Silvanersonntag und Etikettenevolution oder Das dicke Ende kommt zum Schluss

Udenheim ist ein perfekter Standort für das Basislager meiner Rheinhessenexpeditionen. Gelegen in einem Talkessel, der sich nach Osten zum Selztal hin öffnet und auf drei Seiten umgeben ist von pittoresken Weinbergen, deren bekannteste  Lage gen Norden der Udenheimer Sonnenberg ist. Noch nie gehört? Nicht weiter verwunderlich, kaum ein Winzer hat es aus diesem Weiler je zu Weltruhm gebracht, ist das Ziel ihrer Hände Arbeit doch größtenteils stromlinienförmiges Massenprodukt. Idyllisch ist es dennoch – und von Ingelheim über Jugenheim und Saulheim bis nach Nierstein und Guntersblum liegen viele wichtige Weindestinationen in Fahrradfahrdistanz.

Disteldorniger Udenheimer Sonnenberg

Disteldorniger Udenheimer Sonnenberg

Nach samstäglichen Rieslingeskapaden samt glücklich gestorbenem Federvieh war für den Tag des Herrn eine weitere Folge meiner niemals endenden Aktion “Auf der Suche nach dem perfekten Silvaner” geplant. Die Rheinhessen deklarieren die Sorte ja gerne mal als quasi-autochthon für sich, erstmals an- und ausgebaut wurde der wohl aus dem östlichen römischen Reich stammende Wein hierzulande vor mehr als 350 Jahren in Franken. Allerdings befindet sich zwischen Mainz, Bingen und Worms die größte Rebfläche, auf ca. 2500 Hektar wird die Silvanerrebe gepflegt. In der gesamten Republik hat der Silvaner übrigens einen Anteil von 5 % an der Gesamtrebfläche (Rebflächenstatistik 2010).

Am vorgeblich oberen Ende der Qualitätsskala fing ich an, nach einem Frühstück ohne Kaffee und dem Zähneputzen so gut wie ohne Pasta. Der VDP hatte geladen und alle Jaguarfahrer der Landeshauptstadt waren in die Rheingoldhalle gekommen. Obwohl ich extra früh losgeradelt war, hingen schon reichlich Parfum- und Aftershaveschwaden in der ansonsten alkoholigen Luft im Foyer mit Rheinblick. Obwohl kein Verkostungsprofi, wollte ich die Sache ernst nehmen und trank mich zügig und mit Elan spuckend durch die angebotenen circa zehn Silvaner, immer auf der Flucht vor dem Nobelpöbel. Einige Enttäuschungen waren dabei, vor allem die gefühlten Stars boten wenig Bestechendes. Jedoch gab es auch einen Sieger meines Privatwettbewerbs: Den 2010er Siefersheimer von Wagner-Stempel. Sortentypisch grasige, klare und frische Noten mit einer dichten Tiefe kombiniert wie bei keinem anderen Wein. Wohl waren die Trauben extrem lange, bis in den Oktober hinein, an den Reben. Trotz Stückfasseinsatz und reichlich Alkoholgehalt – eigentlich mag ich’s eher jung und leicht und knackig – eine überzeugende Kredenz (wie übrigens die gesamte Kollektion).

VDP-Verkostung in Mainz

VDP-Verkostung in Mainz

Was sonst noch bemerkenswert war unter den 2010ern aus Rheinhessen/Ahr/Nahe und den älteren Großen Gewächsen? Ich beschränkte mich darauf herauszufinden, welche Einstiegs-Rieslinge meinen Geschmack träfen – einfach gut in dieser Kategorie wieder einmal der Unplugged von Tesch. Zum Abschluss gönnte ich mir noch eine Runde Frühburgunder und blieb beim Weingut Kreuzberg von der Ahr hängen. Deren 2008er Hardtberg GG ist eine Wucht, Klassenbester mit großem Abstand.

