Altstadtstern: maiBeck, Köln

Niemand, der auch nur über einen Funken kulinarischer Intelligenz verfügt, käme auf die Idee, in der touristischen Vorhölle zwischen Dom und Heumarkt – in typisch kölsch-euphemistischer Art “Altstadt” geheißen – ein Etablissement zwecks ambitionierter Essensaufnahme aufzusuchen. Ganz besonders die Rheinfront ist genusstechnisch eine veritable No-Go-Area. Gewesen. Denn seit Oktober ist hier alles anders: Jan Maier und Tobias Becker haben nicht nur ihre Namen  zusammengschmissen und ihren Laden maiBeck genannt, sie lassen auch aus jahrelangen Erfahrungen und weitverzweigten Inspirationsquellen (aus und in allerlei Tempeln der etablierten Hochküche und mit Gastrotrends) ein gemeinsames Neues entstehen. Dass sie das Ganze überschreiben mit “Restaurant-Konzept, welches in der Tradition der jungen europäischen Bistronomic-Kultur stehend ambitionierte Kreativküche in entspannter großstädtischer Atmosphäre zelebriert”, sollte den geneigten Genusssüchtigen eher neugierig machen denn abschrecken. Denn hinter der vorgeblichen Worthülse steckt Substanz.

Confit von der Eifeler Kaninchenkeule

Confit von der Eifeler Kaninchenkeule / Feige / Linsen / Castelfranco

Zugegeben komme ich gerade leicht euphorisiert vom Mittagessen zurück und schreibe diesen Text noch im Zustand wohliger Zufriedenheit – mir fehlt gerade jeglicher kritischer Filter. Doch warum etwas semiprofessionell aufpumpen, dass doch einfach nur ein kurzes Loblied sein soll auf eine ambitionierte, handwerklich perfekte, feine und doch durch und durch zugängliche frische Produkteküche? Der Güte jeglicher Zutat durch Finesse und mit Weitblick lichten Glanz zu verleihen ist der Ansatz im maiBeck. Und Stimmen aus dem Freundeskreis der Internetesser bestätigen, dass dies den beiden Köchen zuverlässig gelingt – nicht nur heute, als ich Dank Torsten dort sein durfte und den Tag eindeutig beschwingter und mit einem größeren Glücksgefühl zu Ende bringe, als er begann.

Wolfsbarsch

Geangelter Wolfsbarsch aus der Bretagne / Spitzkraut mit grobem Senf / Sellerie & Fenchelsaat

Jetzt noch auf der Zunge liegt mir übrigens das herrliche Selleriepürree, das mit einer aromatisierten Butter eine große Wucht entwickelte. Doch eigentlich war alles auf den Punkt, selbst die Nudeln “Rumfort”, die es außerhalb der Karte vorneweg gab. Fazit: Hingehen, alle!

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Köln mal 111

Orte für naheliegende und abseitige Gaumenfreuden in der heiligen Stadt präsentieren Bloggerfreund Torsten Goffin und Carsten Sebastian Henn in einem soeben zur Buchmesse erschienenen Band im Kölner emons Verlag: 111 mal lecker essen in Köln ist eine Ausdehnung der bisher eher auf Sightseeing ausgerichteten Reihe ins gastronomische Feld. Dieses ist in der Domstadt ein weites und wird von den beiden Autoren energisch und ohne Scheuklappen durchmessen. Vom Sternerestaurant bis zur Rievkoochebud, vom Ausflugsdampfer zum Traditionsbrauhaus – neben strahlendem Glanz werden Eindrücke eingefangen, die sonst eher im Verborgenen schimmern. So ist das Buch auch eine Handreichung für die, die sich schon auszukennen glauben, für Anhänger des Subjektivismus sowieso: Bestes Eis, beste Pizza, leckerster Döner. Um eine klare Meinung sind die Autoren nie verlegen.

