Jazzfestival und Abstinenz

Morgen beginnt es, das 25. Internationale Jazzfestival Viersen. Eigentlich nicht weiter einer Erwähnung wert, Provinz probt Urbaneskes, reichlich vergeblich großen Teils. Musik alter bärtiger Männer, Blechblasinstrumente, weichgespült, Kontrabassisten und Kehlkopfvokalisten, um Standards und Traditionals bemüht und umweht von selbstgeschneiderter Avantgarde-Klamotte. Kontemporäre Koryphäen zeichnen sich vornehmlich durch Biederkeit, Überkommenes und Hüftsteifheit aus. Nach dem Hard-Bop fiel diese Musik in ein übertiefes Loch, an dessen Grund Bedeutungslosigkeit fleckig schimmert.

Nun ist Viersen aber meine Vaterstadt. Und neben allerlei anderen Randsport- und Mainstreammusik-Events an kulturellen Darbietungen eher arm. Also kaufe ich mir keine Karte, stehe auch nicht plus X oder Y auf der Gästeliste – weise aber immerhin hier darauf hin, dass mit Lisa Bassenge eine Künstlerin, die mit ihrer Stimme zu faszinieren vermag, auf der Festhallenbühne stehen wird, am kommenden Wochende.

Ich also werde Abstinenz betreiben, vielleicht dem Unterschichtenvergnügen frönen und ins Stadion gehen.  Endlich die Geschichte über den deutschen Winzerssohn in der kanadischen Provinz fertigstellen. Der Frau, die ich lieben könnte, ein Gedicht schreiben. Mal wieder Rad fahren, so lange, bis ich aus dem Sattel kippe. Den Kampf mit dem Finanzamt aufnehmen. Ein Rezept kreieren. Essen, allein.


10 Kommentare on “Jazzfestival und Abstinenz”

  1. nata sagt:

    Mannomann, das sind mal ehrgeizige Projekte und deutlich mehr als man an einem Wochenende schaffen kann. Alleine essen könnte ich vielleicht auch schaffen.

  2. chezmatze sagt:

    Heute war ich im Karstadt und durfte zufällig miterleben, wie zur Feier des x-jährigen Bestehens eine lustige Jazz-Combo mit Strohhüten richtig enervierenden Dixieland zum Besten gab. Dabei ist mir wieder mal ein grundsätzlicher Gedanke in den Kopf gekommen, der ein wenig reaktionär anmutet, aber nicht so gemeint ist: Jeder Musikstil hat seine Zeit.

    Jeder Stil hat irgendwann einmal einen Höhepunkt gehabt, bevor er dann nur noch „nachempfunden“ wurde. Und dieser Höhepunkt ist deshalb zustande gekommen, weil sich die zu jener Zeit besten, kreativsten und unkonventionellsten Köpfe gegenseitig befeuert haben, ebenjenen neuen Stil zu formen.

    Der Jazz als allgemeiner Musikstil hatte seinen Höhepunkt wahrscheinlich zur Bebop-Zeit. Der beste Beat und der beste Soul wurden in den 60ern erfunden, der beste Krautrock und der beste Funk in den 70ern, und der beste Punk ist (ich weiß, die Meinung könnte nicht von allen geteilt werden) auch schon eine ganze Weile tot. Und ob das jetzt NDW, 80s Pop, Britpop, Techno, Grunge, Drum & Bass, HipHop oder irgendeiner der nachfolgenden Stile war, im Nachhinein konnte man immer einen bestimmten Höhepunkt ausmachen, ab dem die Kommerzialisierung verstärkt einsetzte, der Stil verwässerte und die prägenden Protagonisten entweder das Weite suchten oder sich im Repetitiven ergingen.

    Im Moment habe ich das Gefühl, dass sich die „beste Schule“ im US-R’n’B befindet, zu dem ich leider wegen gewisser Attitüden irgendwie nicht den rechten Zugang finde.

    Was ich damit sagen will? Mir ist die populäre Musik des Westens ein wenig langweilig geworden (was ich daran merke, dass ich irgendwie „nostalgische Gefühle“ beim Hören empfinde). Wird wieder mal Zeit für eine neue Musikrichtung, die sich ein paar anderer Elemente bedient. Andere Rhythmen, andere Akkorde. Oder auch „anderer Text, andere Melodie“ wie bei Helge Schneiders „Musikverlag“-Hörspiel. Aber das ging ja damals schon schief…

  3. chezmatze sagt:

    Sorry für den übermäßig geratenen Kommentar, ist ja länger als der ganze Artikel…

  4. utecht sagt:

    @nata
    ich werde zumindest versuchen, alles zu vollbringen!
    @matze
    mein lieber, darauf adäquat zu antworten, würde gewiss noch mehr schwadronieren erfordern, als es ohnehin schon meine art ist. nur soviel: prinzipiell gebe ich dir recht. allein deine r’n’b-vermutung kann ich nicht nachvollziehen. neben der erkenntnis, dass retro die neue avantgarde ist (wie überall in der mehrfach postmodernen kunst), sehe ich momentan die spannendsten entwicklungen auch in den u.s., allerdings eher im freakfolk, diy-disco und agitpop. kurzum: das gute und schöne ist klein. und wenn es groß wird, wird es hässlich.

    • utecht sagt:

      Nachtrag:
      „Jenseits des Fragments lässt sich Pop heute nicht mehr denken. “
      http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,783541,00.html

    • chezmatze sagt:

      Siehst Du, da bin ich mir nämlich nicht so sicher. Ich finde Freakfolk und Ähnliches sympathisch, aber halt nicht innovativ. Retro als neue Avantgarde, Du sagst es. Hat für mich ein bisschen was von Therapie, die der eigenen Kindheit und Jugend einen neuen Anstrich geben soll. Deshalb sind die Retrowellen auch arg kurz in ihrer Frequenz. Sollten demnächst Vaudeville oder Ragtime der neueste Schrei sein, nehme ich das natürlich wieder zurück 😉

      Was R’n’B anbelangt, habe ich persönlich das Gefühl, dass es ein Sozialschichtphänomen ist, dem „wir“ (abgehangen, weiß, gebildet – und PC) genau deshalb ein wenig skeptisch gegenüber stehen, weil wir halt nicht zu dieser Schicht gehören. Denn wir gehören zur Freakfolk-, DIY-Disco- und Agitpop-Schicht. Aber zugegeben: Auf Konzerten macht sich sichtbar handgearbeitete Musik immer am besten.

      • utecht sagt:

        Jede Harmonie ist geschrieben, alle Melodien gesungen, kein Rhythmus unbewegt. Der Rest ist Geschmackssache und in der Regel eine Generationenfrage mit sozialer Fundierung. Da hast Du recht. Was mir allerdings noch noch fehlt zum Glück, ist ein Bastard aus Dancefloor und Singer/Songwriter.

        BTW: Gänzlich eklektizistisch poste ich in meinem Facebookprofil stets einen „songoftheday.“. Kunterbunt, geschichtsvergessen, avantgardistisch, hochemotional und intellektualistisch. Muss man mögen!

  5. chezmatze sagt:

    Immerhin lebe ich ständig mit der Hoffnung auf mir bislang unbekannt gebliebene Gefilde. Musikalisch, kulinarisch, auch sonst. Ein bisschen Singer/Songwriter und so halb dancefloorig hat ja mal Jay Jay Johanson angefangen. Ist aber auch Geschmackssache…

    @ BTW: Auch wenn ich ein überaus lausiger Facebooker bin, da schaue ich gern mal rein, wenn ich darf.

  6. oachkatz sagt:

    Und hats geklappt mit dem Gedicht?


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