97 south

Inkonsequenz ist die neue Stetigkeit. Daher wird die angekuendigte Urlaubsruhe ignoriert und geschrieben. Das Ding heisst ja auch nicht „Utecht macht blau“. An den fehlenden Umlauten und anderen huebschen Sonderzeichen ist unschwer zu erkennen, dass ein weiterer Rueckfall zu verzeichnen ist: Nicht Niederrhein sondern neue Welt. Utecht reist mal wieder.

Folgend also ein Tag im Leben des stets recherchierenden und niemals, neverever, abschaltenden Esskulturbloggers:

Ein stechender Sonnenstrahl versprach einen weiteren Hochsommertag im noch fernen Indianersommer, und bevor die zuletzt ueblichen 30 Grad erreicht waren, wurde der haesslichste aller Mietwagen – ein nachtkatzengrauer Honda – beladen und gesattelt und gen Sueden getrieben. Boomtown Kelowna verlassend erreichte ich nach kurzem Gasgeben den Ort mit dem pittoresken Namen Summerland. Das Okanagan Valley zieht sich dutzende bis hunderte Kilometer gen Sueden. Hatte ich schon erwaehnt dass ich in Kanada bin, auf Verwandtenbesuch?

In den letzten 20 Jahren ist sie hier zur Hauptattraktion fuer Touristen und gelangweilte Renter geworden: Die Weinindustrie. Derart romantisch verklaert der Nordamerikaner meinen zweitliebsten Zeitvertreib. Und ehrlich gesagt: Die allermeisten Weine schmecken auch so.

Voellig ueberteutert – im Durchschnitt 20 Dollar die Flasche – und reichlich „gleichgeschaltet“. Da ich mir ueber das Boese dieses Wortes bewusst bin, darf ich es als treffende Umschreibung einer Mode der vordergruendigen Wucht, der Eichenschnipselei, des snobbistischen Blendertums verwenden. Wenn der Schein das Sein bestimmt, gebiert der Teufel Vanille- und Beerenbomben. Aber es gibt Ausnahmen.

Die heissen dann zum Beispiel Bernd Schales und stammen aus Floersheim-Dalsheim. Die morgendliche Probe auf seinem Gut „8th Generation“ machte Schilder wie „Don’t drink and drive“ oder die fast permanente 90 km/h Massgabe einigermassen ertraeglich. Hatte ich doch noch einige Stunden Strasse vor mir.

Nach der Grenze ins „Land of the free“ kommt es zu einer Lautverschiebung und das Tal heisst nun Okanogan. Wahrscheinlich hat irgendein politisch korrekter Provinzpolitiker im Abendkursus „Native Languages“ nicht richtig aufgepasst. Ist auch nicht weiter schlimm, leben doch fast nur noch Mexikaner in den folgenden Orten. Die essen neben Obst und Weintrauben – zu deren Ernte sie eigentlich herbestellt wurden – nur ihr eigenes, bohnen- und maislastiges, grossartiges Essen. Wenn immer gefaselt wird, es gaebe keine amerikanische Kueche, die gourmandisen Anspruechen genuegt: Bullshit, motherfucker, bullshit. Ich ass in Brewster vorzuegliche Enchilladas und Teile vom Rindviech, durch deren Zubereitung dessen Tod mehr als gerechtfertigt wurde. Aber besonders bemerkenswert war die Fusion von „coleslaw“ mit Koriander. Fein.

columbia river

Weiter. Es folgte das Tal des Columbia River, der mich bis an meinen Bestimmungsort Portland viele Stunden begleiten sollte. Looks like Mittelrheintal meets semi desert. Links und rechts explodiert ueber einige hundert Meter Fruchtbarkeit, dahinter das staubige Nichts. Unterbrochen von ausuferndern Oasen wie der Gegend um Chelan. Am gleichnamigen See entdeckte ich die Chelan Estate Winery, deren 2005er Cabernet Sauvignon ich beim Schreiben dieser Zeilen trinke. Austrinke, die ganze Flasche, alleine. Der beste Rote bisher, wuchtig wie immer zwar, aber mit Finesse. Kein Killer, ein Inspirator.

chelan estate winery

Immer weiter. Durch den Wenatchee National Forest nun. Langsam daemmert es und alles Vergessene wird mir bitter bewusst. Habe ich vollgetankt? Genug Wasser? Einen Baerentoeter? Reichlich Ersatzreifen? Lach nicht, Leser. Vor Jahren sind mir tatsaechlich 2 auf einen Streich geplatzt, in des Nirgendwo Mitte.

Jetzt: Ellensburg. Universitaetsstadt im Irgendwo. Ein Motel am 97. Der Nachbar ist mobiler Firefighter und macht mir Angst vor morgen. Der Rezeptionist erzaehlt von seinem dreijaehrigen Europaaufenthalt, mit dem Rad, quer durch. Das waere auch was fuer mich, the other way round. Denn dies ist eine weitere Sache, die sich entwickelt hat in den letzten Jahren. Amerikaner fahren Rad. Viele und oft. Auf eigenen Wegen. Doch davon spaeter mehr. Ich muss jetzt weiter, gen Portland, Fred und Toody besuchen.


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