Zusammen kochen

Wir haben gekocht mit unseren Männern. Weil die Küche zumeist ein Ort gelingender Kommunikation ist. Kultureller Austausch am Herd intuitiv vonstatten geht. Lernen mit allen Sinnen nachhaltig ist und Lustgewinn bedeutet.

Seit ich weiß, dass Said und Bashir und Hasan seit Monaten sich vorwiegend von den zweifelhaften Errungenschaften der westlichen Lebensmittelindustrie ernähren – Tiefkühlpizza und Fischstäbchen sind da noch die harmlosesten Beispiele – und darüber von Tag zu Tag unglücklicher und dicker werden, stand der Entschluss fest, auch in diesem Lebensbereich Unterstützung anzubieten. Als Fortsetzung unserer sprachlichen Erste-Hilfe mit kulinarischen Mitteln.

Mir hat’s riesigen Spaß bereitet und meinen Männern für ein paar Stunden auch.  Außerdem wissen sie jetzt zumindest, dass Reibekuchen himmlisch schmecken, egal welcher Religion der Esser angehört, dass es auch noch andere Einkaufsmöglichkeiten gibt als die allgegenwärtigen Discounter und dass ein Herd vier Platten hat und einen Ofen und man alle Möglichkeiten gleichzeitig nutzen kann. Den folgenden, kursiv gesetzten Text habe ich übrigens als Pressemeldung an die lokalen Medien gegeben. Als Denkanstoß. Und weil es wichtig ist, dass wir berichten von unseren Erfahrungen in den Flüchtlingsunterkünften. Von der Normalität und vom Alltag in diesem Land.


„Das schmeckt ja wie zu Hause in Aleppo“ sagte Shaher A. und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Denn den Eintopf aus Kichererbsen, Kartoffeln, Möhren und Tomaten, den er gerade aß, hatte er zuvor selbst gekocht. Zusammen mit 15 anderen Männern aus Syrien, Afghanistan und Albanien hatte er an einem Kochkurs teilgenommen, den ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sowie Mitglieder des „ZWAR-Netzwerk Korschenbroich Montag“ durchgeführt hatten. In der Küche des Gymnasiums Korschenbroich wurden vergangenen Samstag drei Gänge gekocht mit insgesamt sechs Gerichten – jeweils ein deutsches und ein arabisches.

kuerbis

Drei Aspekte standen dabei im Mittelpunkt: Die Kulinarik, die Hauswirtschaft und das gute Miteinander. „Wir wollen eine Art Erste-Hilfe in Küchendingen bieten – und einen kleinen Einblick in die deutsche Esskultur“, sagte dazu Joerg Utecht, der zusammen mit Hans-Reinhardt Michels die Idee zu dem Angebot hatte. Denn die Mehrzahl der meist sehr jungen Flüchtlinge hatte zuvor in der alten Heimat keinerlei Kochkenntnisse erwerben können – und muss sich nun in den hiesigen Unterkünften vollständig selbst versorgen. Damit die Männer nicht ausschließlich auf Fastfood und teure Fertigprodukte zurückgreifen, wurden ihnen während des Kurses die Grundlagen von Produktauswahl und Kochtechniken vermittelt.

Ob eine klassische Kürbissuppe oder im Ofen gebackener Butternutkürbis mit arabischen Aromen, Reibekuchen mit Apfelkompott und der erwähnte Eintopf oder zum Abschluss zwei Pudding-Varianten – afghanischer Firni sowie Vanille-Flammeri: Die Köstlichkeiten wurden aus frischen Zutaten ohne Fertigprodukte nach allen guten Regeln der Kochkunst gemeinschaftlich zubereitet. Nach dem üppigen Mahl putzten Helfer und Teilnehmer die Küche blitzblank und ausnahmslos alle Gesichter strahlten.


Vom Essen und Flüchten

Zu den Profiteuren der aktuellen Situation gehören nicht zuletzt viele Akteure des Wirtschaftssegments Ernährung. Sagte mir doch S. aus Eritrea, der mit einer sattbraunen Körperfarbe gesegnet ist, mit Neid erzeugender Haarpracht und einer Bauernschläue, die mich ein ums andere mal verblüfft,  letzthin: „Du Joerg, ich arbeite jetzt weiß.“ Denn was Schwarzarbeit bedeutet, hatte er schon wenige Wochen nach seiner Ankunft am linken, südlichen Niederrhein gelernt.

