Liebe zu Dritt

Nein, kein Stereo Total. Frau Kaktussens trashiger Unernst und ihre lockere Verspieltheit nötigen mir zwar seit Jahr und Tag Respekt, ja Bewunderung ab – aber Liebe ist ein ungleich weitreichenderer emotionaler Aggregatzustand. Kochen zum Beispiel ist Liebe – das steht zumindest auf der Fensterbank von Arthurs Tochter, irgendwo über den Dächern der rheinhessischen Rotweinmetropole Ingelheim. Diese Frau ist mit jeder Faser von Körper und Geist eins mit dem Genuss. Und mit P. (danke für die Fotos). Das ist gut. Und schön.

Weingut Teschke

Wir waren zu dritt bei Michel Teschke auf dem Laurenziberg. Der Mann ist Sylvaner. Mit Leib und Seele. Er liebt seine Reben, seinen Wingert. Ein Einzelkämpfer, ein rheinhessisches Original. Ein Marionettenspieler, der seine Puppen tanzen lässt – nach gründlicher, ganzheitlicher Behandlung im Keller fließt alle seine Liebe in die Flaschen. Ob der kräutrige 2009er Blauer Sylvaner, der cremig leichte 2010er Sylvaner „primus inter pares“ oder die vollkommene Cuvee aus grünem und blauem.  Auf 7 Hektar lässt er seit 1995 nicht nur komplett magische Handarbeit wirken, heiliges Wasser mit „gewissem Verderb“ aus der eigenen Zisterne zur überirdischen Vollkommenheit inklusive, sondern ist auch bauernschlauer als die meisten anderen. Als im Frühjahr 2011 eine Frostnacht benachbarten Weinbauern große Teile der Erträge raubte, saß er auf dem Bock und zog die Spritze durch die Reihen. Wirbelte Luft auf, bannte die Gefahr – kein Trieb wurde kampflos preisgegeben.

Michael Teschke

Ein 2003er Sylvaner war der Höhepunkt der Verkostung. Auch wenn dieser Kredenz naturgemäß das sortentypisch Leichte, Erdverbundende abging, erfüllte sich ein wuchtiges Kellerversprechen. Schmelz und Wucht und Klarheit vermählten sich im Glas, in Nase, am Gaumen. Das ganzheitliche Vorgehen jenseits aller Bio-Label ist das Markenzeichen dieses Weinverrückten. Ich verneige mich in Demut und reserviere die erworbene Kiste für Freunde, die solch Qualität zu würdigen wissen.

Später dann, in der Küche in Ingelheim, wurde das Gefühl zur Religion. Ein völlig zu Recht gestorbener Ochse. Auch Korken, Waffen einer mafiösen Struktur angeblich, spielten irgendwie eine Rolle. Ein veritabler Gleichklang aus Können, Lust und Magie gipfelte in einem furiosen Finale aus eisigem Orangenpfeffer – mit einem Chocolate Block als Katalysator – und rosig mariner Panna Cotta.

Eigentlich war ich mir sicher, dass abschließend nun die vielleicht wichtigste amerikanische Band der späten 60er – Love – eine Würdigung erfahren soll. Als Manifestation meiner dreifaltigen Liebe aus Wein, Essen und Musik. Ihr Song „Alone again or“ ist mir einer der wichtigsten. Doch die mexikanische Attitüde samt Trompetentrauer passt nicht hierher. „Wort ist das falsche Wort“ fällt mir dazu ein. Die Rezension, die ich zur Best-Of-Compilation der größten kleinen Kölner Band Erdmöbel immer noch nicht fertig geschrieben habe, das intellektuell Glitzernde und emotional Fantastische, die Verwirrtheit in mir und das Wissen um den Sinn, die Liebe: Dieser Tag war wie das „Polarlicht von Palermo“.