Das Ende einer Wirtschaft

Das Dorf, an dessen Rand wir wohnen, ist das schönste am südlichen Niederrhein. Fachwerkidylle, die Quarzitkuppe, die wehrhaften Höfe und herrschaftlichen Häuser rundum, das kurkölnische Schloss im Haag, der Sandbauernhof. Bürgerschaftliches Engagement ist der Garant für ein lebendiges Dorfleben, Vereine und einige wenige bedeutende Familien bestimmen den Lauf der kommunalen Dinge. Künstler ziehen zu und Touristen bevölkern an sonnigen Wochenenden in Scharen die kopfsteingepflasterten Gassen. Wir wohnen etwas abseits, wie gesagt, in einem Gesindehaus, zum Glück.

Neben der beschriebenen, fast schon musealen Schönheit und dem angedeuteten intakten Dorfleben zeichnet Liedberg ein weiterer Umstand aus, der andernorts in der Region kaum noch anzutreffen ist: Bei gerade einmal 2.000 Einwohnern werden hier drei wirklich wunderbare Gasthäuser betrieben. Bisher, muss man wohl schreiben. Denn dunkle Wolken bedrohen das gastronomische Glück. Im Alten Brauhaus, seit 1898 von der Familie Vennen geführt, wird sich in Zukunft einiges ändern.

vennen

„Vennen macht zu“ erreichte uns dieser Tage die beunruhigende Nachricht per SMS. Bei der montäglichen Chorprobe dann Gewissheit: Wirt und Sangesbruder Wilfried Vennen verkündete eine „Persönliche Stellungnahme“, in der er den Verkauf der Gebäude und seinen Abschied als Wirt ankündigte (nachzulesen auf der Internetseite des Lokals). Da die Kinder den Betrieb nicht übernehmen wollen, sei nun, da alles prächtig laufe, der richtige Zeitpunkt, über einen Verkauf nachzudenken. Seitdem köchelt’s in der Gerüchteküche und – was schlimmer ist – Ängste kommen auf. Verliert das Dorf seinen kulturellen Mittelpunkt?

Denn das ist der Grund, warum ich hier im Blog, in dem es meist um gourmandise Eskapaden geht, von einer Dorfkneipe berichte. Meine kulinarischen Bedürfnisse werden in den beiden anderen Gastronomiebetrieben meist zufriedenstellender befriedigt. Da ist zum einen das an der Bundesstraße zwischen Neuss und Mönchengladbach (der alten, Rhein und Maas verbindenden Römerstraße) gelegene Liedberger Landgasthaus. Ein großer Gasthof, der als Restaurant auch Beerdigungskaffees kann – aber gleichermaßen den festlichen Sonntagsmittagstisch. Traditionell rheinisch, günstiger Mittagstisch wochentags (durchgehend geöffnet – eine absolute Seltenheit hier), klassische Menüs. Peter und Simone Schmitt beschäftigen zudem seit kurzem eine hervorragende Pâtissière. Jahr für Jahr sind sie mit ihrem Konzept nicht nur bei der Düsseldorfer Tour de Menu erfolgreich.

Ebenfalls jenseits der B230 liegt das Gasthaus Stappen. In der BIB-Gourmand-Liga angesiedelt, erstklassige Produkte, regionaler Schwerpunkt. Die gute Weinkarte wird von Carmen Stappen verantwortet. Das monatlich wechselnde Speisenangebot von FraJo Stappen, der die meisten Lebensmittelproduzenten persönlich kennt und in der Küche absolut weiß, was er kann und es auch zeigt . Nie überambitioniert, immer auf den Punkt.

Und eben Vennen. Wo die Männer an der Theke stehen und entspannen mit Hannen. Radler im idyllischen Biergarten. Vereinen eine Heimat. Nachrichtenumschlagplatz. Das alte Fachwerk ächzt wie so mancher Gast nach zu vielen vom vorzüglichen Hausschnaps. Wieviele Runden wurden gegeben, Stammtische abgehalten, Lieder gesungen? Wolltest Du was wissen, als Zugezogener, über das Dorf und seine Menschen – Wilfried wusste alles, immer. In seinem Saal hat er Tanztees veranstaltet, Rockkonzerte, klassische Soireen. Absurdes auch, Volkstümliches oft. Wenn er dann selber zum Akkordeon gegriffen hat, zu nächtlicher Stunde, war Kitsch keine Kategorie mehr.

Das alles ist Vergangenheit, bald? Wir werden sehen, was kommt. Und verbleiben mit leisem Dank.


Knoblauchsrauke, Borretsch, Löwenzahn und die gewöhnliche Goldnessel

Wenn andere Leute Opfer werden der marktschreierischen Saisonkocher, im steten Höher-Schneller-Weiter der veröffentlichten Pseudokulinarik sich durch Tonnen an quasi geschmacksneutralem Folienspargel schälen und sich von roten Signalen nährflüssiger „Erd“-Beeren übertölpeln lassen, gehe ich in den Wald. Der Gunst der privilegierten Wohnlage geschuldet, kann ich vom Küchenfenster aus verfolgen, wann welches Wildkraut blüht. Momentan haben sich einige halbschattige Pflanzen zur gemeinsamen perfekten Ausbildung verabredet und schreien: Pflück mich. Nimm mich. Friss mich.

