Sauerampfer, Spargel, Zander und Grosser Durst

Der erste und letzte Sauerampfer vom eigenen Acker, der allerletzte Spargel, mal wieder Zander und endlich Grosser Durst. Dies wäre die Headline, extended. Beim Schreiben dieser Worte verwirren Lustsplitter die Sinne, derart tief hat sich die gestrige Küchenimprovisation ins sensorische Kurzzeitgedächtnis gebrannt. What you see is what you get:

Zitruszander auf Spargelragout mit Sauerampfernocke

Zitruszander auf Spargelragout mit Sauerampfernocke

Im Ragout von Spargelscheiben bringt Rahm die Bindung und Riesling die Brücke zur zweiten Komponente: Dem Sauerampfer. Mit einem kompletten Kahlschlag kam ich den Blattläusen und anderem Getier zuvor, was zur Folge hatte, dass das reichlich Vorhandene dreierlei Verwendung in einem Gericht finden musste. Feingehacktes wurde mit dem Spargel geschmort – Muskat und Meersalz waren hierbei die einzig zulässigen Gewürze – und einige Streifen für den sauren Biss geschnitten. Aromatischer Höhepunkt war aber die buttrige Paste, der zwecks Farbvertiefung und geschmacklicher Lustverzögerung die gleiche Menge Rauke beigemengt war.

Grosser Durst 2009

Grosser Durst 2009

Jedoch entsprang dies weniger einem spontanen Geniestreich, als vielmehr der Umkehrung des Prinzips „Wein zum Essen“. Das kam so: Im Rahmen digitalkulinarischer Feldforschung stolperte ich vor längerer Zeit schon unweigerlich über Andreas Durst. Der kam auf dem zweiten Bildungsweg zum Weinmachen und ist sozial gut vernetzt. Branding und PR sind bestechend klar und simpel und erfolgreich. So ist auch sein Riesling. Den hatte ich Tags zuvor zum vorletzten Spargel in klassischer Zubereitung, dieser Liaison ist jedoch keine große Zukunft beschieden.
Grosser Durst 2009 folgt dem Trend, getreu dem alten Werbermotto „weniger ist mehr“. Weder Obstgarten noch Blumenwiese; keine Wuchtbrumme. Aber auch kein Wein, der modisch korrekt mit „salzig“ treffend zu beschreiben wäre. Sehr reduziert – und doch wächst er mit jedem Schluck. Robust und leicht zugleich, die beiden Elemente Erde und Luft in gefälliger Verbindung.

Worte über Wein verlieren. Ein schwieriges Geschäft. Häufig führt dies zu einer Melange aus sensorischem Malen nach Zahlen und intellektueller Selbstbefriedigung. „Vor lauter unscharfen Adjektiven, Detail-Verweisen auf Produktionsverfahren und Insider-Geräuschen schmeckt man so wenig, dass aller Genuss einschließlich seiner klassischen Folgen und Strafen (wie Rausch oder Kater) längst ausgeschlossen ist.“ Doch Herr Durst warnt schon auf dem Etikett: Handle with care! Also konstatiere ich nur dies, was ich mit Gaumenerfahrung belegen kann: Der Durst ist kein reiner Spargelwein. Da kann das genauso königliche wie latent fade Gemüse nur verlieren. Doch in der Kombination mit Sauerampfer, Sahne und Fisch findet der Riesling einen kongenialen Counterpart. Und als Solitär funkelt er sowieso im Glas. Man muss nicht immer essen – trinken allein macht auch glücklich.

Nachtrag: Die passende Musik dazu machen die Glockenspiel-Popisten Cults mit Most Wanted: