Von Foodies Inkonsequenz

Warum eigentlich is(s)t niemand von uns konsequent? Oder wer hat schon mal ein Restaurant verlassen, aus Protest, weil das einzige Wasser auf der Karte eine Nestlé-Marke war? Also eine von über 70 weltweit, zu denen so bekannte wie Vittel, S.Pellegrino, Aqua Panna, Perrier, Fürst Bismarck oder Aquarel zählen? Oder hat zumindest den Wirt gefragt, warum es ihm offensichtlich Wurst ist, woher die Produkte stammen, die er seinen Gästen anbietet? Warum übrigens isst der Veganer Wurst von Herta, immerhin seit 30 Jahren eine 100%ige Tochtergesellschaft des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns? Warum isst der Veganer überhaupt Wurst?

Ist es schlicht nicht „political correct“, Konsequenz im Verbrauchsverhalten zu zeigen und für sich selbst die Regel zu befolgen „Kauf nicht beim Schweizer Multi!“?

Warum kaufen wir samstags auf dem Wochenmarkt bio-regional – und werden ob dieses Tuns in allen unseren Veröffentlichungen zu Dogmatikern – und essen dann „auswärts“ doch den ganzen Mist, der in der deutschen Gastronomie zu 98 % verarbeitet wird? Egal, ob in der Mittagspause beim Asiaten (der seine „Lebensmittel“ zu einem Großteil aus niederländischen Foodfabriken bezieht) oder abends mit Freunden beim Griechen, Italiener oder in der gemeinen deutschen Schnitzelhölle – überall hochverarbeitete Lebensmittel fragwürdiger Provenienz und mit katastrophaler Energiebilanz. Die so genannte gehobene Gastronomie agiert übrigens selten anders. Da kommt die nährwertfreie, konventionelle „Wildsalatmischung“ nur vom Pariser Großmarkt.

Warum spielt Qualität exakt dann keine Rolle mehr, wenn der foodistische Gruppenzwang groß genug wird, die Verpackung sexy ist und das Thema hip?

Warum also? Ganz einfach: Weil der Mensch ein träger Ignorant ist. Weil Kompromissfähigkeit als Tugend gilt und Konsequenz als latent faschistoid. Weil erst das Fressen kommt, dann die Moral.

Doch warum verstecke ich mich in diesen hingerotzten Zeilen eigentlich im Plural, wenn es doch nur um mich geht?


13 Kommentare on “Von Foodies Inkonsequenz”

  1. kormoranflug sagt:

    Am Donnerstag gibt es die frische Fischlieferung, dann gehe ich manchmal in einen Grossmarkt der Marke M und kaufe neben dem Fisch auch noch etwas Trockenware.
    Wenn ich mich umschaue sehe ich die Gastronomen-Einkäufer die auf Ihre Grosswagen Lebensmittel werfen, welche ich für den normalen Hausgebrauch nicht einmal ansehen würde. Seither meide ich diese Lokale.

  2. georgous sagt:

    Zumindest beim Wasser frage ich immer, und wenn Nestle Wasser angeboten wird, dann frage ich nach Alternativen. Spätestens da versinkt meine Frau immer in den Boden und sie bittet mich meist vorher, nicht zu fragen. In Bewertungsportalen wie Yelp mache ich mit Hinweis auf Nestle Wasser einen Punktabzug.
    Bzgl. Restaurants gehen wir nur dort Essen, wo es besser schmeckt als zuhause. Ich denke, da ist die Qualität schon ganz gut, aber in die meist offene Küche schaue ich auch nicht.

  3. claus sagt:

    Es geht auch um mich!

  4. Selbstreflektion ist gut. Solange man ehrlich mit sich selbst (und Anderen) bleibt und mit den eigenen Kompromissen leben kann, darf man auch dazu stehen.
    Für mich ist es ein Prozess mit kleinen Schritten. Seit ich meine neue Arbeit habe und nicht mehr alle Euros zwei mal bedenken muss, versuche ich, zumindest Gemüseeinkäufe regelmäßig im Bioladen, statt wie zuvor im Supermarkt, zu erledigen. Und ich gedenke auch den Metzger regelmäßiger zu frequentieren. Dennoch habe ich keine Gewissensbisse (außer bezüglich des Verpackungsmülls), wenn ich mir nach einem langeen Arbeitstag (+1h Fahrzeit), an dem mein Mittgskocher mal nicht mit warmer Mahlzeit aufwartet, eine Solche zum Mitnehmen beim Vietnamesen zu kaufen. Allet jut.

    • utecht sagt:

      Ja, genau. Gerade die veröffentlichte Reflektion kann ja helfen, noch konsequenter zu werden. Dank glücklicher Umstände sind Einkäufe hier kein Problem. Einen Supermarkt sehe ich so gut wie nie von innen.

  5. Eline sagt:

    Wasser ist ja kein Problem, find ich, trinke ja meist Leitungswasser -obwohl, Pellegrino in Italien passiert mir schon, wenn es keine regionale Quelle gibt.
    Am wenigsten konsequent bin ich bei Fleisch und Eiern im Urlaub oder Hotel. Da esse ich auch mal nicht Bio und nicht Weidetiere. Das find ich schlimmer als ab und zu mal Pellegrino.
    Wir sollten aber auch nicht zu fundamentalistisch sein. Habe eine Bekannte, die fragt dem Wirt ein Loch in den Bauch, woher denn sein Maishendl kommt, wieviele Quadratzentimeter Auslauf das Tier hatte – das muss auch nicht sein!
    Wir können unser Umfeld bezüglich Einkauf nur beeinflussen, aber nicht bevormunden!

    • utecht sagt:

      Ja, geht mir ähnlich. Da ich beruflich viel unterwegs bin, fehlen oft einfach die „guten“ Alternativen. Moralinsaure Besserwisserei ist mir ebenfalls zuwider.

  6. Gitta sagt:

    Warum schreibst du das? Gibt es ein Promlem damit?

  7. […] Ange­mahnt: Jörg von „Utecht schreibt“ macht sich Gedan­ken über die Inkon­se­quenz beim Thema Essen, auch von selbst­er­klär­ten „Foo­dies“. Er fragt: „Warum kau­fen wir sams­tags auf dem Wochen­markt bio-regional und essen dann aus­wärts doch den gan­zen Mist, der in der deut­schen Gas­tro­no­mie zu 98 % ver­ar­bei­tet wird?„ Utecht schreibt […]


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