Weiches und Bitteres von Ziegen

Schwätzer und Elster. Im amerikanischen Englisch gibt es für beide Begriffe ein Wort: magpie. Zu essen ist das nichts, wobei ich mal wieder schleudernd die Kurve zu kriegen versuche und auf den gleichnamigen Song von John Darnielle verweise, der seit Jahr und Tag die bittersten Popsongs – über Missbrauch und Drogenabusus und allerlei andere Traumata – im schillernden Gewand präsentiert. Ich wiederhole mich gerne, nenne mich lieber Schwadroneur, und verrate, dass er inzwischen eine Band ist, die sich aber immer noch The Mountain Goats nennt.

Womit wir bei der Ziege wären, einer meiner Lieblingslieferantinnen für Küchenprodukte. Die oben erwähnten Bergziegen durfte ich bisher noch nicht verarbeiten – deren bisher bestes Album war übrigens das 2005er The sunset tree samt dem tollen Track This year – meine stammen sämtlich aus hiesiger Landwirtschaft, vom Konnenhof.  Der heutige Einkauf bereicherte den Inhalt meines Kühlschranks – neben allerlei Käsespezialitäten – um einen Liter euterwarmer Milch und Ziegenquark. Für den Nachtisch: Ein Becher Vanilleeis. Von der Ziege. Klingt seltsam, schmeckt aber. Vorzüglich.

ziegenmilch vom konnenhof

Die Milch wird zur Bechamel, der Quark kommt zusammen mit Mangold und einem Ei auf just gekurbelte Nudelplatten. Nach der Art von Cannelloni ricotta e spinaci, nur regional-saisonal.

Der vielleicht letzte Gartenmangold der Saison wird zweigeteilt: Das zarte Grün kurz blanchiert, eiskalt abgeschreckt und im Sieb jeglicher Flüssigkeit beraubt. Die Stiele gestückelt und beiseite gestellt. Quark, ein Ei, Salz, Pfeffer, Muskat cremig geschlagen und mit dem inzwischen mit dem Wiegemesser traktierten Gemüse vermengt. Parallel entsteht eine Bechamel, rührend. Der Pastateig aus 1oo g Hartweizendunst, 50 g Mehl, einem Ei, einem Eigelb und etwas Olivenöl war schon morgens geknetet worden und wandert nun aus dem Kühlschrank zwischen die Rollen der Nudelmaschine. Die Blätter nicht kochen, sondern gefüllt rollen und in eine flache Auflaufform, mit Sauce übergießen und einen Rest steinharten, alten italienischen Ziegenkäse, dessen Namen ich vergessen habe,  drüber reiben. Während die Cannelloni im Ofen brodeln, Mangoldstrünke in Knoblaucholivenöl anschwitzen, mit reichlich Weißwein ablöschen und einkochen. Einige Löffel vom Basis-Tomatensugo dazu, kurz köcheln.

Mangold-Ziegenquark-Cannelloni mit Tomaten-Mangold-Gemüse

Mangold-Ziegenquark-Cannelloni mit Tomaten-Mangold-Gemüse

Ja, ich weiß, dass dies nicht dogmatisch italienische Küche ist. Eier im Pastateig. Ziegenquark. Frevel. Doch ich wollte das absolut Weiche, Cremige. Und ich liebe Ziegen. Das einzige, was wirklich nicht passte, war der Weißburgunder von Scheidgen. Mit dem 2010er hatte er ein Problem, der Wein kann die gewohnte Spitzenqualität überhaupt nicht erreichen.

Mehr Tiere, Monster, Wahnsinn gefällig? Das Video zu „Estate sale sign“ vom aktuellen Mountain Goats album „All eternal desks“ hilft weiter. John Darnielle hat inzwischen in den USA veritable Berühmtheit erlangt, der New Yorker nennt ihn einen der besten lebenden Lyriker weltweit. Das neue Album wurde in fast allen Mainstreammedien gefeiert, es ist gut. Dennoch hat es nicht mehr die gleiche Intensität wie die Publikationen aus Johns Solozeiten. Zu Kleinkunstwerken wie diesem reicht es aber allemal:


Spundekäs, Silvaner und eine halbe Ziege oder Kulinarisches Kabarett

Heute abend Silvanerverkostung, meine Aufgabe: Eine Kleinigkeit zum Knabbern, Geschmacksneutralisieren und Kalorienspeichern kreieren. Zur Traube war die gedankliche Rheinhessen-Verknüpfung nicht beschwerlich und die Idee  „Spundekäs mit Brezeln“ ward geboren. Nur halt auf meine Art: Nicht aus langweiligem Quark und Frischkäse  von Schwarzbunten, sondern ebensolches von hiesigen Ziegen. Der Weg zu Konnen ist nicht weit – außer mit Milchprodukten fuhr ich mit einem halben Zicklein vom Hof. Doch davon in den nächsten Tagen mehr.

Bööscher Ziegenkäse

Bööscher Ziegenkäse

Spundekäs ist simpel: Zwei Teile Quark und einen Teil Frischkäse vermengen und mit etwas Meersalz ausdauernd cremig rühren. Dazu dann eine ordentliche Menge edelsüßes Paprikapulver von Szegedi und in feine Würfel geschnittene Schalotten, fertig.
Das säuerlich-kräftige Ziegenaroma gefällt mir ausgesprochen gut und wird den Wein gefällig begleiten.

Übrigens: Kulinarik und Kabarett passen nicht zusammen. Doch einige wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel:
Der Diplom-Puppenspieler Rainald Grebe aus Frechen/Rheinland spielt bisweilen Klavier auf Bühnen, erzählt dazu und fabriziert landläufig Kleinkunst genanntes. Ziel seines Spottes sind neben den Ureinwohnern „Mitteldeutschlands“ in der Regel andere Mitleidende seiner (und meiner) Generation. Über unsere Eltern formuliert er treffend:
„Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen – tun die doch in den Müll!“

Dann gibt es da noch einen Dunkelhaarigen, der beiläufig zum Pianoforte schwadroniert. Er ist Siebenbürge aus Essen (sic!), besitzt einen Baseballschläger und heißt dazu noch Hagen. Rether.

Schließlich dieser Kanake aus Neuss, der so hübsch „Hitler“ sagt. Serdar Somuncu ist Hassprediger aus Leidenschaft.

Ansonsten ist mir Kabarett zu spießig.