Hasensprung

“Ihr Lieblingsgetränk? Riesling!” Wer solches in einem Interview sagt, ist ein guter Mann. Nicht nur, weil ich es genauso halte. Sondern gerade, weil Winzer selten zu glasklaren Aussagen zu bewegen sind. Schließlich meinen die meisten, um die Wirkung von Worten zu wissen. “Der kann ja nur Riesling” könnte der geneigte Trinker als Kunde denken und sich verweigern. Beschränktheit vermuten. Bullshit.

Jochen Dreissigacker macht großartige Weine. Seine Burgunder sind wuchtig und präzise. Der Silvaner ist gleichsam filigran wie grün. Doch er weiß nicht nur, was er mag. Der Mann bringt beim Riesling seine ganze Leidenschaft in die Flasche. Egal aus welcher Bechtheimer Lage die Trauben stammen, ob Geyersberg, Rosengarten oder wie aktuell dem Hasensprung: Da Deutsche ihre Weinführer lieben und nach Buchstaben trinken, sei hier ein wahrer Spruch aus dem Gault Millau als scharfes Schwert aus der Scheide gezogen: “Großkalibrige trockene Rieslinge mit saftiger Frucht-Säure-Textur”. Welch kulinarische Wortschmiede. Ich sollte fortan schweigen.

2009er Hasensprung

Ursprünglich, nachdem ich das Paket geöffnet und realisiert hatte, welch Preziose ich da in Händen halte – über die anscheinend schon alles gesagt und geschrieben ist – wollte ich einen hermeneutischen Zirkel schlagen und über Lewis Carroll zu Grace Slick kommen und mit dem Jefferson Airplane fliegen. Wer je den Film “Fear and loathing in Las Vegas” mit dieser brillianten Szene gesehen hat, ahnt wohl meinen Gedankensprung ins tiefe Loch des Drogenabusus. Weintrinker sind aber genauso Genießer wie Süchtige und wenn der Alkohol in solch vollendeter Form in den Körper gelangt, bleibt psychedelisches Schwärmen eher Effekt als Absturzlatenz. Außerdem gilt: Lieber eine Flasche brillianter Mineralik und runder Wucht als ein kalter Truthahn. Eindeutig ein Nachmittagswein übrigens, ich habe ihn in einem Zug ausgetrunken, alleine und glücklich.

Der Hasensprung ist eine nicht nur vom Namen her interessante Einzel-Lage in der Großlage Pilgerpfad. Die ganze Gegend ist großartiges Fahrradterrain, die ein oder andere Bergwertung habe ich dort schon erschwitzt. Rheinhessen im Ganzen ist mir persönliches Arkadien – umso mehr, als die liebe Freundin Astrid nun im Herzen des Hügellands wohnt. Sie hat mir diesen Wein geschickt, übrigens. Sie weiß halt, was ich mag. Danke!

Danke auch an den Organisator dieser festlichen Weinrallye. Thomas hat mit der das Ende seines Winzerblogs einleutenden Aktion wieder mal unter Beweis gestellt, dass er eine der prägendsten Figuren des Weinwebs ist. Eine der sympathischsten sowieso. Ich bin gespannt auf alles, was kommt.

Details zum Wein finden sich hier. Ich selber habe Beate E. Wimmer meinen Lieblingssylvaner geschickt. Der Laurenziberg ist übrigens das Alpe d’Huez Rheinhessens.


Kartoffelsuppe mit Würzer

Der Zufall führte einen sommerlichen Saufwein und eine robuste Resteverwertung auf meinem Esstisch zusammen. Dass es einen rundum passenden Begleiter der gemeinen Kartoffelsuppe gäbe – darüber hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Bis ein junger, rheinhessicher Würzer eines ebensolchen Winzers dieser Tage in meine Hände geriet und beides sich zusammenfügte, dass es eine rechte Freude war. Aber der Reihe nach.

Wolfgang Janss in Xanten

Wolfgang Janss in Xanten

Wolfgang Janss vom Rheinterassenhof in Guntersblum – das ich bisher nur seiner Keller wegen kannte und natürlich durch Besuche bei Johann Schnell – ging mir irgendwann in’s soziale Netz, er bloggt unter mysilvaner.net. Nach Facebook-Freundschaft und Nichterkennen beim Mann mit Hut bot sich am letzten Wochenende die Gelegenheit des realen Händeschüttelns. Er missionierte drei Tage im wenig weinaffinen, wunderschön-antiken Xanten – und ich schwang mich sonntags in den Sattel, überwand 50 Kilometer und kehrte mit Sonnenbrand und der ersten Flasche 2010er Würzer, die bisher unters Trinkervolk geriet, heim. Genauso barbarisch, wie unsere Gegend vor der Beglückung durch die Römer war, fühlte ich mich, denn aus dieser Rebsorte gewonnene Flüssigkeiten hatte ich überhaupt noch nicht im Glas.

