Psychedelika und Soetelsche Muhre

1969 fand in Dschalalabad ein Musikfestival statt. Dabei wurden aber nicht etwa religiöse Naa´d oder traditionelle, indisch beeinflusste Ragas zur züchtigen Aufführung gebracht. Vielmehr hätte das Ganze eher unter dem Motto „Drogenhölle in der Drogenhölle“ aus heutiger, fundamentalistisch korrekter Sicht und Diktion firmieren können. Hippiegesocks, FlowerPowerPeople und Nudisten feierten, als wären sie am Ende der Welt und ein Morgen unmöglich. Für Nachgeborene ist dies heute die verbreitete Betrachtungsweise: Afghanistan ein Land ohne Zukunft, Sammelbecken für Unbelehrbare und Lebensmüde. Doch Urlaub am Hindukusch? Freizeitvergnügen Paschtunistan?

Steht heute im Haus der Geschichte in Bonn: Der Hippie-Bulli

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Damals wie heute ist die Stadt das Tor zum Chaiber-Pass, auf dem Weg von Kabul nach Peschawar. Der jedoch war immer schon nur eine winzige Etappe der Pilgerfahrt von West nach Ost, genauer: Von Europa nach Indien. Ende der 60er waren Kolonnen von bunten Bullis unterwegs, Destination Goa. Freie Liebe, LSD, Batikhemden. Eine weitere Kolonialisierungswelle, eine Art Grundsteinlegung für das „global village“? Wie auch immer, bevor man über’n Berg war, wurde Rast gemacht inmitten von bunten Mohnfeldern in der erwähnten afghanischen Stadt. Auch Lionel Foxx, ein junger französischer Drummer, war mit seiner Band Crium Delirium im Sommer 69 vor Ort. „Wir landeten mit einem psychedelischen Bus der Hog Farm inmitten von Kamelen, fünf Mädels an Bord und widmeten uns Sex und Drogen und der Musik.“

Selbst an einem verregnet-nüchternen niederrheinischen Sonntagmorgen lässt sich einiges dieses Zeitgefühls nachempfinden beim Wummern der Boxen, aus denen ein Mix namens Power to the carottes dröhnt. Der gleichnamige Track von Crium Delirium ist ein Musterbeispiel für psychedelischen Progrock. Und gleichzeitig der perfekte Soundtrack für einige Gedanken zum Thema gelbe Möhren.

Auf meinem Acker widme ich mich dem Erhalt der „Süchtelner Möhre“ (Soetelsche Muure/Muhre). Dass diese die Hauptzutat bildet für den traditionellen Muhrepruchel (Muurejubbel), erwähnte ich bereits. Doch immer seltener ist sie dank esskultereller Gleichschaltung und Globalisierungswahn auf hiesigen Märkten zu kaufen. Also selber säen – dies war auch der eigentliche Grund, warum ich unter die Gemüsegärtner ging. Arche-Ackern quasi. Der Spaß kam erst später.

Zu erkennen sind die Karottenähnlichen am typischen grünen Kopf. Und geschmacklich an der Milde, der geringeren Süße als die orangenen Kollegen. Der Ertag ist gut, der Wuchs wild, die Zubereitung einfach.
Zum Beispiel ein Möhrensalat: Zusammen mit der ebenfalls abgebildeten Zwiebel raspeln und mit einem guten Sonnenblumenöl, Zitronensaft und -abrieb, saurem, frühzeitig vom Baum gefallenem Apfel, wenig Salz und Pfeffer vermischen und mindestens 30 Minuten ziehen lassen. Die Ingwer-/Sesamöl-Variante passt besser zur Purple Haze.

Auf dem Foto ebenfalls zu sehen ist die Gurkenblüte. Eine Idee für Schmorgurken-Pasta folgt bald. Ebenso wie diese von Bloggerfreundin Afra Evenaar ironisch als „Beängstigend kreativ!“ bezeichnete Zubereitung: Rösti von gelben Möhren, safranisiertes Pflaumenkompott, gedämpfte Blutwurst. Es bleibt spannend.