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Und tatsächlich besticht das Werk auch durch die Aufmachung: Jeder Stätte ist eine Doppelseite gewidmet. Auf der einen Seite ein zumeist exzellentes Foto, das Atmosphäre vermittelt und Lust macht, aus dem Haus zu gehen, um an neue Genussufer zu gelangen. Der zugehörige Text widersteht glücklicherweise der oft in gastrokritischen Versuchen anzutreffenden Schnoddrigkeit, ist eher locker und prägnant zugleich. Inhaltlich wird immer die jeweilige Spezialität des Hauses fokussiert – wenn auch bisweilen auf Umwegen. Elefantenwurst im Zoo oder ein Keks in der neuen, jungen Hochküche – es muss halt nicht immer Halver Hahn sein. Und am Ende fehlen die guten Brauhäuser dann doch nicht. Auch wenn die spannenden Orte vielleicht eher andere sind. Um solche zu entdecken, lohnt es sich, dieses Buch zu kaufen.


Koschere Kantine Köln

Gehackte Eier sind als Vorspeise fester Bestandteil koscherer Küche und werden häufig im Rahmen eines Schabbatfestmahls serviert. Alles andere als kompliziert ist dies Gericht absolut produktfokussiert und kommt quasi ohne Rezept aus. Neben den hartgekochten und zerkleinerten Eiern gelangen lediglich etwas gutes Öl sowie Salz und Pfeffer in die Speis’. Und Zwiebeln, oder wie hier Schalotten, fein gewürfelt und angeschwitzt. Olive, Paprika und Petersilie sind nicht nur Garnitur, sondern  Geschmeidigkeitspuffer und Geschmacksrahmenbegrenzer.

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Über 5000 Mitglieder sind in der Synagogen-Gemeinde Köln organisiert. In der Roonstraße befinden sich nicht nur die Synagoge, das Gemeindezentrum, die Mikwe und ein kleines Museum, sondern auch die Koschere Kantine Weiss. Neben dem Matzen in Bochum ist dies die einzige Möglichkeit in NRW, institutionell sanktioniert koscher zu essen.

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Koscher ist alles, was erlaubt ist. Laut Kaschrut sind Schwein und Kamel verboten, Rind und Reh hingegen nicht (wie alle Tiere, die gespaltene Hufe haben und widerkäuen – sowie domestiziertes Geflügel). Milchig und fleischig geht nie zusammen – und Blut kommt weder in die Küch’, noch auf den Tisch. Wer dies weiß, wird sich auch nicht über die Sojamilch im Kaffee nach dem Mahl wundern.

Selbst als gelernter Agnostiker fühle ich mich der jüdischen Tradition verbunden. Religiösität spielt in meinem Alltag keine Rolle, intellektuell und als soziales Lenkungsinstrument lehne ich sie ab. Doch sobald ich die Synagoge gegenüber dem Rathenauplatz betrete, die Sicherheitsschleuse passiert habe und mein Blick die Gedenkhalle erfasst, atmet mich Geschichte an, eigene, deutsche, die der Welt, dass fast ein Sturm daraus wird und ich wanke. Zum Glück bin ich zum Essen da – und einmal ehrlich: Welche andere Kirche wird schon besucht, weil es dort so lecker riecht nach Gardunst und Gewürz?

Auch wenn der Teil des Gemeindezentrums, in dem die Familie Weiss  schon seit nunmehr 30 Jahren zu Tisch bittet, nicht mehr ist als eben der Teil eines Gemeindezentrums und weder Gastrodesign noch Ethnokitsch vorhanden sind, ist Kargheit hier verbunden mit Wohlgefühl. Die kleine Karte bietet Klassiker der osteuropäischen jüdischen Küche ebenso wie der israelischen. Wobei die vegetarischen den Fleischgerichten eindeutig vorzuziehen sind. Etwas weniger Fritteuseneinsatz wäre fein, doch der gute offene weiße Wein erleichtert alles. Die Gespräche vom Nachbartisch sind derart Klischee, großes Geld und kleine Politik und Gott und die weite Welt, dass mein Lächeln erst friert, bevor es zur guten Laune wird, die den ganzen Tag anhält. Was kann ein Restaurantbesuch besseres bewirken?


