Uerdingen, die französische Hochküche und eine gewisse Todessehnsucht

Das Leben ist endlich, glücklicherweise. Nur endet es in vielen Fällen unpassend; zumindest was den Zeitpunkt angeht. Mir wird allerdings die Gewissheit, dass die Menschen immer älter werden, zunehmend zur Bedrohung. Das ist kein vages Gefühl, sondern eherne Überzeugung: Früh stirbt sich besser. Auch unter ästhetischen Gesichtspunkten ist beizeiten durch den Jordan schwimmen ein durchaus zu begrüßender Umgang mit der Thematik. Doch bevor jetzt jemand wahllos Notrufnummern in die Tastatur eines Telekommunikationsgeräts drückt – ich bin des Lebens nicht müder als an anderen Tagen, an denen ich gut zu Mittag aß, die Sonne schien und ich die wohlig-dämpfenden Auswirkungen latenten Schlafmangels bestaunte an einem Organismus, der ansonsten pulsiert vor Energieüberfluss. Nächste Woche ist Karneval, da wird der Winter ausgetrieben, das Jahr hat bisher schon mehr Versprechungen gemacht, als es wird halten können. So mag ich’s gern – vielleicht war ich nur zwei, drei Male zu häufig in den letzten Tagen in Uerdingen.

uerdingen

Meine Lieblingsrheinpromenade liegt ebenda. Zwar nur 300 Meter lang zwischen Industriehafeneinfahrt und Bayerwerkstor (was zugegeben halb gelogen ist) – aber nirgends sonst gehen Schifffahrtsromantik, kulinarische Ambition und urbane Agonie eine innigere Verbindung ein. Krefeld als Arbeiterstadt zu beschreiben, ist ja schon ein höhnischer Euphemismus. Uerdingen war einmal eine linksrheinische Blüte der schwärenden Pflanze Ruhrgebiet, wandelte sich in den letzten Jahrzehnten jedoch rasant zur soziokulturellen Wüstenei. Ich mag das Morbide, vieles hier gemahnt mich an eine Vielzahl von osteuropäischen Metropolen kurz nach dem Mauerfall. Selbst den Geruch dort habe ich geliebt.

Inzwischen wird nicht mal mehr schlechter Weinbrand produziert in der Rheinstadt. Dafür haben Künstler Einzug gehalten in den Gebäuden der ehemals größten Brennerei Deutschlands. Und im Innenhof von Dujardin versteckt sich Sommers ein wunderschöner Biergarten. Doch was wirklich beachtenswert ist: Es lässt sich vorzüglich speisen – jeweils einen Steinwurf voneinander entfernt befinden sich drei der besten Restaurants des linken unteren Niederrheins. Der transasiatischen Küche der Familie Nguyen huldigte ich bereits, das La Riva mitsamt superber Fisch- und Weinkarte folgt demnächst. Heute dafür einige Worte über ein relativ klassisches französisches Etablissement: Das Chopelin im Casino. Lange habe ich das Lokal ignoriert, leide ich doch unter gut ausgeprägten Berührungsängsten mit der französischen Hochküche. Doch ein Vinocamper aus dem Rheingau legte es mir derart eindringlich ans Herz und empfahl mich der ihm befreundeten Betreiberfamilie – dass es nun auch um mich geschehen ist. Ich bin endgültig für jegliches Mittelmaß verloren.

Die Kochleistungen in Bistro und Restaurant sind genauso klassisch wie großartig innovativ, die Aktionen kreativ und überaus erschwinglich. Die Atmosphäre ist durchaus kommunikativ und weit entfernt von steifer Förmlichkeit oder hochnäsiger Noblesse. Der exzellente Service trägt einen großen Teil dazu bei. Die Lage ist ein Traum und ich freue mich jetzt schon auf den Sommer – die repräsentative Terasse trohnt überm grauen Strom. Komplett  macht den Genuss jedoch der Kontrast, den beim Verlassen der Eintritt in die real existierende, postindustrielle Umwelt bietet. Ich halte ein gewisses Maß an Todessehnucht in diesem Zusammenhang für absolut angebracht. Der Soundtrack zum Ort kommt ganz eindeutig von Joy Division.