Gen Süden – #vcd12

Ein Barcamp also. Hedonistische Netizens treffen sich zum Umtrunk im Rieslinghimmel. Über 100 Weinfreaks und Internetjunkies reisen heute gen Geisenheim, um pünktlich morgen um 8 das Vinocamp 2012 zu beginnen. Ich freue mich auf einen Haufen vinophiler Selbstdarsteller, spannende Sessions und eine herrliche Vielfalt an Social Tastings. Ich komme, um Freunde zu treffen, und vor allem: zum Lernen.

Vinocamp 2012

Dass Wege oft schon zum Ziel gereichen, wird sich heute fügen – dessen bin ich mir sicher. Bilde ich doch zusammen mit den Herren von allem Anfang und originalverkorkt eine formidable Fahrgemeinschaft. Dazu Sommersonnenschein in der Märzmitte und die Vorfreude auf einen Einstimmungsabend im Alten Rathaus in Oestrich. Gerade noch zwei Lieblingsrieslinge und einen alten Franzosen verstaut und jetzt südwärts.

Wie schon im letzten Jahr wird hier in den nächsten Tagen alles zum subjektivsten Eventblog der Weinwelt. Da müssen alle Foodies und Popkulturfetischisten tapfer sein. Einen weiteren Mehrwert wird es auch geben, habe ich mich doch entschlossen, selber eine Session anzubieten. Ich werde berichten.


Winebank, Sessions, Rieslingdominanz

Snobbismus 2.0. Auch das ist zu beobachten beim Vinocamp 2011 – und zwar auf der abendlichen  Party in Hattenheim. Die Winebank ist ein genialer Ort zum Feiern, stylish ausgebauter, weit verwinkelter Gewölbekeller unterm Weingut Balthasar Ress. Ein Betrieb, bei dem schon lange nicht mehr der Wein allein im Fokus steht, mit allen Auswirkungen, die solcherlei Tun mit sich bringt. Eventlastig, szeneaffin, schlagzeilenträchtig. Pioniergeist auf Sylt, das Weinsortiment heißt Portfolio, und schließlich Schließfächer für Porschefahrer. Wo Menschen, die schon alles haben, ihre edlen Tropfen auf die Winebank tragen können.

Vinocamp@Winebank

Vinocamp@Winebank

Was auch immer ich von dieser Geschäftsidee halte: Edel ist das Ambiente, schlüssig das Design, hochemotional das Setting. Die Vinocamper (Twitter: #vcd11) an diesem Ort: Das fühlte sich jedoch ein wenig so an, als wäre das CBGB’s in der Met reinkarniert. Dass die kredenzten Weine vom jungen VDP solide waren, jedoch nicht brilliant, und die Musik medioker, brachte keine Unwucht in diesen großartigen Abend. Denn die vielen kleinen Widersprüche, die Melange von rau und glatt, die mulipel konträren Sinneseindrücke fügten sich dann doch zum Ganzen.

Cordula Eich macht Werbung: Für ihr Buch und für Discounter-Weine

Cordula Eich macht Werbung: Für ihr Buch und für Discounter-Weine

So war auch das samstägliche Restprogramm des Barcamps verlaufen. An weiteren spannenden, lehrreichen und teilweise sich im Vagen verlierenden Sessions partizipierte ich. Ob die Bedeutung von Discountern für Weinhandel und Käufer, die Auswertung von Social-Media-Kampagnen im WeinWeb (ein spannendes Forschungsprojekt der FH Geisenheim) oder das große Come-Together zum Thema Blogs und Medienrecht.

Ein Versuch zur Medienanalyse

Ein Versuch zur Medienanalyse

Höhepunkt des Tages war jedoch das so genannte Social Tasting. Jeder der 110 Teilnehmer hatte zwei Weine mitgebracht, die dann höchst kommunikativ und dynamisch zusammen verkostet wurden. Wie so vieles in diesen Tagen im Rheingau war auch dies sehr Riesling-lastig. Was wenig überrascht, wenn man den Veranstaltungsort bedenkt; aber auch die gesamte Tendenz der deutschen Wein-Aktivitäten im Netz.

Nicht nur Arthurs Tochter probiert mit Hingabe

Nicht nur Arthurs Tochter probiert mit Hingabe


Vinocamp 2011: Auftakt deluxe

WeinWeb goes real world. Ausgerechnet im Rheingau, dem Hort überkommener Strukturen, etabliertester Betriebe, traditioneller Gediegenheit. Das  Image, die Marke (um mal den Titel aufzugreifen der Session, in der ich gerade sitze) hat folgenden Kern: Qualität, Hochpreisigkeit, Weltwirkung, Riesling, Zielgruppe 50+.
Wir sind also auf dem campusgeisenheim und arbeiten am ersten deutschen Vinocamp (Twitter: #vcd11) . Dynamik und digitale Innovation zelebriert von Praktikern, Multiplikatoren, Idealisten. Initiativ war der ganze Haufen ein Feiervolk, gestern abend in der Sektkellerei Bardong.

Die Vinocamp-Organisatoren Thomas Lippert und Dirk Würtz, zusammen mit Sommelier Hendrik Thoma (v.r.n.l.)

Die Vinocamp-Organisatoren Thomas Lippert und Dirk Würtz, zusammen mit Sommelier Hendrik Thoma (v.r.n.l.)

Eine Afterworkparty als Kennenlern- und Hello-again-Marktplatz. Facebook ist das Leitmedium der digitalen Weingesellschaft. Ich habe vielen Winzern, Händlern und Netzaktivisten nun das erste Mal gegenübergestanden, Hände geschüttelt, erkennend gelacht und zögernd gezweifelt. Gute Gespräche geführt. Und tollen Geisenheimer Sekt getrunken im herrlichen Bardong-Park.  Auch der Regen war nicht Wasser im Wein sondern eher Taufe dieses neugeborenen Babys.

Am frühen Morgen dann eigentlicher Anfang der Veranstaltung: Akkreditierung, Begrüßung, Vorstellungsrunde. Alle 110 Teilnehmer stellten dem Podium ihre Namen und Webidentitäten vor samt drei Tags, die sie charakterisieren. Das war spannend, witzig, erhellend. Ab 11 ging es in die Sessions, deren so viele spontan angeboten wurden, dass drei Räume über Stunden parallel bespielt werden können. Was der Medienagent beispielsweise gerade zum Thema Branding präsentiert, führt in eine lebhaft-kontroverse Diskussion. „Deutsche Etiketten sind hässlich“ ist die These. Allerlei Einwürfe zu den Themen Branding, Imagebildung, Markenführung und Produktdefinition beleben das Plenum. Bisweilen fehlt Struktur, Theoriefundament, aber die Divergenz der Ansichten franst nicht am Rande aus, lose Fäden bleiben zwar, lassen sich aber mit etwas gutem Willen verknüpfen.

Arbeit am Sessionboard

Arbeit am Sessionboard

Juristische und theoretische Grundlagen der Messwein-Problematik“ war übrigens meine erste Session überschrieben. Eine Orchideenveranstaltung, spannend, theorielastig. Warum die katholische Kirche ihren leitenden Angestellten meist hochqualitative Tropfen gönnt? „Jesus ist kein Gesöff“ war die Essenz kirchlicher Feldforschung. Bei der sozialen Weinprobe, die ab 16.00 Uhr stattfinden wird und zu der jeder Vinocamper zwei Weine der Wahl beigesteuert hat, bin ich auf den Messwein besonders gespannt. Hier ein exklusiver Blick durch’s Schlüsselloch.

Vorschau auf die Weine des Social Tastings

Vorschau auf die Weine des Social Tastings