Folklore, Provinz und Studentenkultur

Mehr oder minder zufällig stand ich am Sonntag vor einer Bühne in Kezmarok, die dort im Rahmen des alljährlichen Festival Európske ľudové, des „European Folk and Crafts Festival“, in der Innenstadt, direkt neben dem imposanten Rathaus, errichtet worden war. Trotz infernalischer Temperaturen und unchristlicher Uhrzeit zog mich eine Folkgruppe aus Serbien mit ihrem Sound irgendwo zwischen Klezmer und Balkan-Brass in ihren Bann.
Die Gruppe ABRAŚEVIĆ aus Cacak klingt wie das Boban Markovic Orkestar ohne Blechbläser. Nur die seltsamen Tanzeinlagen waren zuviel für das wenige, das immer mehr ist.

Ein paar Worte zum einige Kilometer entfernten Spisska Bela seien hier auch noch erlaubt. Zuzanas Heimat war unser Tor zur Tatra, Basislager und Offenbarungsort zugleich. Soviel nur: Familienfeste in einer goralischen Sippe beginnen früh am Tag und enden irgendwann. Dazwischen gibt es alles, was Leib und Seele zusammen hält. Wen es  dorthin verschlägt und wem die slowakische Sprache erst einmal als eine unüberwindliche Barriere erscheint, der lenke seine Wege erst einmal in die Pension G direkt gegenüber der Kirche.

Die Metropole der Ostslowakei ist hingegen Košice. Neben vielfältigen kulturellen Aspekten – unter anderem ist die gleichermaßen pitoreske wie urbane Altstadt sehr sehr hübsch – bietet ein buntes Studentenleben Ablenkung dem, der einmal genug hat von Natur und Ethnologie. Ultimativer Ausgehtipp: der Bernard Club in der Alzbetina.


Welterbe in der Slowakei

Die UNESCO unterscheidet ja gemeinhin zwischen Natur- und Kultur-Welterbestaetten. Die Liste umfasst 890 Orte in 148 Ländern. Acht davon befinden sich in der Slowakei, fuenf habe ich mehr oder weniger zufaellig mit jeweils wenigen Minuten meiner Anwesenheit beehrt.
Allgemein ist ein ziemlich unpraetentioeser, ja fast beilaeufiger Umgang der Slowaken mit ihrem Welterbe festzustellen. Der Status wird kaum beworben, mancher Ort ist tatsaechlich schwer zu finden. Kaum zu glauben fuer westeuropaeische Marketingopfer, wo jeder noch so kleine und manchmal gar nicht mal so alte Stein so lange umgedreht wird, bis seine „antike Geschichte“ werbewirksam ins Bewusstsein der Menschen gepresst wird. Wieviel Tamtam wird um Bruecken in Dresden oder Buerotuerme in Koeln gemacht, weil die Gefahr droht, dadurch einen geldwerten Vorteil zu verlieren?

Slowaken sind pragmatisch und erst einmal gerne unter sich. Daran ist nichts verwerflich. Im Gegenteil – ich mag diesen bisweilen vollzogenen Rueckzug von der grossen Buehne. Das minimiert immerhin Stress.

Also: Das schoene Staedtechen Bardejov mit seiner mittelalterlichen Altstadt und seinem Marktensemble  aus der Renaissance ist ganz schoen beschaulich. Aber nicht unspannend: In den Cafes am Rand des Marktplatzes lassen sich viele Tage verbringen mit Schauen und der Beobachtung des Zeitfortschritts. Auch habe ich dort meinen besten Espresso in der Slowakei getrunken.

Der Marktplatz von Bardejov

Der Marktplatz von Bardejov

Levoča punktet ebenfalls mit einer perfekt erhaltenen Altstadt aus mittelalterlicher Zeit. Zusammen mit dem Werk eines Bildhauers aus dem 16. Jahrhundert gefaellt auch dieses Staedtchen der UNESCO – es war wohl auch eine Menge religioeser Unsinn im Spiel.

Spissky Hrad – was so viel heisst wie „Zipser Burg“, ich spare mir uebrigens ansonsten die leider allueberall zu lesenden deutschen Namen der slowakischen Orte, kein Mensch verwendet sie hier – wirkt wie ein Leuchtturm. Angeblich handelt es sich um die groesste Burganlage Mitteleuropas. Die Festung ragt reichlich imposant aus einer Ebene hinaus. Die naechste Stadt ist Spišská Nová Ves. Das ganze Ding ist leider eine ziemliche Ruine und bei heissem Wetter ein prima Backofen fuer die Besucher.

Holzkirchen in der Slowakei ist der Titel, unter dem acht Kirchen im slowakischen Teil der Karpaten im Norden und Osten des Landes von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden.“ So beschreibt es wikipedia. Acht so genannte Gotteshaeuser unterschiedlichster Konfessionen gehoeren dazu, unter anderem die tatsaechlich beeindruckende Artikularkirche in Kežmarok. Wo man im uebrigen prima Eis essen oder in der Penzion Jakub vorzueglich speisen kann.

Schliesslich war heute ein Besuch in der Dobšinská ľadová jaskyňa, der groessten Eishoehle der Welt, angesagt. Bei ueber 30 Grad Aussentemperatur eine huebsche Abkuehlung, eine gigantisch beeindruckende Untergrund-Impression. Die Rueckfahrt durch das slowakische Paradies jedoch war eigentlich noch weit spannender.

Nichts war geplant, kein Erbe bewusst angetreten. Doch ganz beilaeufig haben auch solche Orte deutlich zum besseren Verstaendnis dieses doch sehr besonderen Landes beigetragen.