Das sind Geschichten

Das sind Geschichten
in Büchern gelesen
Geschichten aus dem täglichen Leben
Geschichten die mir niemand glaubt
Das sind Geschichten
und sie sind geklaut

Ausgerechnet in der Abfahrt. Godverdomme! Nur unter Aufbietung kaum mehr gekannter Artistik vermochte er im Sattel zu bleiben. Auszurollen, schlingernd. Die Rache der Fahrradhändler, die er seit Jahren nicht mehr frequentierte. Sollten die doch ihren überteuerten Lifestyleunsinn behalten. Das Ergebnis nun: Plattfuß. Absteigen. Schieben. Fluchen.
Landleben fordert eines stets: Die gute Planung. Vor allen Dingen was die Gaderobe betrifft, an Abenden, wenn Ausgehen auf der Agenda steht. Völlig overdressed war schon sein rollendes Erscheinungsbild. Doch das Ziel, die traditionelle Letsch des Kollegen D., der übrigens so irre war, jegliches Detail seiner anstehenden Ehe-Schließung im eigens dafür aufgesetzten Blog einer nicht zu unterschätzenden Provinzöffentlichkeit zu offenbaren, rechtfertigte dies. Gefreut hatte er sich auf einen rheinischen Ritus, eine Initiation, eine Wehmutsabwehr, ein emotional reinigendes Gewitter, ein wildes Fest. Daher kein Auto, den Körper sportlich auf die Party bringen, Verfettungsvorbeugung. Nun hatte er die italienischen Treter an den Füßen und sein Lieblingsseidenhemd am Leib und litt mit jedem Schritt. Kurz hinter einem Ort, der tatsächlich Dornbusch hieß.
Radfahren, schnell radfahren, richtig schnell radfahren ist immer auch Gedankenflucht. Da stand er hier im niederrheinischen Nirvana und konnte sich kaum auf den Beinen halten beim Aufprall des wuchtigen Nichts. Es dämmerte, zurück bedeutete viele Kilometer Qual, der einzige Höhenzug seiner heimatlichen Tiefebene lag ja gerade hinter ihm. Sein eigentliches Ziel jedoch war per Pedes kaum erreichbar. Bei Ankunft lägen Leichen schon im Gras und der Rest vom Fest im heimischen Bett. In gedanklicher und athletischer Schlagdistanz jedoch, das blitzte ihm durch’s alternde, bald 40jährige Hirn, war doch der Sehnsuchtsort einer randglücklichen Landjugend. Gab es doch in einer jeden Provinz Kneipen in Dörfern, die Schüler anzogen meilenweit, weil dorthinzugehen Distanz zu legen bedeutete zwischen sich und das Elternhaus, das finstre. Kickern, Kiffen, Konfligieren. Auf’s Maul gab’s oft, Livemusik auch. Und 50 Biersorten aus aller Herren Länder. Tresentanzen, Gesangsimulieren, Fraternisieren. Später, in der Stadt, hieß solcherlei dann Clubbing und war doch niemlas mehr so sinnlich wie zur erfolgreich verschwendeten Jugendzeit.
Conny war also erreichbar. Und hatte er nicht am Morgen, beim Frühstück im Hause seiner Mutter, im lokalen Presseorgan mit Faschismuslatenz irgendwas gelesen von einem Gig einer Kapelle aus einer anderen Zeit? Janie in Boisheim? Mit dem Sektchef? Vor dem dritten Kaffee des Tages nahm er kaum etwas für bare Münze und das Zurückgeworfensein auf Erziehungserfolge entsprechend Berechtigter, die nie kapierten,  beanspruchte seine intellektuelle Überlebensfähigkeit zudem. Aber auf einen Versuch kam es nun an. Damit einem Abend, der sich entwickelte wie ein veritabler Griff ins Klo, das Grauen genommen würde, zum Blauen vom Himmel würde es ohnehin nicht mehr reichen.
Weiter mit der Zitaterevue: Conny war tot, kein Freispiel drin. Dafür war der Laden inzwischen von LOHAS-Jüngern und Öko-Unternehmern luxussaniert worden, um dem Klischee vom alternativen Dorfgasthaus zu entsprechen. Er setzte sich unter die Linde im Garten, trank vom dunklen Bier, inspizierte das bäuerliche Mauerwerk und das riesige Loch im kieseligen Boden. Bierkeller und Außenklo, Bratkartoffelgeruch und Männer mit Bäuchen, über denen sich Trikots von Borussia Mönchengladbach spannten. Daneben eine Gruppe von Auffälligen. Das typische Käppi, die schwarze Lederjacke auf weißer Kluft, dunkle Anzüge. Ein Schwarm Lippenleserinnen. Die Familie war tatsächlich angereist, agierte kordial hermetisch, war Avantgarde vor über 25 Jahren und immer noch verdammt gut. Doch hier? Weißgefleckter Landstrich zwischen der Hauptstadt der Bewegung und holländischer Verheißung, Ursuppenkessel des Gedankens wegwohin. Der Mecki Türk entstammte dem Nachbardorf, fiel ihm ein, langsam machte dieser wiedergeborene Surrealismus Sinn.
Janie bei Conny