Nach nachmittäglicher Erholungsphase stand für den Abend der lange schon geplante Besuch bei Wolfgang Janß auf der Rheinterasse in Guntersblum auf dem Kontrastrogramm. Bodenständige Weinbauernidylle mit Straußwirtschaft und Panoramablick. Da der Chef wie sehr oft auf einem norddeutschen Weinfest missionierte, setzte ich mich mit seinem Betriebsleiter Ulrich Damerow an den flaschenbefüllten Tisch. Den Geisenheimer hatte ich auf dem Vinocamp kennen und schätzen gelernt. Die Ergebnisse beider Arbeit waren nun im Glas – Silvaner von 2007 bis heute. Der aktuelle Jahrgang gefiel mir dabei deutlich am besten, der Frische wegen, der Prägnanz, des Rests an Säure. Und, ja, nicht zuletzt auch ob des re-designten Etiketts. Einfach gut.

Finale:  Des Adepten Geisenheimprojekt, Dornfeldersekt, rose und brut. Die dicke grüne Pulle wurde in einer fröhlich wachsenden Tischgemeinschaft schnell zur Neige gebracht. Perfekte Sommerabendunterhaltung. Ein Tropfen wie die abschließende Heimfahrt in den prallen Sonnenuntergang: Blendend!

Etikettenevolution


Pfälzer Wein, sozialer Sonnenschein und alte Hüte

Im Pop-Pleistozän, damals, zu Beginn der 80er, als die Wucht von Punk bereits verblasste und Stil wieder wichtig wurde, sang eine kanadische Combo “we can act like we come from out of this world – leave the real one far behind”. Safety Dance hieß der Song, der ein Welthit wurde und die Kapelle Men without hats. New Wave war eine Epoche, die besonders in Deutschland bisweilen dadaistische Blüten trieb.

30 Jahre später verstopft mir der Track als Ohrwurm die Synapsen, sitze ich doch an einem heißen Frühlingssonntag auf einem kahlen Weinberg in der Rheinpfalz und sehe einen jungen Kerl aufgeregt vor mir herumhüpfen. Er hantiert mit Würsten, Vinyl und Wein. Die reale Welt ist in Form einer Zusammenrottung von Facebookjüngern über ihn hineingebrochen. Er nennt sich Mann mit Hut und noch bin ich mir nicht sicher, was er wirklich ist. Provinzpapa, Winzerstar, Marketinggeschöpf. Was ich weiß: Lukas Krauß ist 23 und hat mir in der letzten Stunde schon drei verschiedene Weiße ins Glas gegossen. Einer besser als der andere!

Vor ein paar Monaten las ich im Netz über den Jungen aus Lambsheim, der gleich mit seinem ersten Jahrgang die Fachwelt überzeugte und das Publikum derart begeisterte, dass er alsbald auf dem Trockenen lag. So schnell verkaufte sich sein Suchtmittel – bis er jetzt Teile des neuen Jahrgangs präsentieren kann. Es wird nicht lange dauern, dann ist er wieder ausverkauft. Die Menge 2010er ist überschaubar – und das Ergebnis grandios. In diesem Segment habe ich mir in den letzten Monaten beispielsweise keinen besseren, knackigeren Silvaner durch die Kehle rinnen lassen. Und ich habe einige entkorkt, als Teil meiner rheinhessischen Feldforschung.

Weinhappening auf Pfälzer Höhen

Weinhappening auf Pfälzer Höhen

Dutzende Jung-Connaisseure schlürfen sich samt Sonnenbrand in Freudentaumel – sie alle haben sich in Lukas’ sozialen Netzen verfangen. Er hat online geladen und wir alle strömen den Hügel hinan. Leicht hippiesk ist diese Improvinophilie, inzwischen dröhnen Zappa, Marley und die Scherben vom Plattenteller, Kinder (davon zweimal Winzernachwuchs) wetteifern schreiend mit den kläffenden Hunden um die akustische Hoheit. Dazu passt perfekt ein Schoppenwein: “chapeau krauß” ist eine reichlich bunte, wahre Floraleskapade, lockerleichte und sonnenfrohe Weißweincuvée. Die Idealbesetzung für Säuremuffel und andere Blumkenkinder. (Obwohl die Analyse sogar einen Säuregehalt von 8,2 g/L ausweist, wie mir Lukas gerade mailt.)

