Feinheit im Nachbardorf

Unter der Überschrift Wo kaufe ich was warum? Produkte aus Liedberg und Umgebung habe ich schon kurz nach unserem Einzug ins Gesindehaus damit begonnen, meine Einkaufsquellen in der neuen Heimat offenzulegen und Empfehlenswertes zu verlinken. Nach inzwischen über drei Jahren ist es an der Zeit, diese Liste zu aktualisieren und zu ergänzen. Meine bisherige Obsteinkaufsquelle musste ich kürzlich leider streichen, aus Gründen, die ich hier nicht weiter vertiefen möchte. Aber eigentlich ist mein regionaler kulinarischer Kosmos auch nicht geschrumpft, sondern erweitert sich beständig. Also werde ich hier ab sofort in loser Folge auf Neuentdeckungen und Altbewährtes hinweisen, auf außergewöhnliche Produzenten und gewissenhafte Gastronomen. Beginnen möchte ich im Nachbardorf, in Glehn. Auf der Hauptstraße 38.

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Dort betreiben Beate und Ian seit fast zwei Jahren einen kleinen Wein- und Feinkostladen namens H38. Ich weiß noch genau, was ich dachte, als ich im Frühsommer 2014 das erste Mal beim Vorbeiradeln auf diese mutige Geschäftsidee aufmerksam wurde: Keine Chance! Nicht in einem 6.000-Seelen-Dorf, am wertkonservativen linken Niederrhein. Der Weinfachhandel hat es selbst in boomenden Großstädten schwer, Onlineanbieter und die großen Supermärkte/Discounter haben doch weite Teile des Marktes längst unter sich aufgeteilt. Und die, die überleben, tun dies meist mehr schlecht als recht. Darunter leidet immer die Qualität des Sortiments.

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Um es kurz zu machen: Ich wurde nach und nach eines Besseren belehrt. Die beiden haben einen Plan für ihr Geschäft und der geht einher mit einer recht eindeutigen kulinarischen Agenda. Deren Leitmotiv ist: Qualität. Und an dieser Stelle bestätigt sich eine alte deutsche Binsenweisheit: dass sie sich durchsetzt, die Qualtität, auf lange Sicht. Wenn man den nötigen Atem hat. Die beiden haben. Nicht nur, dass sie Winzer im Programm haben, die ich sehr schätze wie u.a. Stefan Steinmetz, Acham-Magin, Achim Reiss, Dreissigacker. Keimzelle ihrer Geschäftsidee waren die unter dem Label FEINHEIT von Beate produzierten und vermarkteten Marmeladen, Chutneys, Essige und Öle. Neben Grundprodukten aus dem eigenem Garten, die sie qualitativ anspruchsvoll veredelt, können Nachbarn, Freunde und Bekannte ihr überzähliges Obst vorbeibringen und bekommen im Gegenzug feinste Köstlichkeiten. Unsere Quitten beispielsweise haben so endlich eine angemessene Bestimmung gefunden.

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Aber das ist längst noch nicht alles: Im H38 wird neuerdings auch mit behördlicher Genehmigung gekocht. An Freitagabenden werden nun hausgemachte, wechselnde Menüs serviert. Thematische Weinverkostungen stehen ebenso regelmäßig auf dem Programm wie regelmäßige Blindverkostungen. Ian bietet zudem als Muttersprachler oft englische Abende an, an denen Interessierte Konversation trainieren können. Und nicht zuletzt ist der Laden eine wirklich perfekte Eventlocation für Gruppen bis zu 20 Personen. Wir haben uns schon feiernd davon überzeugt, dass die lange Tafel zum gemeinsamen Genießen einlädt.


Belegtes Brot mit Fisch

Das Abendbrot ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Genau wie das Frühstück. Und das Mittagessen. Wo aber die Morgenmahlzeit relativ uniform und routiniert bereitet und genossen wird und der Mittagstisch sowohl in seiner Üppigkeit als auch in zeitlicher Verortung gewissen unwägbaren äußeren Einflüssen unterliegt, hat das kulinarische Tagesfinale im Utechtschen Leben stets eine Konstante: Es muss ein Genuss sein. Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob ein üppiges Menu gekocht wird oder nur basales Brot auf den Tisch kommt. Hauptsache ist, dass die Qualität gut ist und der gesamte Prozess lustvoll vonstatten geht. Abendbrot ist Ausgleichssport. Wo andere Yoga machen, sich ihre Knie kaputt joggen oder in den Wald gehn, um Bäume anzubrüllen, ist mir der Abschluss des Tages Küchenkontemplation; Gute-Laune-Garant.

Ein Butterbrot wird abends eher selten geschmiert. Kommt es doch zur Stulle, wird zumindest am Belag gearbeitet und eine Sekunde mehr über die Anrichteweise nachgedacht. Ein Beispiel dafür ist der Matjesburger von gestern:

matjesburger

Im neuen Nachbardorf gibt es neben der bisher besten Leberwurst meiner Welt und einer kunterbunten Markthalle auch einen verlässlich guten Fischhändler. Bei Feinkost Muth in Glehn kaufte ich also Matjes von hervorragender Qualität. Auch alles Selbstgeräucherte ist sehr empfehlenswert, stammen die Tiere doch aus eigner, nachhaltiger Zucht.

Butterbrot Event

Zum Fisch kommen rote Paprika und Zucchini, Schalotten, Petersilie, Rieslingessig und Rapsöl. Pfeffer und Salz. Dünne Scheiben vom Roggensauerteigbrot, in der Pfanne geröstet, dienen als Himmel und Erde. Dazu getrunken wurden Schmetterlinge im Bauch. Weil es passte, doppelt.