diesem weithin unbekannten Rheinhessen, doch eventuell war ich einfach nur zu früh. Habe eine weitere Flasche in den Keller gelegt und werde in 2-3 Jahren nochmals nachschmecken.

Dennoch war ich beschwingt, der Musik sei Dank. Möchte diese Stimmung nutzen, um eine kleine Serie zu beginnen. Meine werten Leser teilhaben lassen an Fundstücken sprachbarbarischer Art. Gerade im kulinarischen Bereich tummeln sich allerhand Menschen mit dem Drang, ihre pseudotiefschürfenden Erkenntnisse und küchenphilosophischen Glücksbotschaften auf unsäglich unterirdische Art und Weise zu verschriftlichen. Weinbeschreibungen bilden da nur die Spitze des Wortterrors. Erstes Beispiel gefällig?

„Dezente Töne von Unterholz. Am Gaumen fast fleischig. Ein Wein, den man essen möchte.“

Armer Spätburgunder aus Baden, dem hier derart ungehobelt der poetische Garaus gemacht wurde. Das tönende Gehölz, tollwütiger Fuchs trifft auf rohen Gaumen. Der dichte Dichter mit Schluckbeschwerden.
Fortsetzung folgt.


Lieblings-Weingüter: Scheidgen, Wagner

Noch ist der Niederrhein kein Weinanbaugebiet. In naher Zukunft bestimmt, dem Klimawandel sei Dank. Doch bis es soweit ist, kann ich diesen Prozess nur beschleunigen, indem ich CO2 produziere – also ins Auto steige. Um die eigene Ironie ein wenig zu brechen, geht die Fahrt nicht ins Markgräflerland oder gar in französische oder italienische Provinzen mit Hügeln und Hängen und passenden Reben. Erst einmal müssen 130 km reichen, um zu Georg Scheidgen nach Hammerstein zu gelangen.

Ich scheue mich nicht, hier mit Superlativen zu operieren. Also: Eines meiner Lieblingsweingüter hat nicht nur einen gleichermaßen bodenständigen wie zuvorkommenden und hochkompetenten Winzer, was jeden Besuch dort wie ein Zusammentreffen mit einem Freund gestaltet, sondern ist sicherlich das beste nördliche Burgunderweingut. Womit nicht rote Tropfen gemeint sind, sondern die exquisiten Grau- und noch mehr die Weißburgunder. Wobei auch der 2009er Leutesdorfer Gartenlay, Riesling Hochgewächs, zu gefallen weiß. Knackig frisch, mit ausreichend Säure und nicht zu viel Alkohol, das passende Getränk für sonnige Nachmittage. Doch die Weißburgunder aus der Hammersteiner Hölle sind gewiss olfaktorische wie geschmackliche Eindruckschinder erster Güte. Seit Jahren schon kommt mir kein besser gelungener Wein dieser Preiskategorie ins Glas. Der „einfache“ ist ab Hof für 4,80, die Edition Pinot für 7,10 EURO zu haben.

Ins Rheinhessische nun verschlug es mich am letzten Wochenende – was zwangsläufig einen Freitag-abendlichen Besuch im Weingut Wagner in Essenheim zur Folge hatte. Seit Jahren Lieblings-Straußwirtschaft im Dreieck Mainz-Bingen-Worms, fast schon ein Gesamtkunstwerk. Herrlicher Innenhof im Ortskern, mediterranes Flair, bei gutem Wetter stets rappelvoll, über hundert Menschen freuen sich hier am Leben. Kinder spielen lachend, leckere Kleinigkeiten wie die Wingertsknorze mit Spargel und der immergute Spundekääs laben, gute Gespräche mit den Brüdern Wagner oder dem alten Herrn. Alltagstaugliche Hochkultur scheint eine treffende Bezeichnung zu sein, literarisch, kulinarisch. Und natürlich der Wein.

Die Emilie ist Jahr für Jahr ein immerguter roter Alltagswein, der süffiger kaum sein kann. Eine Cuvée aus Spätburgunder, Merlot und Dornfelder,  zwar im Holzfass ausgebaut, dennoch leicht-fruchtig. Von den aktuellen Weinen probierten wir den 2009er Silvaner trocken, ein regionaler Klassiker, leicht und duftend nach weißem Obst. Und aus der Jean-Linie den grauen und den weißen Burgunder sowie den Riesling vom tertiären Mergel. Letzterer überraschte, da mir die Wagners bisher nicht als Rieslingspezialisten aufgefallen waren. Auch werden sie zukünftig nicht meine persönliche Moselpräferenz konterkarieren, doch ist dieser Riesling gut gelungen: Ausreichend mineralisch, mit nüchterner Wucht.
Der weiße Burgunder gefällt wie eh besser als der graue, da letzterer stets zu wuchtig-fruchtig ausgebaut wirkt. Das Filigrane, das der 2009er ”Jean” Weißer Burgunder trocken, Essenheimer Domherr, aufweist, bleibt beim grauen auf der Strecke.
Um in Bälde einen weiteren Besuch zu rechtfertigen, wurde die Spätburgunderprobe ausgespart.