Ein Spielplatz in Wien, musikalisch virtuell, Schnell

Christiane Rösinger als die große alte Dame des deutschsprachigen Befindleichkeitspop zu beschreiben, ist weder despektierlich noch lakonisch gedroschene Phrase, sondern ein Eindruck. Die zugegebenermaßen leicht sepiafarbene Formulierung ist das Ergebnis langjähriger Ergebenheit, des Mitleidens, des steten Wiedererkennens. Bei allem Geschwurbel imponiert immer schon der Mut zur Mädchen-Mitsingmelodie. Wie mit Britta auf dem 2006er Album „Das schöne Leben“ (ein 2008 erschienenes Buch heißt ebenso):

Nun erscheint in diesen Tagen nach über 20 Jahren Gruppenmusik (Lassie Singers, Britta) mit „Songs of L. and Hate“ endlich ein Soloalbum. Alle, wirklich alle Indie-Boys-and-Girls des bundesrepublikanischen Popfeuilletons überschlagen sich. Wigger, Volkmann, Eismann, Küppers. In Ermangelung eines Vorab-Rezensionsexemplars betrieb ich eine Online-Recherche und fand an Sound – so gut wie nichts. Eine stümperhaft gebaute, reine Text-Website. Doch keine Myspace-Promo-Maschine. Kein Youtube-Feuerwerk. Konsequentes Abblocken der Bloggosphäre. Find ich gut, Warten steigert die Vorfreude, ab Freitag das Werk dann beim Plattenhändler meines Vertrauens.

Was mich zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags führt: Im Rahmen der Suchmaschinenergebnis-Gewichtung stieß ich auf ein mir bis dahin völlig unbekanntes Projekt aus Wien. Videobewehrte Schrammelpop-Aficionados sammeln durchreisende Musikanten ein, verbringen sie an ein Alltagssetting, nötigen die Künstler, akustisch aufzuspielen und sich dabei abfilmen zu lassen. Veröffentlicht werden die bisweilen großartigen Werke hernach auf playgrrround.com und bilden dort als Gesamtheit ein Kaleidoskop untergründiger Kultur-Boheme.

„music is never authentic“ ist ein Leitmotiv dieses Projekts.

Übrigens: Als Gegengewicht zum Rösingerschen Berliner Kulturprekariatspessimismus hier nun die Schweden von Bored Man Overboard mit „The Optimist“ auf playgrrround.com.

Ein Singlemalt-Whisky böte sich dazu als Getränk an. Doch dazu bin ich noch zu jung, ein entsprechender Bart ziert mich momentan auch nicht. Also nicht ganz unvermutet meine Weinempfehlung des Tages:
Einen 2008 Guntersblumer Eiserne Hand Spätburgunder von einem der ältesten deutschen Bio-Weingüter, Weingut Geheimrat Dr. Schnell. Ich habe Johann Schnell dieser Tage in Rheinhessen besucht und befürchte, ein weiteres Lieblingsweingut für mich entdeckt zu haben.



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