Lüttich, Luik, Lîdje? Liège!

Klischee gefällig? Nördlichste Stadt Frankreichs. Frittenursprung. Krimikapitale. Was aber auch stimmt: Dahinsiechendes, montanindustrielles Opfer eines naturgewaltigen Strukturwandels. Maasmetropole mit Ghettoattitüde. Kulinarischer Fluchtpunkt aller an teutonischer Einfalt leidenden Grenzgänger. Ich bin in Lüttich.

Das ich fortan nur noch  Liège nenne, erobert doch die französische Attitüde alle meine Sinne unausweichlich und umgehend. Das Grau der Industriestädte Nordfrankreichs. Die kaputten Straßen. Cafes. Die Sprache. Die vor allem. Obwohl es ein mit germanischen Härten angereichertes Idiom ist, das sich Wallonisch nennt, denkt mein Herz, immer in der Lage, meinem Philologenhirn ein Schnippchen zu schlagen: Paris. Mindestens. Es dennoch weiß um die korrekte Bezeichnung Lîdje. Und dass die Holländer es Luik heißen. Aber für die heißt die Meuse auch Maas (wallonisch Moûze, limburgisch Maos).

Stadt am Fluss

Stadt am Fluss

Einer der größten Binnenhäfen der Welt erstreckt sich über 50 km entlang von Maas und Albertkanal rund um die cité.  Als städtischer Flaneur, der sich dem Reiz industriellen Siechtums nicht entziehen kann, genieße ich es,  zwischen gewaltigen Schubverbänden und den das Ufer säumenden Plattenbauten mir die Füße und den Geist wund zu laufen. Die eigentliche Innenstadt mag ich nur wegen des in der Nähe der Kathedrale (auch in dieser Stadt betrete ich kein so genanntes Gotteshaus – als urbane Wegweiser immerhin sind die Monumente überkommener Herrschsucht und Leidenslust häufig hilfreich) gelegenen Käseladens. Ein Fachgeschäft im eigentlichen Sinne, ein Hort des Wissens und der Liebe. Beides kann man mit nach Hause nehmen. Und parken im Schatten der großen Kirche – wer nichts anderes will als Rohmilchpretiosen, ist in etwas mehr als einer Stunde wieder zurück am Niederrhein.

Ziegenkäse, uralt

Ziegenkäse, uralt

Mich zieht es nun über’n Fluss ins Viertel Outremeuse. Dort ist es flach und einfach.  Da  Liège im engen Maastal sich ansonsten über eine weite Strecke an Hängen und Hügeln entlangmaterialisiert, gibt es berühmte Treppen und Ebenen und allerlei barockes Bauwerk zwischen marodem Beton. Jenseits der Meuse sind die Straßen zwar genauso löchrig, doch alte Bürgerhäuser wechseln sich ab mit Industriebrachen, das Araberviertel mit Klein-Vietnam. Die Insel ist zwischen Boulevard Saucy und der Rue des Bonnes Villes städtisch im besten Sinne. Obwohl Belgier häufig  reichlich hässlich sind – das Fluidum von Paris ist doch noch weit, die Mode proletarisch bis deutsch – legen alle, ohne Ausnahme, eine Gelassenheit an den Tag, die beinahe mediterran ist. Und freundliche Menschen überall, es wird mir Angst und Bange.

Typische Straßenszene

Typische Straßenszene

Wenig Konkretes vermag ich zu beschreiben. Vielleicht den Duft der Merguez, den die überfüllten nordafrikanischen Metzgereien verströmen, das urdemokratische Laissez-faire des buntestgemischten Publikums im und vor allem vorm Café Randaxhe. Den Blick von dort in die beiden Lust verströmenden Lebensadern Rue Puits-en-Sock und Rue Surlet. Die formidablen, dampfgegarten Banh Cuon im Mekong, serviert vom vielleicht großartigsten Asia-Maître in BeNeLux. Die Sirenen. Die leichte Luft, das schlechte Bier und inspirierende Baulücken.

Die halben Schiffswracks am Quai de la Dérivation sind der perfekte Kontrast – nach ausgiebigem Bootsspotting und Ohrenzuhalten – zur letzten Stipvisite des Tages. Dem Hafen für Züge. Architekturfanal des Fiktionärs Santiago Calatrava Valls: der Bahnhof Liège-Guillemins.

Calatrava und ich

Calatrava und ich

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