Vegetabile Transformation 1: Sellerie

Vorher:

sellerie

Nachher:

sellerievariation

Apium graveolens ist in seinen drei Varietäten Staudensellerie, Schnittsellerie und Knollensellerie eines der traditionellen Gemüse der mitteleuropäischen Küche. Dennoch wird der Doldenblütler allenfalls in Nebenrollen besetzt in den großen kulinarischen Erzählungen wie auch in alltäglichen Küchengeschichten. Als Geschmacksgrundierung im Mirepoix oder als pseudodekorativ gestrichener Püreekleks – zu mehr reicht es meist leider nicht. Neuerdings wird von bärtigen Ex-Hipstern ja fast alles ins offene Feuer geworfen und auf der Glut gegart, so auch hin und wieder der arme Sellerie. Doch ist das Archaische in der Kultur eher selten ihre Vollendung. In diesem besonderen Fall führt das Verkohlen tatsächlich zurück auf ein Grundproblem, auf den eigentlichen kausalen Zusammenhang zwischen Geschmacksgedächtnis und Abstinenz: eine süßliche Dumpfheit ist es, was den meisten Menschen, sich an Sellerie erinnernd, von den Geschmackspapillen ins Hirn schwappt und zu spontaner Ablehnung führt. Schade.

Die Sellerievariation auf dem obigen Foto ist sicherlich nicht der Kochkunst letzter Schluss. Aber das eher basale Vorgehen offenbart auf einfache wie prägnante Weise die vielfältigen Möglichkeiten dieses hierzulande fast das ganze Jahr verfügbaren Gemüses. Das Gericht ist minimal komplex und profitiert von Komplementäraromen und -konsistenzen.
Ein säuerlicher Apfel und ein Staudensellerie, in gleichmäßige Würfel geschnitten, mit viel Rieslingessig und wenig Sonnenblumenöl mariniert und schwarzem Pfeffer gewürzt. Eine Knolle, in drei bis fünf Millimeter dicke Scheiben geschnitten, paniert (dazu verwende ich neben Mehl und Ei eine Mischung aus selbst geriebenen, feinen und groben Bröseln vom alten Hausbrot) und langsam in reichlich Fett in der Pfanne ausgebacken. Selleriegrün obenauf. Etwas grobes Steinsalz darüber.

Übrigens: Im „Cook Book by Oscar of the Waldorf“ beschreibt der Maître d’hôtel des nachmaligen Grandhotels 1896 erstmals die Zubereitung des später berühmtesten Selleriesalats der westlichen Welt. Allerdings ohne die Verwendung von Walnüssen und nicht mit in Julienne gerissenem Knollen-, sondern mit fein geschnittenem Staudensellerie. SO schmeckt das dann auch.


Renekloden, Vitelotte und eine Selleriesuppe

Der Besuch aus Berlin hatte es wohl bemerkt: Außer Monatsgemüse und allfälligen Veranstaltungshinweisen herrscht hier sommerliches Flautenwetter auf dem Blog. Obwohl Herbst ist, herrlich. Denn die Genüsse in der Zeit der fallenden Blätter sind im Aromapräferenzspektrum der Gesindehausbewohner Tabellenführer. Erdig, reif und harmonisch sind die Dinge, die aus dem Garten in die Töpfe wandern – und in der Regel ohne großes kochtechnisches Brimbamborium auf den blanken Tisch. Also sage ich Euch kurz, was gestern auf denselben kam am südlichen Ende des Niederrheins: Gemüse und Obst in aller Herrlichkeit. 

selleriesuppe

Zuerst eine schwere Sellerierahmsuppe, für die das Adjektiv „samtig“ texturell wohl dereinst erdrechselt wurde. Mit einem Klecks sternanisiertem Kürbismus. Und Sellerieöl. Ich muss mich selber loben. Auch für die Idee, als Hauptgang einfach nur das restliche Gemüse jeweils rechtzeitig auf ein Blech zu legen und mit Knoblauch, Ingwer, Rosmarin, Rapsöl und dem herrlichen Bergkräutersalz von Spirit of Spice passgenau zu garen. 

backofengemüse

Bunte Möhren, rote Beete, violette Kartoffeln, Kürbis. Dazu gedörrte Tomaten und die Zwiebelmarmelade vom Vortag, mit Lorbeer und Apfelessig abgeschmeckt. Hintendrauf noch Reneklodenkuchen mit Sahne. 

Und bald gibt’s Kappes. Im Klub.