Krefeld, Kansas

Es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich pro Woche drei bis vier Konzerte besucht und beschrieben, wurde monatlich mit Dutzenden neuer Alben bemustert. Jeder Abend, der nicht vor und hinter Bühnen verbracht wurde, war angefüllt mit lauter Beschallung in verrauchten Redaktionsräumen bei Kaffee und Bier. Rezensionen, Interviews, Nachrichten, Glossen flossen fließbandartig in die Tasten und stante pede in die weite Welt. Das war großartig. Rock’n’Roll. Und ganz schön armselig. Popkulturprekariat. Gästeliste + 2. Vom Leben der Künstler hatte ich keine Ahnung, wusste  nicht um Leiden und Liebe zum Sujet. Einmal Hören – und schon hatte ich eine Meinung. Die meist saß wie ein Handkantenschlag. Geld gab’s ja keins. Da hielten wir uns mit coolster Arroganz schadlos. Bessere Zeiten klingt gut.

Heute bestelle ich einen Acker. Und schreibe ein öffentliches Tagebuch. Das ist auch ein Stück weit Showgeschäft, zugegeben. Aber weder Form noch Funktion sind definiert. Das gefällt mir gut. Freie Improvisation über nichts. Dazu hin und wieder eine gute Flasche Wein und die Platten kaufe ich jetzt selber. Auch auf Konzerten zahle ich Eintritt. Wenn denn welcher verlangt wird. Gestern war dies nicht der Fall, im Blauen Engel zu Krefeld. Markus Maria Jansen ist musikalischer Motor dieser durch und durch proletarischen Stadt und hatte via Facebook zum Auftritt eines Duos aus Kansas geladen. Truckstop Honeymoon hieß die Kapelle und versprach irgendwas zwischen Folk und Punk, Country und DIY-Indie. Ich hatte keine Ahnung und war gespannt.

Der hier eingebundene Track „Johnny and June“ beschreibt deutlich besser, was gestern in dieser tollen Kneipe passierte, als ich es mit Worten könnte. Ähnlich wie Cash und Carter stand da ein Paar auf der Bühne, das Liebe verströmte. Freund Marcus, mit dem zusammen ich im Takt wippte, brachte noch vor dem ersten Ton seine Befürchtung auf den Punkt: „Hippie-Scheiß?“. Die Haare, der Geruch, die Klamotten. Das Geschrammel und Geknödel und Gequatsche. Straßenmusikanten. Profis mit Do-it-yourself-Attitüde. Songwunder mit durchdringendem Blick und leerem Hut zwecks Kollekte.  Ironiegenies ohne Zynismus. Liebenswertes fahrendes Volk.

Katie Euliss und Mike West feierten einen Truckstop Honeymoon

Katie Euliss und Mike West feierten einen Truckstop Honeymoon

Outlaws. Storyteller. Die vom Grab unterm Magnolienbaum erzählten, in dem sie einst enden werden. Über die Junkie-Mutter scherzten und Diamanten im Asphalt funkeln ließen. 15 Fuß hohes Wasser in New Orleans bewirkte, dass die beiden auf Tour die Häuserzeile, in der sie bis dahin wohnten, auf der Titelseite der New York Times wiederfanden. Seitdem Kansas. Fundamentalismus und Nationalismus und doch ein freies Leben.
Jede Zeile, jeder Takt mehr schuf Nähe. Machte Wildfremde zu Freunden. Für einen Abend, der in Erinnerung bleibt und endete mit vielen kleinen Scheinen im Hut und dem Dank an den Organisator. Der mit seiner eigenen kleinen Band M. walking on the water das nächste Mal am 24. Juli bei Bochum total spielen wird, wie er mir beim Herausgehen sagte.


One Comment on “Krefeld, Kansas”

  1. walterlenz sagt:

    Schön, die Musik. Aber auch der Artikel.


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