Ein dunkler Teller, urbane Verwerfungen und die Kinder der Sonne

Wär ich Profi oder Künstler gar, machte ich mich selbständig als Fotograf unscharfer Bilder und gäbe meinem Geschäft einen Namen wie Studio Braun. Dieser Gedanke verfing sich just im Netz meines kreativen Überflusses. Zu viel der Eindrücke, Überfluss an Erlebtem – kaum geeignete Ventile. Beginnen jedoch wollte ich mit der Stadt. Zu Kulinarik und Popkultur später mehr.

Die ersten Tage war Köln wie ein wiedergeborenes Wunder für mich. Jeden Mittag eine halbe Stunde durch alte Quartiere vergangener Heimat nachspüren, Relikte zu finden und neues Altes, all das glich positivster Reizüberflutung. Dort gibt es immer noch die besten Falafel im Rheinland, hier leuchtet der verborgene Hinterhof wie eh. Der Typ hinter der Plattenladentheke ist ein anderer, sein Griesgram blieb. Ich freute mich am Überangebot an Biosupermärkten und an der beschwingten Dynamik der Menschen. Eine Woche später schon dachte ich: Warum haben die alle Flipflops an den Füßen, ist Stil ein Fremdwort für die Horden alternativer Technikjunkies? An jeder Ecke in ehemaligen Ladenlokalen Café-Schimären, vollgestopft mit Sperrmüll und mit Butterbroten und Kaffeemilch als einzigem Angebot. Ach ja: Mit absurden Limonaden in Flaschen, in die eigentlich Bier gehört, versuchen sie sich gegenseitig auszustechen. Ich gestehe, ich trank auch schon eine Art Rhabarberpunsch. Nur in die eklig grüne Imbissbude, in der Biofastfood im Intensivstationdesign feilgeboten wird, setzte ich keinen Fuß bisher. Dann lieber noch einen Windbeutel mehr in der Konditorei Wahlen. Da ist nicht nur das Interieur seit 60 Jahren unverändert, die Kundschaft auch.

In den letzten Tagen habe ich mir die Frage, warum die alle Berlin spielen am Rhein und Globalisierung und Gentrifizierung aus ihren Seminaren ins Straßenbild tragen, einigermaßen beantwortet. Ich aß einen Burger auf der Kyffhäuser Straße, medioker aber protzige zehn Euro teuer, eine mir bekannte Stadtmagazinschreiberin schwebte rein und wollte “ein Foto und zwei, drei kleine Fragen” machen und stellen den Pseudopunks an der Friteuse – ließ sich aber abschrecken vom WDR-Team, das schon hinter der Theke den Verkehr aufhielt.  Die haben alle zu viel Vaihinger gelesen. Dessen Philosophie des “Als ob” aber gründlich missverstanden. Halten sie für eine Anleitung zum Nachahmen abgelebter Trends. Die Suche nach dem Eigenen nie gelernt, Anstrengung immer als Leid empfunden. Kein Vermögen, Echtes zu erkennen. Den kleinen Kern immer vorzuziehen dem großen Tamtam? Der Mensch ist dumm und faul.

Einige wenige jedoch sind wahre Kinder der Sonne. Womit der Zirkel schwingt und ich Jaques Palminger of Studio Braun fame singen lasse:

“Fettuccini” heißt das gerade erschiene Album der “Kings of Dubrock” und ist tauglich nicht nur für den Tanzboden in der Klapse. Irre gute Popmusik.

Das dunkle Foto zeigt Dreierlei von der roten Beete. Müsst Ihr mir schon glauben, auch dass es vorzüglich schmeckte.

