Vom Essen und Flüchten

Zu den Profiteuren der aktuellen Situation gehören nicht zuletzt viele Akteure des Wirtschaftssegments Ernährung. Sagte mir doch S. aus Eritrea, der mit einer sattbraunen Körperfarbe gesegnet ist, mit Neid erzeugender Haarpracht und einer Bauernschläue, die mich ein ums andere mal verblüfft,  letzthin: „Du Joerg, ich arbeite jetzt weiß.“ Denn was Schwarzarbeit bedeutet, hatte er schon wenige Wochen nach seiner Ankunft am linken, südlichen Niederrhein gelernt.

Habt Ihr Euch schon mal überlegt, wer die Menschen sind, die bei Wind und Wetter mit den Broschüren vom Pizzaservice Eure Briefkästen verstopfen? Die als Spüler in den Hinterzimmern von Chinaimbiss, Schnitzelhölle oder Nobelitaliener schuften und schwitzen? Die in den Megafleischfabriken Industrieschweine zersäbeln im Akkord, damit der Durchschnittsdeutsche seine Fleischsucht befriedigen kann zu Schleuderpreisen? Wie so mancher Landwirt in unseren Regionen überhaupt noch überleben kann bei all dem allseits bekannten ökonomischen Druck – vielleicht, weil seine Saisonarbeiter immer seltener aus Europa kommen?

Zwichen 3,50 und 4 Euro liegt in NRW momentan der Stundenlohn auf dem illegalen Arbeiterstrich für Flüchtlinge. Schwarzarbeit ist in diesem Zusammenhang ein genauso lustiger wie zynischer Begriff. Ein Phänomen, dass weitestgehend unsanktioniert bleibt, entgegen aller veröffentlichten Meinung. Wahrscheinlich, weil ganze Wirtschaftszweige ansonsten gehörig unter Druck gerieten.  Ich registriere dieses Phänomen oft beiläufig. Wo mir konkrete Menschenschicksale begegnen, rede ich, kläre auf, suche nach Alternativen. Die es nicht gibt, meist.

Es ist übrigens nicht zuvörderst das Streben nach Verbesserung der ökonomischen Lage – die meisten Flüchtlinge fühlen sich fast durchgehend gut versorgt vom deutschen Staat – das anfällig macht für die einschlägigen Angebote. Es ist vielmehr das Verdammtsein zum Nichtstun, die Suche nach Ablenkung aus einem öden Alltag, der nichts bietet als die Beschäftigung mit den vielerlei Traumata. Doch irgendwann gelangen fast alle zu der Erkenntnis, dass sie Teil geworden sind eines illegalen Systems der Ausbeutung – nach einigen Wochen, wenigen Monaten allenfalls. Dann sehnen sie sich nach der Erlaubnis, „weiß“ arbeiten zu dürfen.

food

Selbstverständlich zählen alle Flüchtlinge zum treuesten Kundenstamm der deutschen Lebensmitteldiscounter. Deren Angebot und Preisgestaltung mutet paradiesisch an für Männer aus Somalia und Afghanistan. Dass dadurch ein System gestärkt wird, dessen Überwindung eigentlich im Fokus meiner Foodbloggerei steht, ist ein Zwiespalt, mit dem zu leben mir schwer fällt. Dennoch hält es mich nicht davon ab, die stete überbordende Gastfreundschaft meiner Männer anzunehmen und zu genießen. Kein Gespräch – und sei es auch noch so knapp zwischen Tür und Angel – ohne Getränk und Knabbereien. Und wenn man sich niederlässt in den kargen Stuben, biegen sich umgehend die ramponierten Tische. Und dann reden wir, über Gott und die Welt. Und immer öfter auch über’s Essen.



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