Von Bastarden, Volksmusik und dem Sinn der Gastfreundschaft

„There is no culture without mixture.“ Im Kanton Uri hörte ich diesen schiefen Satz, vor ein paar Tagen auf einer Bühne des Festivals Alpentöne. Die südfranzösische Gruppe Du Bartas warf das Motiv ihrem eher zur nationalen Hermetik neigenden schweizerischen Publikum an den Kopf. Und forderte die wenigen Willigen zum Tanz – zu einer melodiösen Rhythmik, die fast ausschließlich von fünf Männerstimmen mit Trömmelchen geprägt war. Wuchtige Volksmusik, wilder provinzieller Widerstand, lustvolle Polyphonie. Männer mit Bärten und einer Botschaft, einer Mission gar, sind eklatant im Vorteil, wenn sie gute Musikanten sind. Selbst der gemeine bildungsbürgerliche Schweizer zuckt dann nicht zusammen, wenn er mit der Schuhspitze wippt zu Textzeilen, die von der wunderbar fruchtbaren Verschmelzung unterschiedlichster Volksgruppen zu modernen Menschen handeln. „Wir sind alle Bastarde.“ Und das ist gut so.

Das sieht D., der Kurde ist und aus Syrien stammt, ganz ähnlich. Er ist vor wenigen Monaten in unserer niederrheinischen Landgemeinde, die formal eine Mittelstadt ist mit etwas mehr als 32.000 mehrheitlich konservativen Einwohnern, gestrandet. Lebt nun mit über 80 anderen Menschen, die ebenfalls vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit geflohen sind, in einer Containersiedlung. Weit abseits aller Ortskerne, nahe der Grenze zu Mönchengladbacher Stadtgebiet. Sollte demnächst eine Band wie Du Bartas in der Nähe gastieren, lade ich ihn ein zum Konzert. Denn er vermisst sehnlichst Musik und Theater, Literatur – eine Kultur, die er sich leisten kann.

F. wiederum hat mit Kultur nicht viel im Sinn. Er ist Bauernsohn aus dem Norden Syriens, ein trauriger Kurde. Als er im Januar erstmals in der Gruppe von Männern saß, denen ich mit Händen und Füßen und bedingungsloser Offenheit die ersten Brocken meiner Muttersprache nahezubringen suchte, schwieg er still. Tausende Traumata in seinen Augen, vermeintlich. Zu viel Leid gesehen, auf jeden Fall. Zugefügt durch die Schergen des syrischen Regimes, die Machetenmachos des so genannten IS, von Schleppern auf der Flucht durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn. Von unzähligen Beamten in einigen dieser Transitländer. Nackt im Staub und in Exkrementen gelegen, vielfach ausgeraubt und zu oft gedemütigt. Fast die Hoffnung verloren, beinahe gebrochen. Am linken Niederrhein dann erst mit zwölf anderen beim tollen Bauern Bruno Kallen untergekommen, der die im Winter leerstehende Unterkunft seiner Saisonarbeiter spontan zur Verfügung stellte. Nachdem sich Widerstand formiert hatte gegen die eigentlich im Nachbardorf geplante Notunterkunft, besorgte Nachbarn und spießbürgerliche Bedenkenträger sich in zivilem Ungehorsam gegen die Ungebetenen übten. Mit Erfolg?

Nein. Denn nur so konnte ich F. und meine anderen Männer kennenlernen. Weil ich seit diesem Zeitpunkt mich engagiere – wie über 100 andere Korschenbroicher auch. Und mein kurdischer Freund lernt schnell. Das ist eine wunderbare Erfahrung: Mit großer Unsicherheit sind wir gestartet – nur mit der Gewissheit, helfen zu wollen, zu müssen, zu können. Als gute Nachbarn. Mit kleinen Gesten und wenigen Worten. Das kann jede(r). Es kommt schlicht auf den Versuch an.

Meiner ist noch lange nicht am Ende. F. hat dieser Tage seine Anerkennung von der Ausländerbehörde bekommen, einen von über 50 verschiedenen Aufenthaltstiteln, die der deutsche Staat eventuell verleiht an Menschen, die alles zurückgelassen haben in der Hoffnung, dass dieses Land ein sicherer Hafen ist. Für ihn fängt nun die Arbeit an: Eine Arbeit finden, eine Wohnung. Beides ist alles andere als leicht. Und neue Menschen kommen jede Woche. Zuletzt aus Bangladesh, aus Afghanistan, Albanien. Syrer natürlich, immer mehr. Und doch sind es erst knapp 400 in unserer Stadt. Im benachbarten Mönchengladbach circa 2.000. Jeweils ungefähr 1 Prozent der Bevölkerung. Allein im Libanon sind es 25mal so viele.

Ich bin auch ein Flüchtlingskind. Ein kultureller Bastard sowieso. Meine Mutter floh aus dem Pommernland, das war abgebrannt. Ein Opa liegt in Frankreich begraben. Da sind Tanten in Kanada, Wirtschaftsflüchtlinge, die ich gerne besuche. Die Sprache meiner Geburtsgegend ist ein Dialekt, den ich mit Holländern teile. Ich fühle mich als Europäer zumindest, immer mehr auch Weltenbürger. Deutsch steht als Nationalität in meinem Pass. Beides, das Konstrukt einer Nation und das Deutschsein, ist mir immer fremd geblieben. Sinnlos und unnötig. Doch mir geht es gut dabei. Und in den letzten Monaten ist eine große Freude dazu gekommen. Die ich nicht zuletzt den Menschen verdanke, die ich kennenlernen durfte. Alle, die noch kommen, werden diese Freude nur vergrößern.


4 Kommentare on “Von Bastarden, Volksmusik und dem Sinn der Gastfreundschaft”

  1. dave sagt:

    der beste Beitrag zum Thema Flüchtlinge, den ich seit langem gelesen habe. Danke!

  2. Eva sagt:

    Das ist der erste „vernünftige“ Artikel, den ich zu diesem Thema gelesen habe. Danke!

  3. utecht sagt:

    Danke für’s Feedback. Ich habe ja lange gezögert, darüber zu schreiben. Weil so ein Blog ja immer auch Nabelschau ist.
    Aber vielleicht lassen sich doch einige Menschen inspirieren, selbst zu helfen. Es ist so einfach…

  4. Basler Dybli sagt:

    Kompliment zu deinem sehr gut verfassten Post zum „Thema“. Ich bin deiner Meinung – Chapeau !


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