Dreierlei von roter Beete

Gekocht und gefüllt mit Ziegenfrischkäse aus der neuen Nachbarschaft und gratiniert, als Chips und schließlich ein großartig roter Brei, auf dem ein Quinoabällchen sich bettet. Der Brei war das Beste, eher ein zu flüssiges Püree. Bestehend aus dem Inneren der Beete mit Rieslingessig und Spätburgunder, Kardamom und Sahne. Ein paar weitere Würzzutaten. Feine Improvisation.

Wie das ganze Leben. Jeden Tag.


Holland. Köln.

Der Jahresurlaub dauert exakt zweieinhalb Tage. Ich bin so erholt wie nie. Mag daran liegen, dass die Erfindung des Erholungsurlaubs ein böses Teil aus dem an solcherlei nicht armen Schatz an Ausbeutungsinstrumentarien ist. Ferien sind also Opiumderivat für Unterwürfige. Und ich will ein tapferer Kämpfer sein in den nächsten 50 Jahren. Über eine solche Zeitspanne reichen die Pläne.

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Es gab Nudeln, Bohnen und Fisch. Im Geschirr vom Franz. Und in Gedanken an Dich, Du abhanden gekommener Freund. Bist wegwohin. Und ich schwamm zwischen stinkenden Frachtern im öligen Nass. Brachte Gedanken nicht auf Punkte, nur Nasen in Gläser.

Heute dann: Köln. Schatzstadt. Das Herz fließt mir über. Bald mehr davon.


Köln, an einem Samstagabend

Zum dritten Male klitschnass, festgeregnet, vom Wind in einen dunklen Hauseingang getrieben, an einer lauten, südwestwärts laufenden Ausfallstraße, knapp außerhalb des pulsierenden Teils Kölns. Vor 200 Jahren waren hier nur Felder und Gärten, allenfalls Mitglieder der Töpferzunft gingen, jenseits der alten Stadtmauer, ihrem gefährlichen Handwerk nach. Daher rührt der Name des Tors im Wall, der heute auch die Bahnstation der Linien 15 und 16 ziert: Ulrepforte.

Schon seit Stunden lasse ich Wehmut und Wohlgefühl eine blutige Schlacht schlagen in meinem Bewusstsein. Das ist immer so, setze ich mehr als nur einen Fuß auf heiligen Grund. Dies urbane Dorf nimmt mich gefangen, seit ich ihm als Bewohner den Rücken kehrte vor wenigen Jahren und es mich trieb, raus auf’s Land. Köln ist ein Gefühl, singt bestimmt nicht nur der Karnevalist. Eine eigentliche Großstadt ist es nicht. Ich kenne jeden Winkel aller Gassen und die erschreckenden Antlitze der allermeisten Bausünden. Die kulinarischen Katastrophen und kulturelle Löcher. Die Agonie der hiesigen Popkultur stürzt mich geraden Wegs in eine tiefe Depression, feucht bis auf die Haut, den Schirm zerfetzt. Ich gehe weiter.

Überquere die Rolandstraße, rechts liegt der Volksgarten, lange Jahre habe ich kellnernd und kochend einen Steinwurf entfernt meinen Lebensunterhalt erschwitzt, eines Studiums wegen, das brotlos direkt zur Kunst der permanenten Neudefinition des eigenen Seins führte. Der Park dröhnt trommelnd in meiner Erinnerung, Spätsommerabende, bevölkert von Reißdorftrinkerhorden, halbhippiesk, schlechte Gesänge, dünne Gespräche, penetrantes Balzverhalten an jedem Lagerfeuer.  Die sind jetzt alle in Berlin. Oder in Portland.

