Keine Plattenkritik, ‘ne neue Band und ein Wurstpaket

Seit Tagen höre ich mir die Seele wund und bekämpfe überkommene Instinkte. Vor Zeiten fristete ich einmal ein Dasein als Nebenberufs-Plattenkritiker, Popkultur-Junkie und missionarischer Journalist übelster Prägung. Ein getriebener Zeilenschinder, der beweisen wollte, dass das Klischee lügt: Über Musik schreiben sei genauso unmöglich wie über Architektur tanzen. Kritikasterei als Metakunst. Die Wohlfühloase Medienprekariat habe ich lange hinter mir gelassen, verwöhne mich lieber selbst mit angewandten Subjektivismus (u.a. in diesem Blog); der Rest ist Emotion. Und ungezügelte Gäule.

In diesen Tagen verspüre ich ihn jedoch ganz deutlich, den Rock’n’Roll-Phantomschmerz. Lieblingsband macht nach zehn Jahren des Schweigens ein neues Album. Erstes Durchhören: Erwartet Mediokres mit einer Ahnung von Entwicklungspotenzial. Ausloten, Situationshören: Badewanne, Auto, Arbeit, Sport. Beim Kochen, essen und Aufwachen. Ein großes Werk entsteht bei der Rezeption. Der Drang peinigt mich inzwischen, Gehörtes und Empfundenes zu destillieren, in Form zu gießen, die Blaupause einer Plattenkritik zu schaffen. Denn ich weiß alles über diese Band, seit 25 Jahren schon begleitet sie meinen Musikkonsum als Fixpunkt provinzieller Genialität und ursprünglicher Kraft. Die einzige Kapelle von Relevanz, die der Niederrhein je gebar. Nein, ich schreibe nichts über: M. walking on the water – Flowers for the departed.

M. walking on the water live im Schauspiel Dortmund 2010 (Foto: Zippo Zimmermann)

M. walking on the water live im Schauspiel Dortmund 2010 (Foto: Zippo Zimmermann / http://www.designladen.com)

Statt Altbewährtem hier nun der Hinweis auf eine Neuentdeckung: In Brooklyn wohnen und aus Australien stammen Our Mountain, deren Debutalbum in diesem Jahr erscheinen wird. Bis dahin gibt es auf der Bandwebsite mit Wooden hearts einen mystisch-wuchtigen Vorabsong (kostenloser Download), der große Erwartungen weckt.

Und dann war da noch dieses Wurstpaket, welches der Kurierdienst vor ein paar Tagen ins Haus brachte. Mit geräucherter Blutwurst, Aalmett, Ostseeschinken. Alles schmeckt gut bis formidabel – und zum Glück verhalf eine führende Suchmaschine. Seltsam viele Menschen landeten in den letzten Wochen in meinem kleinen Internettagebuch über die Kombination folgender Begriffe: “Wurst, Insel, mein Nachname”. Nach kurzer Recherche stieß ich also auf Sven Utecht, der auf Fehmarn, im schönen Ort Landkirchen, in der vierten Generation eine Fleischerei betreibt, eine eigene Highland-Cattle-Rinderherde besitzt und auch anderes Inselvieh verwurstet. Und verschickt. Vielen Dank dafür, es hat gut geschmeckt.

wurstpaket

Wurstpaket der Fleischerei Utecht

Auch immer genussvoll: Ein Besuch im Swinger Club.


Klopse, Deerhoof und Gift

Königsberger Klopse macht in unserer durchaus kochaffinen Großfamilie nur Mutter. Nach einem Rezept, dass ein Geheimnis birgt. Der Geschmack im Übrigen auch.

Klopse im Saucenbad (Fotos: phew)

Klopse im Saucenbad (Fotos: phew)

Dem Geheimnis auf die Spur kommen wir nicht bei der Lektüre der Zutatenliste. Weil eine solche schlicht nicht existiert. Auch die beobachtende Feldforschung führt zu keinen reproduzierbaren Ergebnissen. Was höchstwahrscheinlich daran liegt, dass der selbstbewusst großzügige Umgang mit Dingen wie Rinderhack und rohen Zwiebeln (entgegen Kalbsbrät und gedünsteten Schalotten in der gepimpten Hochküche), Mehlschwitze und Kondensmilch (oder “Kriegsmilch”, wie wir Nachgeborenen sagen), Zitrone und Zucker uns nicht ganz geheuer ist. Nur einmal erlitt die Kochahnin kulinarischen Schiffbruch: Hatte ich ihr doch aus Palermo gesalzene Kapern mitgebracht; um mir eine Freude zu machen, kamen diese statt der üblichen in Lake eingelegten in den Topf. Es fehlte Säure, es nahm den Atem das Salz. Ansonsten sind Königsberger Klopse mit Kapern und Kartoffeln ein Genuss, nicht nur für Freunde von Alliterationen.