Knoblauchsrauke

Doch was tun mit dem Kräuterkram? Einen Salat oder Sud, Auflauf oder Auszug? Möglichst pur wollte ich’s und hatte dazu noch den ersten Blumenkohl (sic!) vom besten Biobauern. Und Erwins Shiitake. Die der gute Pasaniapilzprofi auf deutscher Eiche zieht. Bessere kenn ich nicht, mehr Umami war nie. Also tat ich dies: Den noch sehr feingliedrigen Kohl in Röschen geteilt und mit einigen kleinen Blättern vom Strunk kurz in Salzwasser blanchiert und in Eiswasser getaucht. So bleibt er bissfest und hat doch eine geschmackliche Nuance mehr als das rohe Gemüse. Die Shiitake in Butterrapsöl nicht zu heiß angebraten und mariniert in Orangenöl und süßem Essig.

kr2

Reichlich Knoblauchsraukenblätter mit Distelöl und einigen Körnern von der Salzblüte kurz aufmixen (vom Backen waren noch Pistazien übrig, die passten gut hinein und ließen das ganze zum Pesto werden). Blüten vom Borretsch und die süßlich-saftigen von der Goldnessel zupfen, wie auch die Löwenzahnblütenblätter. Alles anrichten und genießen, bevor es welkt. Purer Genuss.

Übrigens: Eine weitere Folge der privilegierten Wohnlage ist, dass im nunmehrigen Heimatdorf Liedberg sich ein Gasthaus befindet, das unvergleichbar ist am gastronomisch ja eher unterbelichteten Niederrhein. Alles, was Mode ist momentan, wird dort seit über 15 Jahren geboten: Feinste Regionalküche, saisonaler Genuss, Weinkompetenz, entspannte Dorfatmosphäre, alles zum kleinen Kurs. Bei Stappen also genossen wir das Aprilmenue – umd dieses wiederum brachte dann doch die Begegnung mit dem unvermeidlichen Asparagus. Keine Erdbeeren. Perfekte Küchenleistung, große Gastfreundschaft, feine Völlerei.


Wo kaufe ich was warum? Produkte aus Liedberg und Umgebung

Kürzlich berichtete Stevan Paul vom Projekt Zweimeilenladen in Hamburg: Drei Wochen lang wird in einem PopUp-Store alles angeboten, was in St. Pauli an interessanten Produkten hergestellt wird. „Dazu gehören Kaffee und Schokolade genauso wie Kleidung und Accessoires, Kartenspiele und Elektronik genauso wie Räucherfisch und Tomatensamen.“ Entstanden aus einer Onlinesammlung ist dies ein tolles Praxisbeispiel für das immer unterstützenswerte Konzept „support your local scene“.

Nun fehlt mir momentan jegliche Ressource, ähnliches am neuen Wohnort realiter auszuprobieren. Allein: Begeisterung und Lust sind da. So kanalisiere ich beides kurzfristig, indem ich zusätzlich Astrids Idee eines Einkaufsführers, der sich aus den Erfahrungen erfahrener Foodblogger speist, aufgreife und meine Erfahrungen der letzten vier Monate dokumentiere. Wo kaufe ich was warum? Mein Zirkelschlag um Liedberg beträgt nicht zwei Meilen, sondern ergibt sich womöglich aus meiner Radfahrkondition. Here we go:

Feinkost Muth
Bei Familie Muth im größeren Nachbardorf Glehn (ca. 2.000 Einwohner) kaufe ich Fisch von hervorragender Qualität und mache daraus nicht nur Matjesburger. Alles Selbstgeräucherte ist besonders empfehlenswert, stammen die Tiere doch aus eigner, nachhaltiger Zucht.

Fleischerei Erkes
Udo Erkes, ebenfalls aus Glehn, macht nicht nur die beste Leberwurst meiner Welt, sondern hat auch keine Probleme mit den lieben Tierchen: er hält sich eine eigene Herde Schwäbisch-Hällischer Landschweine. Wenn Fleisch, dann dieses.

Biobauernhof Essers
Oder aber Geflügel von Haus Neuenhoven. Ich bin auf die Gans gespannt, die noch auf der Weide am Kommer Bach lebt und bald auf unserem Tisch landen wird. Ansonsten sind das: Oldschool-Biobauern mit alternativer Lebenskultur. Die pflanzen Gemüse von Artischocken über Kohl bis hin zu Zucchini und bieten außerdem ein Bioladenvollsortiment.

Ulis Backstübchen
Schon mal Ziegenmilchstuten gegessen? Ich auch nicht. Aber Uli Schneider kann auch sonst einiges und backt in Steinhausen unser Brot. Ich bin schon gespannt auf den Holzkohleofenbrotbackkurs.

Brauerei Bolten
Altbier, uralt. Erspart zwar nicht die Fahrt zum Winzer. Ist aber von großem Vorteil, in der Nähe einer solch jahrhundertealten Tradition zu wohnen.

Irmgard’s Bauernladen
Ich ess Blumen, denn Tiere tun mir leid. Bisweilen zumindest – und dann pflücke ich auf Irmgards Acker.

Hoeren-Hof
Hier wird fortan Olivenöl gekauft. Für zehn Euro kommt ein halber Liter toskanisches Öl von Oliven der Sorte Moraiolo in die Flasche – und in unsere Küche. Kräftig, scharf, mit Schmackes.

Ziegenhof Nilgen-Schmitz
Das beste zum Schluss: Ebenfalls an unserem Hausbach, im Nachbardorf Rubbelrath, wird Ziegenkäse gekauft. Besonders der Weichkäse ist unerhört formidabel. Und vorzüglicher Ziegenschinken wird dort feilgeboten. Blumen nicht.

Außerdem überlässt uns Oma Eicker regelmäßig eine Hand voll Eier von ihren lieben Hühnern. Das soll ich aber eigentlich niemandem verraten. Vor ein paar Tagen schrieb ich übrigens von paradiesischen Zuständen. Was das kulinarische Angebot betrifft, könnte es kaum besser sein. Dennoch ist diese Liste natürlich: tbc.