Heldinnenverehrung

Auch wenn ich mir ernsthaft vorgenommen habe, diese Plattform nicht noch mehr zur kleinen, obskuren Musikmission verkommen zu lassen – und dafür seit kurzem zielgruppengerecht regelmäßig einen songoftheday.  tumblelogge – komme ich heute doch nicht umhin, eine frohe wie heldenhafte musikalische Botschaft ans eigentlich nach Opium und kulinarischen Kuriositäten lechzende Bloggervolk abzusetzen:  Heroina ist wiederveröffentlicht worden! Freut Euch!

Zwar ist damit nicht der Heiland erschienen, aber es wird nun adäquat einem der besten Alben deutscher Provenienz der frühen 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gehuldigt. Doch alles auf Anfang:
Seit ich vor ein paar Tagen in einem genauso beliebten wie umstrittenen sozialen Netzwerk den Sisters-of-Mercy-Song This Corrosion in der grenzgenialen Variante von Kurt Wagners Lambchop postete und dazu bemerkte, dass es sich dabei um eine der drei besten Coverversionen der Popmusikgeschichte handele, entspann sich nicht nur eine fruchtbare Diskussion mit einem Bloggerfreund. Mir wurde wieder einmal bewusst, dass ich die Sparte „Interpretation“, die von kritischen Geistern mehrheitlich eher dem Bereich Handwerk denn der wahren Kunst zugeordnet wird, ungemein mag. Immer schon haben mich selbstbewusste Anverwandlungen vorhandener Stoffe fasziniert. Im Idealfall sind die Ergebnisse – mit kraftvoller wie nonchalanter Geste vorgetragen – evolutionäre Zeichen. Musikalische Fortschrittsgläubigkeit. Oder schlicht ‚Spass an der Freud‘.

Heroina war ein reines Studioprojekt, das drei Musiker als Ausgleichssport zu ihren jeweiligen Hauptbands initiierten:
Der kastrierte Philosoph Matthias Arfmann (macht den shit tight) experimentierte immer schon auf der Schnittstelle von alternativem Musikstil und digitaler Produktionsform. Am erfolgreichsten war und ist er als Produzent, u.a. für Jan (Eißfeldt) Delay und die Absoluten Beginner.
Leider viel zu früh gestorben ist der alte Schlingensief-Buddy und Die-Erde-Mastermind Tobias Gruben. Sein Hang zum Dunklen prägte den Heroina-Sound.
Schließlich Günther Janssen (Gün Yan Sen), der mit seiner Frau seit 1996 Donna Regina ist und herrlich sphärisch musiziert.
Mit wenigen weiteren Unterstützern wurde 1991 in kurzer Zeit und mit bewusst limitierten Mitteln ein Album eingespielt, dass nur aus Coverversionen bestand. Ein wilder Mix unterschiedlichster Herkünfte – doch am Ende entstand eine ganz eigene Soundfarbe, ein dichtes Netz an Rhythmen. Das funktionierte formidabel auf den Tanzflächen der Welt, in den bekanntesten Clubs liefen Tracks dieser Scheibe. Vieles, was zehn Jahre später unter „Disco Punk“ firmierte  und womit New Yorker Größen wie Radio 4 oder das LCD Soundsystem viel Geld verdienten, klang hier schon an.

Ob der oben eingebettete Patti-Smith-Hit oder Skin Deep von den Stranglers, ein unbekannteres Stück von Prince oder der Edith-Piaf-Chanson Dans ma rue: Sie alle wurden in industrielles Brackwasser getaucht, kräftig durchgeschüttelt  und mit stumpfen Beats und freakigem Geschrei oder Genöhle in Hirne und Beine getrieben. Selbst die von mir eigentlich fast verachteten REM erhielten so Relevanz. Zugegeben: Mit dem einzigen Lied, das mir aus dem Œuvre der Kappelle aus Athens je wichtig war. In diesem Sinne bekommt mein Text am Ende gar eine Botschaft: This one goes out to the one I love!

Dazu tranken alle meist eine wilde Mischung aus Sekt und Wodka, aßen Unmengen Carbonara und koksten sich die Nasen wund. Damals. Getanzt wird heute noch.


3 Kommentare on “Heldinnenverehrung”

  1. missboulette sagt:

    werden wir (foodies) also ab sofort musikalisch auf entzug gestellt? irgendwie schade, ich finde diese „mischwesen der blogosphäre“ mittlerweile am interessantesten.


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