Obergäriger Kulturgenuss, Bohème auf der Baustelle

Im landläufig als Pilstrinkerstadt bekannten Dortmund gab’s gestern obergäriges Hövels als Blitzbier in der Hausbrauerei auf dem Hohen Wall, bevor es wenige Meter weiter ins städtische Schauspiel ging. Dort galt es, den neuen musikalischen Leiter zu begrüßen, den netten Herrn Wallfisch, der zum Einstand seine kleine Band Botanica aus Brooklyn mitgebracht hatte. Wer Paul kennt, wusste bereits vor diesem Abend, dass es hier zu einer verheißungsvollen Liaison gekommen war. Der ganze Mann ist schließlich Theater. Hinter seiner kleinen Wurlitzer zog er also die irisierenden Fäden und hatte anderthalb Stunden lang die Menschen in seiner Hand.

Dann also die Krefelder Legenden, M. walking on the water. Auch Theatermusiker, auf ihre Art. Eher Straßentheater. Die Party auf dem Friedhof war auch im bestuhlten Schauspiel unabwendbar. Von außen Baustelle (Haus und Band), innerer Glanz. Und ein Versprechen: Anfang 2011 ein neues Album mit Namen „Flowers for the departed“, das erste seit dann 13 Jahren (Folkig bis countriesk sind die zu erwartenden Klänge.) und ab März eine Tour. Die bestimmt auch wieder nach Dortmund führt, jedoch dann wohl nicht ins Theater.


Musik-Theater mit Mini-Rosamunde

Es gibt nichts schlimmeres als Musical – die Fortsetzung von Operette mit noch fieseren Mitteln. Doch Musik im Theater muss nicht automatisch Folter sein. Dies will das Schauspiel Dortmund am 26. September beweisen (und wird es auch) – wenn es nämlich seinen neuen musikalischen Leiter auf die Bühne stellt. Der Paul darf seine Band aus Manhattan mitbringen und sich seine Freunde Mike und Markus-Maria aus Krefeld einladen. Um an einem Abend dieses ganze seltsame Kulturhauptstadt-Ding in den Schatten zu stellen, avangardistisch an die Wand zu spielen. Meine Damen und Herren, es treten auf Paul Wallfisch und Botanica sowie M. walking on the water.

Botanica, die Band

Botanica, die Band

Botanica vs. the truth fish war meine Lieblingsplatte im Jahr 2005. Auch live funktioniert die Band als energiegeladener Zwitter zwischen osteuropäischer Hochzeitskapelle und rotweinabhängigen Neopunks. Immerhin dies haben sie mit den Herren vom Niederrhein gemeinsam: M. walking feierten im letzen Jahr ein vielbeachtetes Live-Comeback und haben für den Herbst gar ein neues Album angedroht. Short-Distance-Psycho-Folk revisited, um es mal kryptisch auszudrücken. Zu einer Feier auf dem Friedhof wird es allemal reichen. Oder einer heiligen Nacht mit Rosemarie.

Dazu mache ich eine Flasche von Anthony Robert Hammond aus Oestrich-Winkel im Rheingau auf, eine 2009er Mini-Rosamunde. Rock’n’Roll-Wein, Spätburgunder-Rose, etwas plüschig im Geschmack, optisch einzigartig.

Mini-Rosamunde von Hammond

Mini-Rosamunde von Hammond