Zurückkehren an einen neuen Ort. Stadt ist als Organismus schneller als der Fluss, in den zweimal zu steigen unmöglich scheint, ist er doch niemals gleich. Doch neben aller Projektion, dem eigenen kleinen, subjektiven Blick, ist und bleibt Köln der Ort, wo eine ganz spezielle Sorte Mensch hängenbleibt, ein Leben lang. Um sich nach Tagen schon als Ureinwohner, die es so wohl gar nicht mehr gibt, zu fühlen. Als eingefleischte, aber lebensfrohe Kulturpessimisten, der Welt zugewandt. Offen und mit klarem Blick auf die Dinge – solange sie nicht nebelverhangen sind in der Bucht, die bis Aachen reicht. Ich bin Herzenskölner, vielleicht gerade weil ich die offiziellen Insignien dieses Stammes verabscheue: Karneval, Kölsch und den FC.

Die katholische Kirche hingegen mag ich manchmal, der Show wegen. Der Laden ist eine Verein gewordene Profilneurose. Ich baue mir gerade gedanklich eine Brücke zu der Tür, durch die ich gleich schreite. In ein Pop-up Restaurant, einen Supperclub, zu einem Guerilladinner. Die nächsten sechseinhalb Stunden werden zur neuerlichen Probe, ob ein Haufen SocialMedia-Verrückter, deren einzige Verbindung bisher im digitalen Ausleben der je eigenen Genusssucht bestand, mit ihrem Sendungsbewusstsein in natura zu egozentrisch-missionarischen Eiferen werden oder einfach: netten Menschen. Drei Blogger kochen und luden sich 30 Leute an den Tisch, in ein ehemaliges, bisweilen als Eventlocation genutztes Restaurant. Die Show beginnt.

Einzig Natalie kenne ich schon, sie ist eine der drei Küchenkreativen heute, ich traf sie letzten Sommer bei Arthurs Tochter in Ingelheim.  Ich sehe Glück und Stress zugleich in ihr Gesicht geschrieben, eine gute Mischung. Mit einem Glas zu süßen rosé Schaumweins stelle ich mich an die Seite und betrachte die Szenerie. Nach einer kurzen Phase überkritischer Distanz – wie konnte ich nur unter diese Horde pseudohipper Junggebliebener, die außer Essen und Trinken keine Lust mehr leben, geraten – werde ich ruhig und offen. Nehme einzelne Gesichter wahr, ein Lächeln hier, drei interessierte Sätze da. Erkenne: Leuchtende Augen. Spannung. Gleichgesinnte.

Dann in die Küche, um die beiden anderen kennenzulernen, zu begrüßen.  Marco vom Marieneck. Dem ich die Hand kräftig schüttele. Und ihn sofort mag. Als letzten Marqueee. Der allem Anfang das Wort redet und den ich schon lange lese. Der etwas unwirsch wirkt. Der Druck ist spürbar. Ich bin begeistert: Keine Show, glasklare Gefühle. Der Eindruck wird sich dann bestätigen mit jedem Gang, der an unseren spannend besetzten Tisch gelangt. Klare Linie, kein Firlefanz, die Aromatik der einzelnen Grundprodukte wird herausgearbeitet und miteinander in Verbindung gebracht. Was genau es gab und welche Weine wir dazu tranken, hat Matze detailliert beschrieben.

Den ich mir im Übrigen genauso vorgestellt hatte, wie ich ihn nun, schräg gegenüber am Tisch, erlebe. Lexikalische Meinungsstärke. Mit ‘ner Flasche Wein im Jutebeutel und immer einen Korkenzieher am Mann. Neben mir Christoph, den ich vom Vinocamp nur der Stimme nach kannte.  Er redet so entspannt und zurückgelehnt über seine Weine, wie ich es selten erlebt habe in dieser eher von Dominanzverhalten geprägten Szene. Die Dame mir gegenüber bloggt über ein völlig anderes Thema, das gemeinsame Medium jedoch führt uns in ein spannendes Gespräch über Mechanismen und Wirkweisen der nicht-journalistischen Publikation.