Habt Ihr Euch schon mal überlegt, wer die Menschen sind, die bei Wind und Wetter mit den Broschüren vom Pizzaservice Eure Briefkästen verstopfen? Die als Spüler in den Hinterzimmern von Chinaimbiss, Schnitzelhölle oder Nobelitaliener schuften und schwitzen? Die in den Megafleischfabriken Industrieschweine zersäbeln im Akkord, damit der Durchschnittsdeutsche seine Fleischsucht befriedigen kann zu Schleuderpreisen? Wie so mancher Landwirt in unseren Regionen überhaupt noch überleben kann bei all dem allseits bekannten ökonomischen Druck – vielleicht, weil seine Saisonarbeiter immer seltener aus Europa kommen?

Zwichen 3,50 und 4 Euro liegt in NRW momentan der Stundenlohn auf dem illegalen Arbeiterstrich für Flüchtlinge. Schwarzarbeit ist in diesem Zusammenhang ein genauso lustiger wie zynischer Begriff. Ein Phänomen, dass weitestgehend unsanktioniert bleibt, entgegen aller veröffentlichten Meinung. Wahrscheinlich, weil ganze Wirtschaftszweige ansonsten gehörig unter Druck gerieten.  Ich registriere dieses Phänomen oft beiläufig. Wo mir konkrete Menschenschicksale begegnen, rede ich, kläre auf, suche nach Alternativen. Die es nicht gibt, meist.

Es ist übrigens nicht zuvörderst das Streben nach Verbesserung der ökonomischen Lage – die meisten Flüchtlinge fühlen sich fast durchgehend gut versorgt vom deutschen Staat – das anfällig macht für die einschlägigen Angebote. Es ist vielmehr das Verdammtsein zum Nichtstun, die Suche nach Ablenkung aus einem öden Alltag, der nichts bietet als die Beschäftigung mit den vielerlei Traumata. Doch irgendwann gelangen fast alle zu der Erkenntnis, dass sie Teil geworden sind eines illegalen Systems der Ausbeutung – nach einigen Wochen, wenigen Monaten allenfalls. Dann sehnen sie sich nach der Erlaubnis, „weiß“ arbeiten zu dürfen.

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Selbstverständlich zählen alle Flüchtlinge zum treuesten Kundenstamm der deutschen Lebensmitteldiscounter. Deren Angebot und Preisgestaltung mutet paradiesisch an für Männer aus Somalia und Afghanistan. Dass dadurch ein System gestärkt wird, dessen Überwindung eigentlich im Fokus meiner Foodbloggerei steht, ist ein Zwiespalt, mit dem zu leben mir schwer fällt. Dennoch hält es mich nicht davon ab, die stete überbordende Gastfreundschaft meiner Männer anzunehmen und zu genießen. Kein Gespräch – und sei es auch noch so knapp zwischen Tür und Angel – ohne Getränk und Knabbereien. Und wenn man sich niederlässt in den kargen Stuben, biegen sich umgehend die ramponierten Tische. Und dann reden wir, über Gott und die Welt. Und immer öfter auch über’s Essen.


Von Bastarden, Volksmusik und dem Sinn der Gastfreundschaft

„There is no culture without mixture.“ Im Kanton Uri hörte ich diesen schiefen Satz, vor ein paar Tagen auf einer Bühne des Festivals Alpentöne. Die südfranzösische Gruppe Du Bartas warf das Motiv ihrem eher zur nationalen Hermetik neigenden schweizerischen Publikum an den Kopf. Und forderte die wenigen Willigen zum Tanz – zu einer melodiösen Rhythmik, die fast ausschließlich von fünf Männerstimmen mit Trömmelchen geprägt war. Wuchtige Volksmusik, wilder provinzieller Widerstand, lustvolle Polyphonie. Männer mit Bärten und einer Botschaft, einer Mission gar, sind eklatant im Vorteil, wenn sie gute Musikanten sind. Selbst der gemeine bildungsbürgerliche Schweizer zuckt dann nicht zusammen, wenn er mit der Schuhspitze wippt zu Textzeilen, die von der wunderbar fruchtbaren Verschmelzung unterschiedlichster Volksgruppen zu modernen Menschen handeln. „Wir sind alle Bastarde.“ Und das ist gut so.