Königsberger Klopse mit Kapern und Kartoffeln

Königsberger Klopse mit Kapern und Kartoffeln

Deerhoof sind Greg Saunier und Satomi Matzusaki und zwei Gitarren. Sollte ich eine Schublade für sie zimmern, schriebe ich “California Noise-Folk” drauf. Selbstredend würden sie jedoch umgehend heraushüpfen, erführen sie von meinem anmaßenden Vorgehen. Denn eigentlich ähnelt kein Song einem anderen. Strukturen und Soundschichten werden beständig neu angeordnet, das Schräge wird zum Wohlklang und umgekehrt. Doch wie die Klopse handelt es sich eindeutig um Winterwettergenuss. Beides gehört zum besten meines persönlichen Kulturschatzes.

Ein neues Album erscheint am 25.01.2011. Es heißt Deerhoof vs. Evil – vorab offeriert die Plattenfirma den Track The merry barracks gratis zum Download.

Junges Gift versprühen andere, hiesige Musikanten. The good old boys are back – M. walking on the water veröffentlichen ebenfalls im Januar das erste Mal seit 15 Jahren wieder ein Album. Es wird “Flowers for the departed” heißen – und auch hier drehen Label und Band am Promotion-Rad und vorabveröffentlichen daraus den Song Twist your head. Auf einem Seegler in Flensburg, also im Arbeitsumfeld von Sänger und Akkordeonspieler Mike Pelzer, übten die Krefelder das neue Material ein – und streuen als Abfallprodukt dieser Sessions eine akustische Neuaufnahme des Klassiker Poison unters Netzvolk.


Swinger Club

Eine weitere Folge der Reihe “Warum ich blogge oder support your local scene” widmet sich heute aus gegebenem Anlass dem Swinger Club. Und einem Schlagzeuger, der nicht nur seines Namens wegen in meiner ganz privaten Rhythmusgruppenbestenliste ziemlich weit oben rangiert: Martell Beigang. Aus Köln.

Die drei Herren sind hier als das unterwegs, was von Kollegen meist despektierlich als “Mucker” bezeichnet wird. Also nicht Künstler, sondern Interpreten anderer Schöpfer Werke. Mit Pornoorgel, Kontrabass und Percussionsinstrumentarium wird alles verwurstet, was Entspannung verspricht jenseits des Broterwerbs als Mietmusikant. Martell: “Um von Musik zu leben, mußte oder besser, durfte ich, ganz unterschiedliche Musik mit vielen verschiedenen Musikern machen.” Carmina Burana und weitere Welthits als Jazz, schlimme Musik in rosa Bonbon-Verpackung, musicians music.

Warum ich das mag? Vor vielen Jahren moderierte ich eine Web-TV-Sendung für triggerfish.de und traf die Drei live in der Kühlkammer und habe mich dabei köstlich amüsiert. Martell kannte ich als Fan von M. walking on the water seit Anfang der 90er – er gehört der Band seit dem Album “Wood” an, eine neue Veröffentlichung wird gerade vorbereitet. Da er auch für Formationen wie Rainbirds, Lassie Singers, Eisen trommelte und mit dem Popshoppers-Projekt und einer als “Citronic” getarnten Francoise Cactus (Stereo Total) einen veritablen Clubhit hatte, stolperte ich als Popkultur-Aktivist immer wieder über ihn. Gerne gelesen habe ich auch unverarschbar.

Aktuell: Heute Abend spielen Swinger Club bei der Premiere von Paul Wallfischs musikalischem Salon “Small Beast” im Schauspiel Dortmund.  Mit dabei: Little Annie und Baby Dee.
Und als Service sei hier noch der YouTube-Channel von Martell Beigang verlinkt.

Das Getränk dazu: Ein Marsala Superiore von Carlo Pellegrino, eisgekühlt natürlich.


Obergäriger Kulturgenuss, Bohème auf der Baustelle

Im landläufig als Pilstrinkerstadt bekannten Dortmund gab’s gestern obergäriges Hövels als Blitzbier in der Hausbrauerei auf dem Hohen Wall, bevor es wenige Meter weiter ins städtische Schauspiel ging. Dort galt es, den neuen musikalischen Leiter zu begrüßen, den netten Herrn Wallfisch, der zum Einstand seine kleine Band Botanica aus Brooklyn mitgebracht hatte. Wer Paul kennt, wusste bereits vor diesem Abend, dass es hier zu einer verheißungsvollen Liaison gekommen war. Der ganze Mann ist schließlich Theater. Hinter seiner kleinen Wurlitzer zog er also die irisierenden Fäden und hatte anderthalb Stunden lang die Menschen in seiner Hand.