Kölsches Stillleben: Leere Teller, Schwarzbrot, Kraut

Kölsches Stillleben: Leere Teller, Schwarzbrot, Kraut

Kerbelknollen sind meine kulinarische Entdeckung dieses stundenlangen Abendessens. Neben dem vin naturel, der in der Tasche war (Braucol, 2010, Domaine Plageolet).  Menschen kennenzulernen, war wichtiger. Die Gewissheit zu haben, wieder zu Hause, beim Schreiben solcher Texte, dass da draußen ein Resonanzboden ist, der schwingt. Wie die Kölner Nacht, in die ich nach dem Verlassen dieser Stätte ganzheitlichen Leibeswohls tauche. Was ich an Köln besonders mag? Die dunklen Stunden. Die Abwesenheit von Gewalt und Härte, wie sie andere urbane Zonen atmen. Dass es ein Ort ist der ewigen Möglichkeit: Nichts muss, alles kann. Wie ein Versprechen, das nicht auf Einlösung drängt. Und so seiner Erfüllung reichlich nahe kommt – heute war so ein Abend.


In Liebe: Locas In Love

Als Popkulturaktivist, Kunstpessimist, Rockist und Herzenskölner liebe ich Locas In Love, immer schon. Da ihre Kreaturen noch keine Saurier oder Lemminge waren, sondern sie selbst in Resonanzkörpern von Dackeln durch die Landschaft streunten. Sonnenberg und Schrank sind genauso zwei Fachtermini aus der Weinwelt – die mir neuerdings bloggerischer Zweitwohnsitz ist – wie die Namen des Protagonistenpaars, das zusammen mit Jan Niklas Jansen nun eine neue Langspielplatte beim hauptstädtischen Kreativpool Staatsakt veröffentlicht hat. Um ihre Stellung zu untermauern als einzige konstant relevante Stimme im deutschsprachigen Pop mit Mut zur Nische und Liebe zur Pose.

Alles bleibt anders auf Lemming. Lieder haben Namen wie “Die zehn Gebote”, “Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug)” oder “Manifest” – und genauso funktionieren sie auch. Die Musik schmeckt nach Kraut und Rüben und riecht nach Revolution. Prägnanz im Unterschwelligen auf der Textebene lädt ein zum Paarungstanz mit performantem Understatement und kompositorischer Altklugheit. Kein Kritikergeschwurbel wird der Attitüde und dem Ergebnis gerecht – Herr Pfeil hat es immerhin versucht mit seiner Waschzetteldichtung und eine Annäherung geschafft.

Locas in Love (Foto: Katja Ruge - www.katjaruge.de)

Locas in Love (Foto: Katja Ruge - http://www.katjaruge.de)

Der Begriff Hermetik überträfe das Werk an Wucht. Doch selbst der affine Hörer bewerkstelligt die Transzendenz von Interesse zu Begeisterung erst mittelbar. Jetzt: Könnte ich schreien vor Glück! Zugegeben: Es handelt sich bei der emotionalen Nähe, die in mir beim Hören wächst, vermutlich um ein Generationenphänomen. Ich kenne die besungenen  Bilder, Gefühle, Schlussfolgerungen. Ich weiß um die Macht der Ohnmächtigen und die rasante Fallgeschwindigkeit zwischen Übermut und Depression und das solche Wege niemals Einbahnstraßen sind. Hermeneutische Musikalienbildnerei mag ich sehr. Nicht aus Lust am Leid. Sondern mit Mut zur Botschaft samt rhythmischer Selbstvergewisserung.

“”Da ist kein Widerspruch, Liebeslieder zu singen und trotzdem nichts aus den verliebten Augen zu verlieren von der Angst und der Wut und dem Hass auf die Dinge. Kein Mensch und kein System kann diese Liebe zerstören.” (Manifest)

Aus:

Locas In Love – Lemming
(Staatsakt / Rough Trade)
VÖ: 01.07.2011

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