Über Flamboyanz, ein überkommenes Kunstverständnis und postmodernes Kochen

Seit Zeiten mal wieder ein dröhnender Überschriftendreiklang, wie geschaffen, um am evozierten Anspruch zu scheitern. Das lustige an selbst kreierten Vorgaben ist die emotionale Antizipation des Flugs: beim Absturz von übertriebener Fallhöhe. Nimm es, werte Leserschaft, als gewohnt permanente Rebellion gegen wissenschaftliche Sozialisation und allzu sauberes Skribentenhandwerk. Am Ende bin ich nur ein wurmiger Brechtadept, der Ent-Täuschung als pubertäres Prinzip betreibt und Erwartungen weckt, nur aus Lust am eigentlichen Scheitern.

Wolfsmilchernen Pflanzen gleich wabert die Musik einer süddeutschen Band durch’s Esskulturzimmer, mal mehr im Magen zu spüren, dann Synapsenverschwurbelnd das Hirn verklebt. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass am Ende jeder einzelne Track des Albums „Heart Mutter“ einfach nur gewaltig die Ohren frei macht. Ästhetisch anspruchsvoll ist dabei das weibliche Geschrei in deutsch und englisch. Gitarrengeschredder wird unterlaufen von Pianopassagen, die nur solange romantische Ruhe versprechen, wie der Umschwung in Krach weh tut. Alles schon mal da gewesen? Rriot, Girlgrime, Postpunk? Klar doch! Eklektizismus ist der Wesenskern von Popkultur. Jeden Ruf nach genialischem Schöpfertum veruteile ich als latent feierabendfaschistoid, zumindest doch als Relikt überkommener humanoider Überheblichkeit. Lang leben die Amöben!

Candelilla sind vier Frauen und die neue Platte gefällt mir gut. Sie nummerieren ihre Stücke und auch dieses Zitat passt und sitzt.
Ebenso wie fast alles, was diese beiden aus Jerusalem stammenden, schwulen Londener Gastronomen so von sich geben in den letzten zehn Jahren. Weil sie ja eigentlich im Alltag schüchtern und zurückhaltend sind, weder in politischen Diskussionen – die sich auf Grund ihrer beider Herkunft geradezu aufdrängen – noch im grellen Mediengeschäft die große Pauke verdreschen. Als Helden aller Couscous köchelnden Mittelstandsmuttis haben sie gewisse Pseudo-Rock’n’Roll-Köche inzwischen locker von den vorderen Rängen der Hitlisten verdrängt. Womit? Mit Flamboyanz. Herr Ottolenghi sagt es so: „Wir nutzen den Umgang mit Essen als unsere Art, schrill zu sein.“

flamboyant

Er nutzt im Englischen den Begriff „being flamboyant„. In der Kunstgeschichte handelt es sich dabei um eine extrem verspielte Spielart der Spätgotik, wie hier am Beispiel der Fassade der Capella de Sant Jordi in Barcelona zu sehen ist. Im Szenesprech der Gay-Community ist damit allerdings das typische bis klischeehafte  Verhalten gemeint, dass Außenstehende als grell, schrill, überdreht wahrnehmen (sollen).

Warum ich das hier thematisiere? Mir gefallen die Bücher der Herren Tamimi und Ottolenghi außerordentlich gut. Weil ich ihren beiläufigen Ton mag und das nonchalante Voraugenführen von kulinarisch Selbstverständlichem im oft unvermuteten Zusammenhang. Wie das aktuelle Werk „Jerusalem“ aufgemacht ist, mit einer lässigen Foodknipserei und bisweilen typischem Geschwafel: Das fühlt sich an wie eine  Neil-Young-Platte. Zum 37. Male hat der Kanadier sich und seinen Sound neu erfunden und klingt doch so altbekannt wie eh. Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit und handwerkliche Präzision sind vielleicht nicht Ausdruck überbordender künstlerischer Schaffenskraft, jedoch mindestens gehobenen Kunsthandwerks. Und das ist im popkulturellen Segment Kochbuch schon eine ganze Menge.

In unendlich ermüdenden Diskussionen unter Hobbykulinarikern werden immer wieder zwei Argumente gegen den Ottolenghihype ins Feld geführt. Zum einen, dass ja nix Neues geboten würde, alles schon mal da gewesen, alter Wein in neuen Schläuchen. So what? Wenn der Tropfen doch allzu exzellent mundet?
Zweitens wird mit einer gewissen Moderesistenz kokettiert. Wenn alle den gut finden, kann ja kaum Substanz vorhanden sein. Bornierter Mist, so eine Einstellung! Auch wenn ich selber dazu neige, vorzugsweise in Nischenbädern zu plantschen, ist das Schwimmen im Mittelmeer doch eine feine Sache. Wenn man nur die coolen, kleinen Buchten kennt.

blumenkohlsalat

Solche Pretiosen habe ich nachgekocht in den letzten Tagen. Wie diesen Salat von geröstetem Blumenkohl und gebrannten Mandeln mit Koriander. Im Originalrezept wurden Haselnüsse und Petersilie vorgeschlagen, beides langweilt mich zu Tode – und in meiner Variante ist es eine schlüssige Weiterentwicklung. Die Rezepte der Beiden laden immer ein zum eigenen Experiment. (Originalgetreu umgesetzt wurde es bspw. hier.)

Weiters gab es Clementinenkuchen mit Mandeln

orangenkuchen

der etwas gepimpt bestimmt noch einmal hier vorgestellt wird. Außerdem die Gemüsepaella aus „Genussvoll vegetarisch“

gemüsepaella

sowie das vielleicht simpelst anmutende, aber in seiner geschmacklichen Perfektion bestechendste Rezept der bisher umgesetzten: Röstkartoffeln mit Karamell und Backpflaumen.

kartoffeln

Und doch geht es weiter, hinterm rheinischen Kartoffelhorizont. Als nächstes gibt es den Anlauf auf ein Festivalcatering, mit vietnamesischen Baguettes, Industrial Blues und Hippiegedöns. Bald, in diesem Theater.


7 Kommentare on “Über Flamboyanz, ein überkommenes Kunstverständnis und postmodernes Kochen”

  1. vilmoskörte sagt:

    Die gemandelten Blumenköhler gefallen mir, ich geb sie gleich als Wunsch an die Lieblingszicke weiter (die übrigens auch den Ottolenghi liebt).

    (Und „kreieren“ finde ich ein scheußliches Wort, don’t use it!)

    • utecht sagt:

      Grüße an die Zicke – und über’s Kreieren muss ich noch ein wenig nachdenken. Spontan verwendet habe ich es wohl aus hermeneutischen Gründen. Wer weiß…

  2. oachkatz sagt:

    Ich wusst ja so gar nicht, was mich erwartet bei Deinem Dreiklang. Jetzt bin ich froh, dass außer mir noch jemand Ottolenghi mag. (das wusste ich natürlich – wieso sollten sie sonst schon wieder ein Kochbuch rausgeben, wenn keine/r die liest?)

  3. ottolenghi soll nichts neues bieten? genau das finde ich nicht. hab den blumenkohl salat übrigens auch schon gemacht und kann dir versichern – der kann auch mit haselnüssen alles. wichtig ist allerdings die röstung eben dieser:-)

  4. Afra Evenaar sagt:

    Ich mag ihn auch, den Ottolenghi, nur manchmal kombiniert er mir eine oder zwei Zutaten zuviel hinein in seine Gerichte.


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