Weinbauer in Aktion

Weinbauer in Aktion

Der zuvor gehegte, leise Verdacht, bei Herrn Krauß handele es sich schlicht um ein Consulting-Projekt oder die Kreatur einer Geisenheimer Bachelorarbeit im IWW-Rahmen, hat sich inzwischen genauso verflüchtigt wie die vom Lambsheimer Weinbauern angelegten Weinvorräte. Wir trinken zum Abschied “krauße schwarzer”, einen formidablen roten Verschnitt – und müssten eigentlich stilecht in die glutrote Abendsonne reiten, den Hut tief in’s Gesicht gezogen. Wir verlassen uns jedoch auf deutlich mehr Pferdestärken und einen durchschnittlich nüchternen Fahrer – nicht ohne den Kofferraum vollzuladen mit allerlei Preziosen und der Gewisskeit einer Wiederkehr.

Im Pop-Pleistozän, damals, zu Beginn der 80er, als die Wucht von Punk bereits verblasste und Stil wieder wichtig wurde, sang eine kanadische Combo “we can act like we come from out of this world – leave the real one far behind”. Safety Dance hieß der Song, der ein Welthit wurde und die Kapelle Men without hats. New wave wurde die Epoche genannt.

 

30 Jahre später verstopft mir der Track als Ohrwurm die Synapsen, sitze ich doch an einem heißen Frühlingssonntag auf einem kahlen Weinberg in der Rheinpfalz und sehe einen jungen Kerl aufgeregt vor mir herumhüpfen. Er hantiert mit Würsten, Vinyl und Wein. Die reale Welt ist in Form einer Zusammenrottung von Facebookjüngern über ihn hineingebrochen. Er nennt sich Mann mit Hut und noch bin ich mir nicht sicher, was er wirklich ist. Provinzpapa, Winzerstar, Marketinggeschöpf. Was ich weiß: Lukas Krauß ist 23 und hat mir in der letzten Stunde schon drei verschiedene Weiße ins Glas gegossen. Einer besser als der andere!

 

Vor ein paar Monaten las ich im Netz über den Jungen aus Lambsheim, der gleich mit seinem ersten Jahrgang die Fachwelt überzeugte und das Publikum derart begeisterte, dass er schnell auf dem trockenen lag. So schnell verkaufte sich sein Suchtmittel – bis er jetzt den neuen Jahrgang präsentieren konnte. Es wird nicht lange dauern, dann ist er wieder ausverkauft. Die Menge 2010er ist überschaubar – und das Ergebnis grandios. In diesem Segment habe ich mir in den letzten Monaten beispielsweise keinen besseren Silvaner in den Schlund geschüttet. Und ich habe einige entkorkt, als Teil meiner rheinhessischen Feldforschung.

 

Dutzende Jung-Connaisseure schlürfen sich samt Sonnenbrand in Freudentaumel – sie alle haben sich in Lukas’ sozialen Netzen verfangen. Er hat online geladen und wir alle strömten den Hügel hinan. Leicht hippiesk ist diese Improvinophilie, inzwischen dröhnen Zappa und Marley vom Plattenteller, Kinder wetteifern schreiend mit den kläffenden Hunden um die akustische Hoheit. Dazu passt perfekt ein Schoppenwein: chapeau krauß ist mit reichlich Restzucker eine wahre Floraleskapade, lockerleichte und sonnenfrohe Weißweincuvée. Die Idealbesetzung für Säuremuffel und andere Blumkenkinder.

 

Der zuvor gehegte Verdacht, bei Lukas Krauß handele es sich schlicht um ein Consulting-Projekt oder die Kreatur einer Geisenheimer Bachelorarbeit im IWW-Rahmen, hat sich inzwischen genauso verflüchtigt wie die vom Lambsheimer Weinbauern angelegten Weinvorräte. Wir trinken zum Abschied krauße schwarzer – und müssten eigentlich stilecht in die glutrote Abendsonne reiten. Wir verlassen uns jedoch auf deutlich mehr Pferdestärken und einen durchschnittlich nüchternen Fahrer – nicht ohne den Kofferraum vollzuladen mit allerlei Preziosen und der Gewisskeit einer Wiederkehr.