Das sieht D., der Kurde ist und aus Syrien stammt, ganz ähnlich. Er ist vor wenigen Monaten in unserer niederrheinischen Landgemeinde, die formal eine Mittelstadt ist mit etwas mehr als 32.000 mehrheitlich konservativen Einwohnern, gestrandet. Lebt nun mit über 80 anderen Menschen, die ebenfalls vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit geflohen sind, in einer Containersiedlung. Weit abseits aller Ortskerne, nahe der Grenze zu Mönchengladbacher Stadtgebiet. Sollte demnächst eine Band wie Du Bartas in der Nähe gastieren, lade ich ihn ein zum Konzert. Denn er vermisst sehnlichst Musik und Theater, Literatur – eine Kultur, die er sich leisten kann.

F. wiederum hat mit Kultur nicht viel im Sinn. Er ist Bauernsohn aus dem Norden Syriens, ein trauriger Kurde. Als er im Januar erstmals in der Gruppe von Männern saß, denen ich mit Händen und Füßen und bedingungsloser Offenheit die ersten Brocken meiner Muttersprache nahezubringen suchte, schwieg er still. Tausende Traumata in seinen Augen, vermeintlich. Zu viel Leid gesehen, auf jeden Fall. Zugefügt durch die Schergen des syrischen Regimes, die Machetenmachos des so genannten IS, von Schleppern auf der Flucht durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn. Von unzähligen Beamten in einigen dieser Transitländer. Nackt im Staub und in Exkrementen gelegen, vielfach ausgeraubt und zu oft gedemütigt. Fast die Hoffnung verloren, beinahe gebrochen. Am linken Niederrhein dann erst mit zwölf anderen beim tollen Bauern Bruno Kallen untergekommen, der die im Winter leerstehende Unterkunft seiner Saisonarbeiter spontan zur Verfügung stellte. Nachdem sich Widerstand formiert hatte gegen die eigentlich im Nachbardorf geplante Notunterkunft, besorgte Nachbarn und spießbürgerliche Bedenkenträger sich in zivilem Ungehorsam gegen die Ungebetenen übten. Mit Erfolg?

Nein. Denn nur so konnte ich F. und meine anderen Männer kennenlernen. Weil ich seit diesem Zeitpunkt mich engagiere – wie über 100 andere Korschenbroicher auch. Und mein kurdischer Freund lernt schnell. Das ist eine wunderbare Erfahrung: Mit großer Unsicherheit sind wir gestartet – nur mit der Gewissheit, helfen zu wollen, zu müssen, zu können. Als gute Nachbarn. Mit kleinen Gesten und wenigen Worten. Das kann jede(r). Es kommt schlicht auf den Versuch an.

Meiner ist noch lange nicht am Ende. F. hat dieser Tage seine Anerkennung von der Ausländerbehörde bekommen, einen von über 50 verschiedenen Aufenthaltstiteln, die der deutsche Staat eventuell verleiht an Menschen, die alles zurückgelassen haben in der Hoffnung, dass dieses Land ein sicherer Hafen ist. Für ihn fängt nun die Arbeit an: Eine Arbeit finden, eine Wohnung. Beides ist alles andere als leicht. Und neue Menschen kommen jede Woche. Zuletzt aus Bangladesh, aus Afghanistan, Albanien. Syrer natürlich, immer mehr. Und doch sind es erst knapp 400 in unserer Stadt. Im benachbarten Mönchengladbach circa 2.000. Jeweils ungefähr 1 Prozent der Bevölkerung. Allein im Libanon sind es 25mal so viele.

Ich bin auch ein Flüchtlingskind. Ein kultureller Bastard sowieso. Meine Mutter floh aus dem Pommernland, das war abgebrannt. Ein Opa liegt in Frankreich begraben. Da sind Tanten in Kanada, Wirtschaftsflüchtlinge, die ich gerne besuche. Die Sprache meiner Geburtsgegend ist ein Dialekt, den ich mit Holländern teile. Ich fühle mich als Europäer zumindest, immer mehr auch Weltenbürger. Deutsch steht als Nationalität in meinem Pass. Beides, das Konstrukt einer Nation und das Deutschsein, ist mir immer fremd geblieben. Sinnlos und unnötig. Doch mir geht es gut dabei. Und in den letzten Monaten ist eine große Freude dazu gekommen. Die ich nicht zuletzt den Menschen verdanke, die ich kennenlernen durfte. Alle, die noch kommen, werden diese Freude nur vergrößern.