Design for Food

Food Design ist im Wortsinne die Gestaltung von Essbarem und bezeichnet in der Realität den Entwicklungsprozess neuer Lebensmittel, meist im  industriellen Zusammenhang. Nicht nur nicht meine Baustelle, sondern im Gegenteil nachgerade die Antithese dessen, was mir im Zusammenhang mit Esskultur wichtig ist. Das ungestaltete Produkt mag ein mit gewissen logischen Defiziten behaftetes Ideal meines kulinarischen Universums sein. Das hochverarbeitete Lebensmittel lehne ich ab. Weil Kochen und Essen für mich in der Regel vor allem die temporäre Ermöglichung von Kreativität im Alltag bedeuten. So wie ich beim Schreiben Romantiker bin und das weiße Blatt Papier benötige, um etwas schaffen zu können. Genauso ist die Beschränkung der Mittel in der Küche mir Impuls und Horizonterweiterung.

„Design for Food“ – der Untertitel einer Ausstellung, die gerade in Lüttich im Rahmen der Design Triennale Reciprocity gezeigt wird – verfolgt den diametral entgegengesetzen Ansatz. Durch die Umgestaltung der Umstände, die Verbesserung der Instrumente, das Dehnen des Kulinarikkosmos wird der Küchenspielplatz nicht nur größer, es öffnen sich neue Blickwinkel oder das Vertraute wird derart präzisiert, dass es wirkt wie neu. Indem ich beispielsweise ein Besteck zum Essen nutze, dass bewusst dazu entwickelte wurde, die Nahrungsaufnahme zu entschleunigen, verschiebe ich den Fokus. Wenn ich Getränke zu mir nehme aus Gefäßen, die für einzelne emotionale Stimmungen entworfen wurden, kann ich mich wundern, lächeln und es dennoch wirken lassen. Der Durst schwindet. Und Haptik ist auch nur ein Gefühl. Die tropfsichere Eiswaffel ist genauso banal wie großartig. Wenn altes Wissen in gute Form gebracht wird, ersetzt das am Ende den Kühlschrank. Schmeckt besser und sieht gut aus.

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Wer The Taste of Change – Design for Food“ erleben und sich inspirieren lassen möchten, hat dazu noch bis zum 31. Oktober Zeit. Bei freiem Eintritt werden im beeindruckenden Espace Saint-Antoine, einem ehemaligen Kirchenschiff, das zum Musée de la Vie wallonne gehört, die 58 besten Einreichungen eines Wettbewerbs unter Designschulen und Universitäten gezeigt. Die Produkte, Projekte und Dienstleistungsideen haben teilweise noch Laborcharakter (wie zum Beispiel die Experimente mit 3-D-Druckern im FabLab Maastricht), sind sehr häufig aber auch einem Nachhaltigkeitsimpuls folgend in der Realität verankert wie eine Revierküche in Brüssel, in der nur Zutaten Verwendung finden, die am selben Tag geerntet wurden.

Einmal in Lüttich lässt sich das Angenehme mit dem noch Angenehmeren verbinden. Das beste Bier der Stadt trinken zum Beispiel. Die beste Schokolade essen. In einer der unzähligen Friteries in Fett baden oder in formidablen Bistros den Tag vertändeln. Französisches Flair in dieser belgischsten aller Arbeiterstädte atmen, da wo sich Boheme und Proletariat auf einen Café liégeois treffen.


Klassische französische Bistrorezepte, literarisch

simenonIm Rahmen der Genussbuchwoche erläuterte Julia von German Abendbrot dieser Tage, dass Georges Simenon mit seinem Kommissar Maigret quasi den Urvater aller kulinarophilen Krimiprotagonisten (auf meinen anderen Liebling weist Christoph von originalverkorkt hin) geschaffen hat. Er lässt ihn von Lüttich aus die gesamte französischsprachige Welt bereisen, wobei die Gasthöfe und Restaurants, vor allem aber die Küchen von Opferfamilien, Verdächtigen und Zeugen eine bedeutende Rolle spielen. Er isst und trinkt sich durch die Fälle – und wenn er zu Hause ist in Belgien, bekocht ihn Madame Maigret mit klassischen französischen Bistrorezepten.

Robert J. Courtine hat sich 1992 die Mühe gemacht, viele der literarisch verewigten Köstlichkeiten in einen Kochbuch festzuhalten und die jeweiligen Geschichten zu erzählen. Auf 40 einleitenden Seiten bringt er uns zudem die Lebensgeschichte eines Gourmets nahe: Wie Maigret zu dem wurde, was er war, wird deutlich: ein Meister der einfach guten Küche auch im wahren Leben.