Spundekäs, Silvaner und eine halbe Ziege oder Kulinarisches Kabarett

Heute abend Silvanerverkostung, meine Aufgabe: Eine Kleinigkeit zum Knabbern, Geschmacksneutralisieren und Kalorienspeichern kreieren. Zur Traube war die gedankliche Rheinhessen-Verknüpfung nicht beschwerlich und die Idee  “Spundekäs mit Brezeln” ward geboren. Nur halt auf meine Art: Nicht aus langweiligem Quark und Frischkäse  von Schwarzbunten, sondern ebensolches von hiesigen Ziegen. Der Weg zu Konnen ist nicht weit – außer mit Milchprodukten fuhr ich mit einem halben Zicklein vom Hof. Doch davon in den nächsten Tagen mehr.

Bööscher Ziegenkäse

Bööscher Ziegenkäse

Spundekäs ist simpel: Zwei Teile Quark und einen Teil Frischkäse vermengen und mit etwas Meersalz ausdauernd cremig rühren. Dazu dann eine ordentliche Menge edelsüßes Paprikapulver von Szegedi und in feine Würfel geschnittene Schalotten, fertig.
Das säuerlich-kräftige Ziegenaroma gefällt mir ausgesprochen gut und wird den Wein gefällig begleiten.

Übrigens: Kulinarik und Kabarett passen nicht zusammen. Doch einige wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel:
Der Diplom-Puppenspieler Rainald Grebe aus Frechen/Rheinland spielt bisweilen Klavier auf Bühnen, erzählt dazu und fabriziert landläufig Kleinkunst genanntes. Ziel seines Spottes sind neben den Ureinwohnern “Mitteldeutschlands” in der Regel andere Mitleidende seiner (und meiner) Generation. Über unsere Eltern formuliert er treffend:
“Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen – tun die doch in den Müll!”

Dann gibt es da noch einen Dunkelhaarigen, der beiläufig zum Pianoforte schwadroniert. Er ist Siebenbürge aus Essen (sic!), besitzt einen Baseballschläger und heißt dazu noch Hagen. Rether.

Schließlich dieser Kanake aus Neuss, der so hübsch “Hitler” sagt. Serdar Somuncu ist Hassprediger aus Leidenschaft.

Ansonsten ist mir Kabarett zu spießig.


Tamaryn, banh xeo und grüner Silvaner

Der Soundtrack zum ersten Nachtfrost kommt idealerweise aus Kalifornien (All the leaves are brown, ya know?) , aus San Francisco sogar. Tamaryn nennt sich die eigentlich aus Neuseeland stammende Musikerin, deren aktuelles Album “The Waves” sphärisch tröpfelt wie dereinst die Klänge der legendären Mazzy Star um Hope Sandoval.

Mexican Summer heißt übrigens das Label, welches für die Veröffentlichung verantwortlich zeichnet. Kein Witz. Dessen Heimat wiederum ist Brooklyn.

Im rheinhessischen Hügelland wurde ich also überrascht von Raureif und unterkühlten Extremitäten. Dreierlei (rethorisch geschult an Luthers Predigtlehre) Erste-Hilfe-Maßnahmen wurden eingeleitet:

  • Eine ausgiebige Weinbergswanderung durch eine Lage, die als Udenheimer Sonnenberg bekannt ist, und die schon ziemlich kahlgeschlagen ist. Nur einzelne Rieslingtrauben für Spätlesen oder natürlich Eiswein hängen noch an den Rebstöcken.
  • Antizyklisches Konsumverhalten: Bei Mengel-Eppelmann eine Kiste so genannten Sommerweins gekauft, 2009er grünen Silvaner.
  • Subtropisch schlemmen in Ha Noi. Stand schon lange auf meiner Besuchsliste. Aß vergleichbar gute banh xeo nur in der alten Kaiserstadt Hue.

 

banh xeo in Hue (Foto: phew)

banh xeo in Hue (Foto: phew)

 

Beim Vietnamesen trinke ich reflexartig stets Yasmin-Tee. Ansonsten: Tee nur, wenn Unbill dräut. Jugendherberge. Schweinegrippe. Regulär regulieren ausschließlich Wasser, Kaffee, Wein den Flüssigkeitshaushalt.


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