Dann also die Krefelder Legenden, M. walking on the water. Auch Theatermusiker, auf ihre Art. Eher Straßentheater. Die Party auf dem Friedhof war auch im bestuhlten Schauspiel unabwendbar. Von außen Baustelle (Haus und Band), innerer Glanz. Und ein Versprechen: Anfang 2011 ein neues Album mit Namen “Flowers for the departed”, das erste seit dann 13 Jahren (Folkig bis countriesk sind die zu erwartenden Klänge.) und ab März eine Tour. Die bestimmt auch wieder nach Dortmund führt, jedoch dann wohl nicht ins Theater.


Musik-Theater mit Mini-Rosamunde

Es gibt nichts schlimmeres als Musical – die Fortsetzung von Operette mit noch fieseren Mitteln. Doch Musik im Theater muss nicht automatisch Folter sein. Dies will das Schauspiel Dortmund am 26. September beweisen (und wird es auch) – wenn es nämlich seinen neuen musikalischen Leiter auf die Bühne stellt. Der Paul darf seine Band aus Manhattan mitbringen und sich seine Freunde Mike und Markus-Maria aus Krefeld einladen. Um an einem Abend dieses ganze seltsame Kulturhauptstadt-Ding in den Schatten zu stellen, avangardistisch an die Wand zu spielen. Meine Damen und Herren, es treten auf Paul Wallfisch und Botanica sowie M. walking on the water.

Botanica, die Band

Botanica, die Band

Botanica vs. the truth fish war meine Lieblingsplatte im Jahr 2005. Auch live funktioniert die Band als energiegeladener Zwitter zwischen osteuropäischer Hochzeitskapelle und rotweinabhängigen Neopunks. Immerhin dies haben sie mit den Herren vom Niederrhein gemeinsam: M. walking feierten im letzen Jahr ein vielbeachtetes Live-Comeback und haben für den Herbst gar ein neues Album angedroht. Short-Distance-Psycho-Folk revisited, um es mal kryptisch auszudrücken. Zu einer Feier auf dem Friedhof wird es allemal reichen. Oder einer heiligen Nacht mit Rosemarie.

Dazu mache ich eine Flasche von Anthony Robert Hammond aus Oestrich-Winkel im Rheingau auf, eine 2009er Mini-Rosamunde. Rock’n’Roll-Wein, Spätburgunder-Rose, etwas plüschig im Geschmack, optisch einzigartig.

Mini-Rosamunde von Hammond

Mini-Rosamunde von Hammond


Wie oft musst Du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?

2007 war kein gutes Jahr. Darin übrigens 2009 ganz ähnlich. Tatsächlich zuviel Wand, ganz selten Himmel. Eine musikalische Überraschung jedoch, etwas gänzlich unerwartetes Großes widerfuhr mir und allen, die in den 80/90ern ihr Herz an deutschsprachige Indie-Musik verloren hatten. Die Flowerpornoes waren wieder da, nach über 10 Jahren Funkstille, mit einem großartigen Album, das ums erwähnte Laufen und Auftun sich drehte. Rock’n’Roll für vegane Ex-Hippies mit ausgeprägtem Vaterkomplex. Oder eben Typen wie mich, die sich nie entscheiden können zwischen Brahms und Blumfeld, Mahler oder m.walking on the water. Übrigens: Alle hier erwähnten haben großartige Kinderlieder im Œuvre.

Und ganz besonders Tom Liwa aus Duisburg, Ruhrgebiet und Niederrhein. Der liebenswürdigste Kauz des hiesigen Popbusiness. Auch ohne die Flowerpornoes im besten Wortsinne ein großer Lieder-Macher. Wie ich überhaupt darauf komme, wirre Gedanken zu seltsamen musikalischen Topoi abzusondern? Bin mal wieder auf Toms Internet-Präsenz gelandet und habe erfreut festgestellt, dass er weiterhin die gute antikapitalistische Tradition des hintergedankenlosen Verschenkens aufrecht erhält. Drei Songs – darunter eben auch eine Kinderliedadaption – sind’s momentan. Anhören! Und wenn er mal in Eurer Nähe auftritt: Hingehen!

Übrigens: Als vor ein paar Jahren für manche musikschaffende Nachgewachsene aus New York (wie CocoRosie oder Animal Collective) die Schublade “Freakfolk” erfunden wurde, dachte ich sofort, was wohl der Tom darüber denkt. Muss ich ihn mal fragen.

Und: Wenn ich mit Tom Liwa eine Farbe verbinde, dann gelb. Was mich wiederum zu einem Gang auf den Markt animiert (Okay, ich wäre sowieso gegangen.). Nachschauen, ob es endlich die ersten gelben Bohnen (Wachsbohnen) gibt. Jedes Jahr um diese Zeit die gleiche Vorfreude auf eine gleichermaßen einfache wie delikate Sache: Mit wenig gesalzenem Wasser dampfgaren. Dann in Butter und einigen Spitzen Bergbohnenkraut aus dem Garten schwenken. Mit einer neuen Kartoffel zusammen der perfekte mittägliche Imbiss.


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