Matzen, Bochum

Matzen ist nicht nur ein Ortsteil der Eifel-Metropole Bitburg, sondern auch die eingedeutschte Bezeichnung (jiddisch: mátzes) der traditionellen ungesäuerten Brote, die gläubige Juden gemeinhin an Pessach (2011: 19.-26. April) essen, in Erinnerung des Auszugs von „Gottes Volk“ aus Ägypten. Lang ist’s her – und doch ist die Befreiung von Sklaverei in der Levante aktuell wie zu Zeiten Ramses II.

Seit Mitte letzen Jahres betreibt die jüdische Gemeinde in Bochum ein Restaurant gleichen Namens. Eher ein Bistro, mit entsprechend ungezwungenem Ambiente, offen, lebhaft und doch intim, ist es als Teil der Synagoge Treffpunkt der zumeist dem osteuropäischen Raum entstammenden Gemeindeglieder und – um es vorweg zu konstatieren – neuer kulinarischer Stern am Ruhrgebietshimmel. Aufmerksam geworden durch den Bericht eines dortigen Bloggers war der Ausflug in die Stadt mit der etwas anderen Königsallee („wo das Herz noch schlägt“) Genuss, erfreuliche Rückbesinnung und Ärgernis zugleich.

Freundlicher Gruß mit Matzen, Hefebrötchen und Hommos

Freundlicher Gruß mit Matzen, Hefebrötchen und Hommos

Um mit dem Negativen zu beginnen: Der dekorative wie sinnfreie Einsatz von Grünzeug auf Tellern ist in meinen Augen meist eine lässliche Sünde. Doch warum Küchenchef Dimitri Markmann unter jede seiner grandiosen Mezze substanzlose Salatblätter packt, ist unverständlich, ja ärgerlich. Bei den vorzüglichen Auberginenröllchen – mit Frischkäse, saurem Gemüse und einer Fischmousse gefüllt – die zusammen mit einem in Quarkölteigkörbchen gefüllten, fein abgeschmeckten Auberginenragout serviert wurden,  geht dadurch einiges an Präzision verloren. Reduktion auf dem Teller hätte ich mir auch bei den mit mariniertem Gemüse gefüllten Blinzen, die mit delikat sauer eingelegten Champignons auf den Tisch kamen, gewünscht. Schließlich hätte der „Jiddische Vorschmack“ auch optisch durch ein „Weniger“ statt „Mehr“ in der Anrichtung gewonnen. Geschmacklich, kochtechnisch und texturell war das jedoch ein grandioser Auftakt, zu dem ich mir im Übrigen einen spannenden halbtrockenen israelischen Riesling als Begleitung wählte. Das lokale Fiege-Pils passt aber auch perfekt.

Was ich im Matzen aß

Was ich im Matzen aß

Die Hauptspeisen konnten das Niveau nicht ganz halten. Dennoch war alles gut, was uns die nette Nachwuchsbedienung servierte. Der „Gefillte Fisch wie bei jiddischer Mama“ wurde von zu kühlen Bratkartoffeln und lauwarmen, säuerlichen Gemüsen begleitet und war eine 1a Fischfrikadelle. Von zarter Konsistenz und schlüssiger Aromatik waren es gebratene Teile (mit einem Rest Fischhaut unterlegt) – ich bevorzuge die klassisch pochierte Variante. Hinter dem Namen „Jarkoye“ vergarg sich ein kräftiges Rindsragout im Pflaumensugo, eine Art jiddisch Gulasch. Hierzu hätte ein Pilaw gut gepasst, doch auch die Standardbeilagen Kartoffeln und Sauergemüse störten nicht. Als letztes Erwähnung finden soll der Tscholent, ein Shabbattopf aus Gemüse, Rindfleisch und Graupen, der ob seiner deftigen Wucht nicht in eine Menufolge passte, aber durchaus winterlichen  Charme versprühte.

Aufgrund der späten Stunde (und auch dem limitierten Angebot geschuldet) verzichteten wir auf’s Dessert. Gut genährt, wohl gelaunt und in der Gewissheit, diesen besonderen, direkt neben dem Planetarium gelegenen, Ort nicht das letzte Mal besucht zu haben, machten wir uns auf den Heimweg. Da ich chauffiert wurde, hatte ich die Muße, Geoff Berners Lied vom glücklichen, Gott verdammten Juden  anzustimmen.

 


5 Kommentare on “Matzen, Bochum”

  1. missboulette sagt:

    Der arme Kerl – wenn ich mir die Tomatenviertel als Blüte arrangiert ansehe, hat er sich schon was dabei gedacht, ist in sich schlüssig. Nicht jeder kann was mit Bauhausstil anfangen.
    Aber das Essen an sich sieht wirklich toll aus!

  2. utecht sagt:

    Es war: Absolut lecker! (Liest sich vielleicht etwas zu kritisch, mein Text.)

  3. Als alte Bochumerin kann ich Deinen Bericht bestätigen. Insgesamt lecker, manchmal ein bisschen viel auf dem Teller, so mein Eindruck.
    Aber ich gehe wieder hin.

  4. Karin Adrian Hannah sagt:

    Da wir als Bochumer deine Begleiter waren, kann ich nur sagen, es ist schön so ein Restaurant/Bistro in unserer Stadt zu haben. Es war ein neues Geschmackserlebnis und wir werden Matzen sicherlich wieder besuchen.

  5. Genießer sagt:

    Schön, dass es geschmeckt hat.


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