Sexy Cupcakes

Zugegeben, ich betreibe mit diesem samstagmorgendlichen Kurzbeitrag digital frivole Bauernfängerei. Kein Rezept, keine nackten Tatsachen. Das passt aber zum Landleben und wird zudem entschuldigt durch den Umstand, dass es heute mit den Jungs in den Park geht. Da fehlt schlicht die Zeit zum Selberkochen, geschweige denn Fotografieren und Verbloggen des Ergebnisses. Und mit elf Männern vom Niederrhein mit allzu dicken Waden will ich hier niemanden langweilen.

Bei Simone in Seattle aß ich vor ein paar Tagen Zuckerbomben. Wer wie ich allerdings bei Tassenkuchen bisher nur die Form als stilprägend dachte, ist leicht provinziell und bestimmt diabeteslatent.  Denn diese Tortenähnlichen sind schlicht die Form für mehr oder weniger einen einzigen Inhalt: Saccharide in jeglicher Ausprägung. Oder: Die Definition von Süß. Eigentlich esse ich solcherlei nie, schon gar nicht kunterbunt ausdekoriert und mädchentraumwandelnd. Doch was machte mich wanken? Als homme de lettres war es selbstredend die Namensgebung: French toast cupcakes with maple frosting and bacon sprinkles. Diese barocke Bezeichnung führte direkt in in einen hartnäckigen Lachkrampf. Selbiges blieb mir allerdings umgehend im Halse stecken, als ich von diesem Teufelszeug aß. Ich weiß heute noch nicht, was genau mir meine Geschmacksknospen signalisierten, es hatte auf jeden Fall mit Überforderung zu tun. Schon wenn ich jetzt „Buttercremetorte mit Schinken“ niederschreibe, wird mir schlecht. Aber soviel stimmt auch: Schlecht war es nun gerade nicht. (Im übrigen bin ich nicht der erste, der dies deutsch bloggt.)

auch gesund und lecker...

Wie die Faust auf’s Auge oder eine satte bass drum auf eine frische Magen-OP-Narbe passt dazu, was ich gestern im Guardian las. Paul Lester empfahl mir dies: „Make a meal – and get a song – out of moist muffins.“ Er schrieb dies in einem Beitrag über Erin K & Tash, zwei böse Frauen, die anzügliche Liedchen trällern. Vordergründig. Beim zweiten Hören erweist sich die Chose als handwerklich sauber gearbeitet, folkige Überraschungseier mit Lust am Sex. Aber nicht unbedingt mit Männern. Gendermusic zum Lachen und Mitwippen. Perfektes Pausenprogramm für weibliche Foodblogger, darauf wette ich mein Y-Chromosom.

Erin K & Tash – The Sexy Cupcake Ditty


Buttercremetorte, altmodisch

Heute ist Familienfest. Glücklicherweise existieren wenige Traditionen in unserer Sippe, deren Einhaltung gemeinhin meist nur Widerwillen auslöst. Jedoch werden einige mehr oder minder obskure kulinarische Relikte gepflegt, wenn feierlich getafelt wird. Soleier-Ess-Wettbewerbe zu Ostern, Heringssalat mit Bockwürsten als Weihnachtsdelikatesse und eben als Backkunstklassiker die Buttercremetorte sommers.

Weder zeitgemäß noch leicht verdaulich ist sie in ihrer ursprünglich unverfälschten Form weitestgehend vom bundesdeutschen Süßspeisenplan verschwunden. Als altgedienter Bewahrer von vom Aussterben bedrohter Arten dokumentiere ich hier also die Genese meines Lieblingsbackwerks. Zwei Tage sollten schon eingeplant werden, um ein auch nur annähernd befriedigendes  Ergebnis zu erreichen. An Tag 1 wird das Grundgerüst geschaffen, ein Biscuitboden. Etymologisch spannend ist ja, dass „bis coctus“ im Lateinischen doppelt gebacken bedeutet und also ursprünglich das meinte, was wir heute als Zwieback kennen. Erst im Laufe der Zeit wurde daraus das luftigleichte Eiergebäck, wie wir es nun benötigen.

Wie immer ist die Frische und die Qualität der Zutaten ausschlaggebend. Am besten also vier nestwarme Eier trennen, zu den Eigelben reichlich vanillisierten Zucker geben und ausdauernd cremig rühren. Der Herr Bocuse behauptet im „La cuisine du marché“ bei den Empfehlungen zur Zubereitung des „Biscuit de Savoie“, dass sich das Volumen unbedingt verdreifachen müsse. Das hat den Vorteil, das man sich das Fitnesstraining spart. Auf jeden Fall ist wichtig, dass sich die Zuckerkristalle völlig aufgelöst haben. Dann aus dem Weißen festesten Schnee schlagen. Mit einer Prise Salz und einem Schwung Zucker verfeinern. Ungefähr 150 g Mehl in die Creme sieben (Sicherheitsfanatiker geben auch noch etwas Backpulver hinzu, was wiederum Menschen wie den erwähnten französischen Meister um den Verstand brächte) und mit der Hälfte des Eischnees wenige Augenblicke verrühren. Die andere Hälfte feinfühlig unterheben und alles in eine 26-cm-Springform füllen und bei 180° 25 Minuten backen. Wiederum sollte sich beim Ändern des Aggregatzustand das Volumen verdreifachen. Aus der Form lösen und sich auf den nächsten Sonnenaufgang freuen.

Ist der erlebt, wird Pudding gekocht. Natürlich nicht solcher vom Dr. aus Bielefeld, sondern handgemacht. Benötigt wird ein knapper Liter Milch und ein halbes Dutzend Eigelbe, Zucker, Stärke und das Mark einer Vanilleschote.  Während die Milch erhitzt wird, die restlichen Ingredienzien schaumig schlagen. Dann die Milch zugeben, gut verrühren und nochmals erhitzen. Fertig. Zur Weiterverwendung mit Folie abdecken und erkalten lassen. Währenddessen ein Paket beste Butter den entgegengesetzen Weg gehen, also Zimmertemperatur annehmen lassen. Beides, Butter und Pudding, muss notwendig gleich warm sein. Nun mit einem großen Schneebesen zuerst die Butter glatt und dann den Pudding nach und nach unterrühren. Dieser Schritt ist der Bedeutendste: Die Buttercreme kann bei zu großer Temperaturdifferenz gerinnen; Butter und Pudding müssen eine homogene Masse ergeben, ohne zu flüssig zu werden (was geschieht, wenn zuviel Elan eingesetzt wird).

Baukasten Buttercremetorte

Baukasten Buttercremetorte

Nun das Finale: Den Biscuit ganz sanft zweimal teilen. Nun auf die Unterseite ordentlich Creme verteilen, mit der nächsten Scheibe bedecken und solches wiederholen. Obenauf großzügig Buttercreme, glattstreichen und evtentuell mittels Einsatz eines Spritzbeutels ornamentell kreativ werden. Wer Schnickschnack braucht, spart ihn sich dennoch. Wenn’s gar nicht anders geht, sei es erlaubt, Gelee von schwarzen Johannisbeeren auf die Böden zu streichen, aber sparsam. Butter und Vanillearomen sollen dominant bleiben.