15 Kommentare on “Psychedelika und Soetelsche Muhre”

  1. Afra Evenaar sagt:

    Wunderschöne Ernte! Fast einer jeden Möhre täte es gut, weniger süß zu sein. Finde ich.
    Aber dass die grünen Köpfe nur der Süchtelner Möhre wachsen, glaube ich nicht. Das können die anderen auch, sie müssen ihren Kopf nur in die Sonne halten.

  2. nata sagt:

    Süchteln, Süchteln…? Da ist also Süchteln! Bisher habe ich nie darüber nachgedacht, woher Irmgardis kam, bevor sie in den Kölner Dom fand. Vielleicht sprach sie auch so einen komischen Dialekt, wie Ihr da, am Niederrhein, und sagte Muure, statt Murre.

  3. missboulette sagt:

    Angesichts Deiner Ernte bekommt man schon fast selber Lust zu „ackern“. Schöne Möhren! Ich frage mich gerade bei dem Bild, ob jemand schon mal Möhrengrün verarbeitet hat. Die sehen nämlich auch verlockend aus.

  4. queenofsoup sagt:

    und die zwiebeln auch raspeln? echt? das ist ja dann gatsch, oder? und ich muss gestehen, mir erschließt sich der vorteil von nicht-süßen karotten nicht ganz. aber vielleicht bin ich auch einfach noch nicht so weit. der vorteil von selbst angebauten karotten liegt jedenfalls auf der hand: wundervoll!

  5. utecht sagt:

    @afra
    Aber dieser GelbGrünKontrast – Geradezu brasilianisch schön.

    @
    Ja, wir sind halt nicht so hart wie Ihr da in der Kölner Bucht!

    @missb
    Wäre eine Recherche und einen Versuch wert.

    @quos
    nicht so süß = weniger möhrigmuffig. Ich mag ja eigentlich keine Karotten…

  6. azestoru sagt:

    Den Erhalt der Süchtelner Möhre unterstütze ich natürlich! Für mein Wurzelzeug ist mir manches mal die gemeine Möhne schon zu süß gewesen. Für den Möhrenkuchen allerdings noch nie. 🙂

  7. Jutta sagt:

    Die Süchtelner Möhre passt ja wie die Faust aufs Auge zur Psychedelik und einem Leben mit einer Tendenz zu Nonkonformität. Schließlich gibt es dort nicht nur lekkere Muuhre, sonden auch eine Heil- und Pflegeanstalt für psychisch Kranke. „Isch bin riep för Soehtele.“ Kennst du den Spruch auch?

    Dieser Bogen, den du von Afghanistan über „Kraft durch Möhre“ (hier lache ich gerade Tränen über meinen eigenen Witz, oh je) zu Muuhrejubbel schlägst, ist so herrlich weit her geholt, ich liege unter’m Tisch.

  8. vilmoskörte sagt:

    Da hast du aber schön die Kurve gekriegt.

  9. chezmatze sagt:

    Ich muss unpassenderweise bei dem Begriff „Möhre“ immer an diesen Sketch mit Dieter Krebs oder Hape Kerkeling denken, ich weiß es nicht mehr genau. Als einer der drei Weisen aus dem Morgenland Gold brachte, der Zweite Weihrauch und der Dritte, nun ja, klar…

    Sind denn die Möhren am Niederrhein dieses Jahr auch so ungeheuer wachswütig? Ich habe wahre Trümmer ausgegraben, und übermorgen gibt es erstmal eine „Schwäbische Gelbe-Rüben-Suppe“. Mit Champagner verfeinert übrigens, die Schwaben sind ja nicht geizig.

  10. Thomas aus Süchteln sagt:

    Bin durch zufall hier gelandet und muss mich bedanken. Die Süchtelner Möhre lebt ja doch noch und nicht nur im Karneval. Ich habe Deinen Blog in unsere Facebook Gruppe erwähnt und auch verlinkt. Ich hoffe Du hast nichts dagegen. Lieben Gruß

    Thomas – aus Süchteln

  11. […] Doch ans Herz legen möchte ich Euch einen typischen Text aus meiner Feder: https://utecht.wordpress.com/2011/08/07/psychedelika-und-soetelsche-muhre/ Schwadronierend komme ich über Kulturgeschichtliches und Gartenbau zu einem meiner […]


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