Janie bei Conny

Es fogten zwei kriminell kurze Sets im Schankraum, den allenfalls vier Hand voll Leute füllten. Das Publikum trank Fanta, die Band Bier. Zumindest Janie, der singt, als wär er immer noch Anfang 20 und der beste Popmusikant der Welt. 1980 war er es und es gibt Menschen, die bezeichnen Monarchie und Alltag als das Fundament, auf dem sich Musiker hierzulande entwickeln konnten. Er hielt die Scheibe damals schon für den Gipfel. Aber live war die Familie immer besser. Mit ihrer Lust an der Vehemenz, dem Bekenntnis zur Könnerschaft. Punk war tot, bevor er jemals atmen konnte. In Düsseldorf oder anderswo war Tanzen jetzt wichtiger. Auf Rock’n’Roll und Ska und Funk und Soul. Dazu peitschte Janie als Fleisch gewordene Herablassung allen Zaudernden seine affirmative Poser-Poesie um die Ohren.
Der Mann konnte singen. Immer noch. Und die Band war auf den Punkt. Druckvoll. Powerpop 2.0. Arbeiteten als Profis mit Spaß an der Freude.
Neben ihm saß irgendwann Jochen und sagte ‚Wohlsein‘. Er glaubte inzwischen alles an diesem Abend schwärender Wunder. Jochen war immer zwei Jahre älter gewesen – nun sah er aus wie der eigene Opa. Seit kurz vorm Abitur hatten sie sich nicht mehr gesehen. Beide machten ja irgendwas mit Medien, keine Zeit, alles klar. Früher war Jochen der Kutscher. Sein klappriger gelber Lada brachte sie an alle verruchten Orte im Zollgrenzbezirk. Und immer dann, wenn sie mit neuen Tracks im Ohr und bierseelige Welteroberung im Sinn aus Connys Tür traten, waren die Jungs von der Trachtentruppe schon da mit ihren schalen Witzen vom Blasen. Jetzt aber: Zeitmaschine.
Und dann haute der Sektchef noch einmal in die Seiten, Mecki blies ins Horn und Peter, den alle nur Janie nennen, weil er es so wollte, hat geweint, bei jedem zweiten Satz, weil er extra aus Wien angereist war und jetzt so wenige Leute und er, scheiße,  schon Mitte 50 und irgendwovon muss man ja auch leben seit die tolle Geschichte mit dem Brotjob den Jordan hinunter und überhaupt: Warum waren da heute keine Groupies mehr? Nur die grüne Landtagsabgeordnete. Und Jochen, der das kaputte Rad in seinen Familienvan warf, kurz zurückblickte und losfuhr in den rheinischen Grauschleier. Aus der Kühlbox unter der Handbremse zog er zwei Grolsch, die er ihm zum Öffnen gab und sagte: Wohlsein.

Fotos, Musik und Anmerkungen
Family 5 sind seit 1981 eine weltberühmte Düsseldorfer Band, die Punk mit Hilfe von Soul und Funk zu Grabe trug.
Peter (Janie) Hein singt. Er tat das vorher und nachher und immer mal wieder auch bei Fehlfarben.
Xao Seffcheque spielt Gitarre. Und schreibt Filme. Und komponiert.
Markus (Mecki) Türk ist ein großartiger Trompeter.
Connys Come In war mal ein verrufener Laden in Boisheim am Niederrhein.
Jochen heißt eigentlich anders.
Er bin ich.
Family 5: U.a. Xao Seffcheque, Peter hein, Markus Türk (v.r.n.l.)

Family 5: U.a. Xao Seffcheque, Peter hein, Markus Türk (v.r.n.l.)


One Comment on “Das sind Geschichten”

  1. edekaner sagt:

    Fehlfarben…..GROSSARTIG


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