Soul Coughing

Der Tag begann mit Musik vieler Menschen Lieblingsband aus den 90ern. Als New York noch zwei Tuerme hatte und Amerika zumindest noch ansatzweise ein land of the free war. Daher poste ich hier unbearbeitet einen Text, der erstmals 2003 auf poparten.de veroeffentlicht wurde.

Unwiderstehliche Glückseeligkeit
Soul Coughing 1993 – 2000

111 Sommer 1996, in einem Kleintransporter fahren sechs Mittzwanziger nach einem zweiwöchigen, mehr als erschöpfenden Aufenthalt an einem wunderbar italienischen See zurück gen Germanien. Es ist tiefschwarze Nacht, silouettenhaft gleiten Hügellandschaften vorbei, Weinberge zumeist. Begreift das Auge eine kahle Schneise, toben die Synapsen – was eine Verschwendung. Dann: Morgengrauen. Der aktuelle Fahrer ist müde, seine unsichere Fahrweise lässt auch den Mit-Fahrern keine Ruhe. Halbwach schiebt Juliette, die von allen männlichen Weggefährten ob ihrer exotischen Nase begehrt wird, eine Cassette ins Tapedeck. „It’s 5 AM and you are listening to Los Angeles“ sprechsingt da einer – mein Leben ist fortan nicht mehr dasselbe.

222 Drei Jahre später wieder ein Sommerabend, immer noch nicht angekommen zwar, aber immerhin eine Eintrittskarte gekauft. Die Situation atmet durchweg Seltsames, bei eingehenderem Nachdenken. Ich bezahle dafür, an einen Ort zu gelangen, den ich überhaupt nicht mag, um Menschen zu sehen, die ich persönlich nicht kenne und die wiederum eigentlich einem viel vielsprechenderem Ort entstammen. New York City war Ende des letzten Jahrtausends noch nicht Hype, die Live Music Hall dementsprechend schlecht gefüllt.

333 Annäherungen unter Popkulturaktivisten funktionieren häufig über die Frage nach der Lieblingsband. Hatte ich allerdings je eine? Heute, mit Anfang 30 ist allein die Menge an neuerscheinenden und meist schnell wieder entschwindenden Künstlern und Interpreten, die mir zu Ohren kommen, viel zu unüberschaubar, als dass Einzelne Monumente sein könnten. Ich hatte auch nie den Drang, in einem Euphorisierungsschub in einen Plattenladen zu laufen und mir alles verfügare Material der Formation X anzueignen, nur weil ich zu deren wirklich gutem Song Y Schweiß auf der Tanzfläche abgesondert oder mich gar assoziativem Nachdenken und -empfinden hingegeben hätte. Ich habe keine Lieblingsband – einzelne Alben hingegen gehören zur Grundausstattung meines Hormonhaushalts.

112 A man drives a plane into the chrysler-building. Ich kannte vor dieser Fahrt durch Italien keine Musik, die dergestalt treffend als Soundtrack zu meiner Vorstellung von urbanem Leben gemacht ist. Die einzige Bewegung in Popmusik, die einem durch und durch städtischen Lebensgefühl entsprang, war Punk. Doch dessen ernstzunehmende Variante wurde dann schnell Wave – und aktuell dann der Kindergarten Grunge. Alles andere war meiner Meinung nach Dancefloor – angefangen mit dem Northern-Soul der 60er bis zu kontemporärem House und Techno. Oder aber Illustration des Landlebens, dem ich ja so glücklich entronnen zu sein schien – eben Rock und alle seine Variationen. Doch: Meine Begeisterung kam einer Betäubung gleich. Ich fragte nicht, wer da so alltagspoetisch die City of Motors besang, wer mit Techniken des HipHop, der mir bis dahin vollkommen fremd geblieben war, sampelte und Sprechgesang doch nicht nach brennenden Mülltonnen aussehen ließ. Ich wusste, wieder in Köln angekommen, nicht, wie die Menschen hießen, die zwar so gar nicht das Abziehbild der coolen Hipster zu bedienen schienen, eher verdammt arty um die Ecke kamen, aber für mich eine Neudefinition des Wortes Groove, ein inhaltliches Aufladen des Begriffes anstießen.

223 Erwähntes Konzert brachte die Bestätigung dessen, was ich in der Zwischenzeit erhört, erlesen und erfahren hatte: Einige Monate nach der Rückkehr aus dem Süden war mir nämlich beim Stöbern eine CD aus dem Jahre 1994 mit dem Titel Ruby Vroom in die Hände gefallen, bei der mich zwei Dinge sehr sicher sein ließen, dass es das war, was ich nicht wirklich gesucht hatte. Sugar free Jazz las ich auf der Rückseite als Titel des zweiten Songs und lachte auf. Ja wirklich. Und dann der Bandname, schlaue Menschen sind mir stets die liebsten: Soul Coughing.
Das Konzert war enigmatisch, beseelt von einer selten existierenden Symbiose: Intuitive musikalische Intelligenz, die fundierte (Aus-)Bildung atmet, gepaart mit einem deep flow, einer fast zwanghaften Rhythmusarbeit. Dass das Gegenteil von Leichtigkeit derart beschwingt, ist vielleicht als Widerspruch das Merkmal, dass Soul Coughing zu dem machte, was die Vier waren: Die beste Band der 90er Jahre.