Die Rezepte sind deftig und altbacken, bisweilen; langweilig nie. Da es sich fast durchweg um Klassiker handelt, hat sich nichts erübrigt über die Jahre. Manches, wie das Fricandeau à l’oseille gehört schon lange zu meinem Repertoire. Manches, wie der Kalbskopf nach Schildkrötenart, erschließt sich nicht direkt. Dafür erfreut mein Herz natürlich die Tarte aux pommes bas-rhinoise.

Das Buch ist im schweizerischen AT Verlag erschienen und leider vergriffen. Wer es antiquarisch bekommen kann, sollte keine Sekunde zögern. Schon das Lesen ist ein Genuss.99e68-jeden-tag-ein-buch_arianebille


Lüttich, Luik, Lîdje? Liège!

Klischee gefällig? Nördlichste Stadt Frankreichs. Frittenursprung. Krimikapitale. Was aber auch stimmt: Dahinsiechendes, montanindustrielles Opfer eines naturgewaltigen Strukturwandels. Maasmetropole mit Ghettoattitüde. Kulinarischer Fluchtpunkt aller an teutonischer Einfalt leidenden Grenzgänger. Ich bin in Lüttich.

Das ich fortan nur noch  Liège nenne, erobert doch die französische Attitüde alle meine Sinne unausweichlich und umgehend. Das Grau der Industriestädte Nordfrankreichs. Die kaputten Straßen. Cafes. Die Sprache. Die vor allem. Obwohl es ein mit germanischen Härten angereichertes Idiom ist, das sich Wallonisch nennt, denkt mein Herz, immer in der Lage, meinem Philologenhirn ein Schnippchen zu schlagen: Paris. Mindestens. Es dennoch weiß um die korrekte Bezeichnung Lîdje. Und dass die Holländer es Luik heißen. Aber für die heißt die Meuse auch Maas (wallonisch Moûze, limburgisch Maos).

Stadt am Fluss

Stadt am Fluss

Einer der größten Binnenhäfen der Welt erstreckt sich über 50 km entlang von Maas und Albertkanal rund um die cité.  Als städtischer Flaneur, der sich dem Reiz industriellen Siechtums nicht entziehen kann, genieße ich es,  zwischen gewaltigen Schubverbänden und den das Ufer säumenden Plattenbauten mir die Füße und den Geist wund zu laufen. Die eigentliche Innenstadt mag ich nur wegen des in der Nähe der Kathedrale (auch in dieser Stadt betrete ich kein so genanntes Gotteshaus – als urbane Wegweiser immerhin sind die Monumente überkommener Herrschsucht und Leidenslust häufig hilfreich) gelegenen Käseladens. Ein Fachgeschäft im eigentlichen Sinne, ein Hort des Wissens und der Liebe. Beides kann man mit nach Hause nehmen. Und parken im Schatten der großen Kirche – wer nichts anderes will als Rohmilchpretiosen, ist in etwas mehr als einer Stunde wieder zurück am Niederrhein.

Ziegenkäse, uralt

Ziegenkäse, uralt

Mich zieht es nun über’n Fluss ins Viertel Outremeuse. Dort ist es flach und einfach.  Da  Liège im engen Maastal sich ansonsten über eine weite Strecke an Hängen und Hügeln entlangmaterialisiert, gibt es berühmte Treppen und Ebenen und allerlei barockes Bauwerk zwischen marodem Beton. Jenseits der Meuse sind die Straßen zwar genauso löchrig, doch alte Bürgerhäuser wechseln sich ab mit Industriebrachen, das Araberviertel mit Klein-Vietnam. Die Insel ist zwischen Boulevard Saucy und der Rue des Bonnes Villes städtisch im besten Sinne. Obwohl Belgier häufig  reichlich hässlich sind – das Fluidum von Paris ist doch noch weit, die Mode proletarisch bis deutsch – legen alle, ohne Ausnahme, eine Gelassenheit an den Tag, die beinahe mediterran ist. Und freundliche Menschen überall, es wird mir Angst und Bange.

Typische Straßenszene

Typische Straßenszene

Wenig Konkretes vermag ich zu beschreiben. Vielleicht den Duft der Merguez, den die überfüllten nordafrikanischen Metzgereien verströmen, das urdemokratische Laissez-faire des buntestgemischten Publikums im und vor allem vorm Café Randaxhe. Den Blick von dort in die beiden Lust verströmenden Lebensadern Rue Puits-en-Sock und Rue Surlet. Die formidablen, dampfgegarten Banh Cuon im Mekong, serviert vom vielleicht großartigsten Asia-Maître in BeNeLux. Die Sirenen. Die leichte Luft, das schlechte Bier und inspirierende Baulücken.

Die halben Schiffswracks am Quai de la Dérivation sind der perfekte Kontrast – nach ausgiebigem Bootsspotting und Ohrenzuhalten – zur letzten Stipvisite des Tages. Dem Hafen für Züge. Architekturfanal des Fiktionärs Santiago Calatrava Valls: der Bahnhof Liège-Guillemins.

Calatrava und ich

Calatrava und ich

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