Da in mir aber schon der Probeschluck am Stand – genauso übrigens wie der neue Silvaner –  Neugier weckte, legte ich die noch mit einem Blankoetikett versehene Bouteille kühl und wartete auf die passende Gelegenheit. Es spielte mir meine andere Feierabendbeschäftigung – die vogelwilde Gärtnerei samt Ackerexperiment – in die nunmehr rauen Hände. Ich hatte noch mehlige Biokartoffeln (Aula) vom letzten Jahr zum Keimen und Pflanzen im Keller (kein Mensch braucht explizite Pflanzkartoffeln), allerdings war in den letzten Wochen der tapfere Landmann mit mir durchgegangen und es war kein Platz mehr auf der Scholle. So dass die bisher kaum gesprossenen Erdäpfel eine gute Grundlage bildeten für eine sämige Suppe.

Dazu ein Teil Zwiebeln  kleinschneiden und im großen Topf mit Butter glasig dünsten. Fünf Teile gewürfelte Kartoffeln hinzu und mit Gemüsebrühe doppelt bedecken. Weichkochen. Im letzten Drittel der Garzeit würzen mit Meersalz (viel), schwarzem Pfeffer, wenig Majoran. Zwei Möhren in Scheiben schneiden und auch in Butter dünsten, mit einem Löffel Honig karamelisieren und wenig Wasser angießen. Einen Zweig Thymian dazu. In einem dritten Topf eine Tasse Milch erhitzen. Vor der Vereinigung dieser drei Komponenten die Kartoffeln nach Gusto stampfen. Dann alles verrühren und dicke Bockwürste (alternativ: Blutwursttaler) von Bauten einlegen und ohne Hitze ziehen lassen.

Kartoffelsuppe mit Wurst (Foto: phew)

Kartoffelsuppe mit Wurst (Foto: phew)

Düsseldorfer Senf gibt dem Ganzen Schmackes.  Der Wein auch. Das Klischee dazu wäre: Würziger Sommerwein mit Muskatnote. Übrigens die letzte Rebsorte jenseits des Klassiker-Kreises, die Wolfgang Janss noch an- und ausbaut. Er mag diese florale Wuchtbrumme, die entweder betört oder abstößt, und erträgt manch Spott von Kollegen stoisch. Ich fand auch schnell einen Zugang zu dem Tropfen. Malt er doch hübsche Blüten an das erdige Essen. Feine, leichte Speisen würden im Sturm von oberflächlicher Vehemenz umkommen. Doch ist der Würzer klar und rein dazu, fast ohne Nachhall, aber anschmiegsam an die Thymian- und Majoranaromen des Essens.


Tamaryn, banh xeo und grüner Silvaner

Der Soundtrack zum ersten Nachtfrost kommt idealerweise aus Kalifornien (All the leaves are brown, ya know?) , aus San Francisco sogar. Tamaryn nennt sich die eigentlich aus Neuseeland stammende Musikerin, deren aktuelles Album “The Waves” sphärisch tröpfelt wie dereinst die Klänge der legendären Mazzy Star um Hope Sandoval.

Mexican Summer heißt übrigens das Label, welches für die Veröffentlichung verantwortlich zeichnet. Kein Witz. Dessen Heimat wiederum ist Brooklyn.

Im rheinhessischen Hügelland wurde ich also überrascht von Raureif und unterkühlten Extremitäten. Dreierlei (rethorisch geschult an Luthers Predigtlehre) Erste-Hilfe-Maßnahmen wurden eingeleitet:

  • Eine ausgiebige Weinbergswanderung durch eine Lage, die als Udenheimer Sonnenberg bekannt ist, und die schon ziemlich kahlgeschlagen ist. Nur einzelne Rieslingtrauben für Spätlesen oder natürlich Eiswein hängen noch an den Rebstöcken.
  • Antizyklisches Konsumverhalten: Bei Mengel-Eppelmann eine Kiste so genannten Sommerweins gekauft, 2009er grünen Silvaner.
  • Subtropisch schlemmen in Ha Noi. Stand schon lange auf meiner Besuchsliste. Aß vergleichbar gute banh xeo nur in der alten Kaiserstadt Hue.