334 Mike Doughty war 1993 Türsteher bei New Yorks wichtigstem und bekanntesten Kulturzentrum, der Knitting Factory. Im Kopf war eine Idee gewachsen von Musik, die es so bisher nicht gegeben hatte, die seinen schreiberischen Entwürfen mehr als einen Hintergrund geben, die der Stadt, in der sie entstehen würde, gerecht werden sollte, anders als es HipHop, als es GaragenRock, als es Jazz je konnten. So entstand etwas eigenes, folgende Personen hatten eine jede ihren maßgeblichen Anteil daran: Das eindrücklichste Instrument ist der Kontrabass, der Mann, der ihm auf den drei Studioalben und auch live diesen Groove entlockte, heißt Sebastian Steinberg und hat für Soul Coughing mindestens drei der zehn besten Basslines der Popgeschichte komponiert. Kongenial unterstützt wurde die Rhythmusarbeit von Yuval Gabay, der einer Maschine gleich trommlerische Präzision bietet, dabei wahrlich innovative Wege beschreitet. Mark De Gli Antoni, der Mann an Tasten und Knöpfen, ein Sampling-Virtuose, benutzt selbige Technik nicht nur zur Elaboration des Beats oder als billigen Earcatcher, er schaffte ein nachdrückliches Paralleluniversum im Sound von Soul Coughing. Zusammengenommen wundert es auch nicht, dass zu den oben genannten musikalischen Stilrichtungen auf dem dritten Album El Oso Drum’n’Bass Anklänge deutlich hörbar sind.
Doughty allerdings war der Frontmann in einer fast klassischen Variante, mit Abstand der jüngste benötigt er einen anderen Antrieb als die Gelassenheit, den die Kollegen verströmen: Er ist natürlich Zyniker, auf der Bühne bisweilen arrogant, Singen eine Tätigkeit, die zu harmlos wäre. Mit seiner sonoren Stimme hatte er sich einer Abart des Rappens ergeben, ähnlich der Tatsache, dass er die Gitarre so gut wie nie als Melodie-Instrument verwendete.

444 Mit Mario Merz ist kürzlich einer der bekanntesten Aktivisten der in den 60ern gründenden italienischen Kunst-Bewegung Arte Povera gestorben. Die Besinnung auf natürliche Ressourcen, die Verwendung von vorgefundenen Materialen, der Wille zum Konzept und bei Merz die Kreation eines eigenständigen Kosmos sind im übertragenen Sinne auch Merkmale der Musik von Soul Coughing. Wie die Iglus des Italieners auf eine Art Ideal-Architektur verweisen, die Symbiose von Form und Inhalt um den Faktor Zeit vertiefen, so scheint mir heute, zehn Jahre nach Gründung der Band und drei Jahre nach ihrem Split, ihr Werk tatsächlich kontemporär. Der Titel des zweiten Albums Irresistible Bliss atmete 1996 zwar vor allem Ironie – unwiderstehliche Glückseeligkeit stellt sich aber im Rückblick ein. Ein Werk kann gewürdigt werden, ohne zu historisieren. Sie sind verglichen worden mit Can ob ihrer Herangehensweise an Musik, mit Beck wegen der Verweigerung, sich archivtechnisch in eine Schublade einordnen zu lassen, mit ihren Labelkollegen REM in deren frühen Jahren. Gäbe es Soul Coughing heute noch, in der Art wie sich die Jungs aus Athens gerieren, ich hätte immer noch keine Lieblingsband. So habe ich wenigstens eine gewesene.

Nachklang
Ende 2003 steht eine Reunion von SC glücklicherweise nicht zu befürchten. Allerdings hat sich auch keines der vier Bandmitglieder auf’s Altenteil zurückgezogen, ganz im Gegenteil: Mark Di Gli Antoni hatte 1999 mit Horse Tricks schon ein vielbeachtetes Electronica-Album heraugebracht, auf dem als Gastmusiker auch die drei Kollegen zu hören waren. Seither hat er sich verstärkt auf das Komponieren von Filmmusiken besonnen; eben dies hatte er studiert.
Gabal und Steinberg stellten mit UV Ray ein eigenes Drum’n’Bass-Projekt auf die Beine und verdingen sich nunmehr zumeist als Studio- und Tourmusiker.
Doughty schließlich ist natürlich der geborene Solokarrierist. Seit 2002 endlich liegt seine Verskunst auch in Buchform vor – Slanky ist eine wahre Schatztruhe der urban poetry. Skittish, Smofe + Smang: Live in Minneapolis, EvenHand und die ganz neue Rockity Roll-EP sind seine musikalischen Veröffentlichungen. Was er da macht ist nicht pures Singer-Songwritertum, er selbst nennt seine Musik „small rock“.

http://www.scug.net
http://www.mikedoughty.com/
http://myspace.com/horsetricks
(Dezember 2003)

März 2012: Mike hat ein Buch geschrieben und ein Livealbum veröffentlicht. Beides handelt vor allen Dingen von einem Thema: Seinem Hass auf die ehemaligen Bandmitglieder. Heroin spielt auch eine Rolle. Ein sehr guter Artikel dazu im PITCH.



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