 

banh xeo in Hue (Foto: phew)

banh xeo in Hue (Foto: phew)

 

Beim Vietnamesen trinke ich reflexartig stets Yasmin-Tee. Ansonsten: Tee nur, wenn Unbill dräut. Jugendherberge. Schweinegrippe. Regulär regulieren ausschließlich Wasser, Kaffee, Wein den Flüssigkeitshaushalt.


Lieblings-Weingüter: Scheidgen, Wagner

Noch ist der Niederrhein kein Weinanbaugebiet. In naher Zukunft bestimmt, dem Klimawandel sei Dank. Doch bis es soweit ist, kann ich diesen Prozess nur beschleunigen, indem ich CO2 produziere – also ins Auto steige. Um die eigene Ironie ein wenig zu brechen, geht die Fahrt nicht ins Markgräflerland oder gar in französische oder italienische Provinzen mit Hügeln und Hängen und passenden Reben. Erst einmal müssen 130 km reichen, um zu Georg Scheidgen nach Hammerstein zu gelangen.

Ich scheue mich nicht, hier mit Superlativen zu operieren. Also: Eines meiner Lieblingsweingüter hat nicht nur einen gleichermaßen bodenständigen wie zuvorkommenden und hochkompetenten Winzer, was jeden Besuch dort wie ein Zusammentreffen mit einem Freund gestaltet, sondern ist sicherlich das beste nördliche Burgunderweingut. Womit nicht rote Tropfen gemeint sind, sondern die exquisiten Grau- und noch mehr die Weißburgunder. Wobei auch der 2009er Leutesdorfer Gartenlay, Riesling Hochgewächs, zu gefallen weiß. Knackig frisch, mit ausreichend Säure und nicht zu viel Alkohol, das passende Getränk für sonnige Nachmittage. Doch die Weißburgunder aus der Hammersteiner Hölle sind gewiss olfaktorische wie geschmackliche Eindruckschinder erster Güte. Seit Jahren schon kommt mir kein besser gelungener Wein dieser Preiskategorie ins Glas. Der “einfache” ist ab Hof für 4,80, die Edition Pinot für 7,10 EURO zu haben.

Ins Rheinhessische nun verschlug es mich am letzten Wochenende – was zwangsläufig einen Freitag-abendlichen Besuch im Weingut Wagner in Essenheim zur Folge hatte. Seit Jahren Lieblings-Straußwirtschaft im Dreieck Mainz-Bingen-Worms, fast schon ein Gesamtkunstwerk. Herrlicher Innenhof im Ortskern, mediterranes Flair, bei gutem Wetter stets rappelvoll, über hundert Menschen freuen sich hier am Leben. Kinder spielen lachend, leckere Kleinigkeiten wie die Wingertsknorze mit Spargel und der immergute Spundekääs laben, gute Gespräche mit den Brüdern Wagner oder dem alten Herrn. Alltagstaugliche Hochkultur scheint eine treffende Bezeichnung zu sein, literarisch, kulinarisch. Und natürlich der Wein.

Die Emilie ist Jahr für Jahr ein immerguter roter Alltagswein, der süffiger kaum sein kann. Eine Cuvée aus Spätburgunder, Merlot und Dornfelder,  zwar im Holzfass ausgebaut, dennoch leicht-fruchtig. Von den aktuellen Weinen probierten wir den 2009er Silvaner trocken, ein regionaler Klassiker, leicht und duftend nach weißem Obst. Und aus der Jean-Linie den grauen und den weißen Burgunder sowie den Riesling vom tertiären Mergel. Letzterer überraschte, da mir die Wagners bisher nicht als Rieslingspezialisten aufgefallen waren. Auch werden sie zukünftig nicht meine persönliche Moselpräferenz konterkarieren, doch ist dieser Riesling gut gelungen: Ausreichend mineralisch, mit nüchterner Wucht.
Der weiße Burgunder gefällt wie eh besser als der graue, da letzterer stets zu wuchtig-fruchtig ausgebaut wirkt. Das Filigrane, das der 2009er ”Jean” Weißer Burgunder trocken, Essenheimer Domherr, aufweist, bleibt beim grauen auf der Strecke.
Um in Bälde einen weiteren Besuch zu rechtfertigen, wurde die Spätburgunderprobe ausgespart.


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