The rest of the fest

Verzweifelte Versuche der Selbstverleugnung. Denn eine Stadt ist ein lebendiger Organismus, faehig zur Gefuehlsaeusserung, zur Selbstreflektion, zur Willensbildung. Als von Menschen geschaffene Kreatur ueberholt die Siedlung ihre Goetter oft mit Vollgas auf der Ueberholspur der systemimmanenten Fehlkonstruktion. Zu sehen zum Beispiel in einem Haufen totglobalisierter Moloche wie Bangkok, Saigon, Kuala Lumpur. Bei sich selbst zerstoerenden Krebsgeschwueren wie Mexico City oder Moskau. Vielen in Agonie verfallenen europaeischen Metropolen. Allesamt aus dem Ruder gelaufene, planlose Konstrukte, deren ganz eigene Dynamik nurmehr ein Ziel zu haben scheint: Den Menschen als Witz der universalen Geschichte zu entlarven. Als Geschoepf den Schoepfer zu ueberleben, in einer transzendenten Form, weit weg von jeglicher Intention.

Die nordamerikanische Stadt war ueber ein Jahrhundert lang exemplarisch fuer technikglaeubige Energie, und auch wenn es bisweilen aesthetische Ueberhoehungen gab, folgte generell jegliche Form einer einzigen Funktion: Der Manifestation des Groesser Hoeher Schneller Weiter. Wie der Backlash dazu aussieht, atme und beobachte ich seit ein paar Tagen in Portland, Oregon. Als Klischee des anderen, des linken, des gruenen Amerika wird seit ueber 10 Jahren Kultur inhaliert und Gegenkultur ausgespieen. In Tourismusbroschueren kommt davon an: Vorbildlicher oeffentlicher Nahverkehr (die Realitaet ist allenfalls medioker), der ganze Organismus eine gruene Lunge (relativ wahr – aber eine absolute Luege), kulturelle Speerspitze (was fuer die Popmusik zutrifft ist fuer bildende Kunst eine Vorspiegelung falscher Tatsachen und Theater und Film bleiben weit unter meiner Wahrnehmungsschwelle), kulinarische Avantgarde des zurueck zur Natur.

portland

Hierbei wird – wie an so vielen Orten auf der Welt – bewusst das Kleine, das Langsame gesucht und reanimiert. Local is the new global. Microbreweries, urban wineries, artisan cheese, regional beef, organic vegetables. Und viele Lokale, die ihrer besser verdienenden, stets grausig casual gewandeten Klientel all dies bieten. Gekocht wird immerhin auf breiter Front auf akzeptablem Niveau. Als ein Beispiel mag die Gegend um die Southeast Stark Street dienen: Alternative Cafes, ein Programmkino, Second-Hand- und ein Bioladen, Fahrradbastler, Designerkindermode. Und The Country Cat, Dinnerhouse and Bar. Schoener Laden, der Innenarchitekt war sein Geld wert, denn man sieht nicht, dass einer gewirkt hat. Grossartig lautes und taetowiertes Personal, feiner Kaffee und eine gute Oregon-Weinauswahl. Mobiltelefonverbot, offene Kueche, gute Musik, meist Northern Soul. Alles verdammt relaxed. Einfache und gute Kuechenleistung: Legendaer ist das Chicken with mashed potatoes. Eine festfleischige Haehnechenkeule entbeint, pankopaniert und in Butterschmalz sanft ausgebacken. Eine zwiebligsuesse, weinsaure Sosse. Das Purree einer weltweiten Mode folgend mit Einsprengseln von den Kartoffelschalen serviert, dadurch erdig vehement. Ein Berg blanchierter und kaum aromatisierter, feiner Mangoldblaetter dazu. Ein simples, perfektes Mittagessen, jenseits aller Fastfoodhistorie aber auch weit entfernt von Hochkuechenhermetik. So oder so aehnlich ueberall zu finden in der Stadt.

Am Fluss ist das city center wie Koeln. Genauso wirr, grau und gruen und bunt. Da der Abend meines dritten und letzten Tages auf dem MusicFestNW dem Rock’n’Roll gewidmet war – und zwar seiner dreckigen, verschwitzten, sehr koerperlichen Variante – schlenderte ich in Richtung „old town“, wo es neben dem kleinen Chinatown tatsaechlich noch alte Bretterbuden-Patrizierhaeuser aus dem spaeten 19. Jahrhundert gibt. Und den aehnlich heruntergekommenen Ash Street Saloon.

toody cole of pierced arrows

Hier schloss ich Fred und Toody vor deren Soundcheck als Pierced Arrows in die Arme, hatte zuviel schlechtes Bier und gute Zigaretten, durchlebte in 5 Stunden grosse Teile meiner musikalischen Sozialisation wieder, bis das ganze in einem wilden Pogo eskalierte. Um 2 Uhr in der Nacht und nach einem sich seiner selbst versichernden It’s okay und der affirmativen Botschaft 54 40 or fight standen wir noch lange auf der Strasse in einer Stadt, die die beiden seit 45 Jahren musikalisch praegen. Avantgarde in den spaeten 60ern – heute sind sie es wieder.

fred cole of dead moon fame

Spielen sie doch den Soundtrack des Kampfs von Herz gegen Hirn. Ein verlorener zwar, halbtaub und gelenksteif. Doch wo die ganze Welt auf der Suche ist nach der Bedeutung des schlimmen Wortes „Authentizitaet“ – und diese Stadt sich dabei selbst verleugnet – haben die beiden nie gesucht. Neben allem Wissen um das absurd Abseitige des Lebens waren sie immer ganz im Hier und jetzt: This is the day!

chicks do wine - urban winery


97 south

Inkonsequenz ist die neue Stetigkeit. Daher wird die angekuendigte Urlaubsruhe ignoriert und geschrieben. Das Ding heisst ja auch nicht „Utecht macht blau“. An den fehlenden Umlauten und anderen huebschen Sonderzeichen ist unschwer zu erkennen, dass ein weiterer Rueckfall zu verzeichnen ist: Nicht Niederrhein sondern neue Welt. Utecht reist mal wieder.

Folgend also ein Tag im Leben des stets recherchierenden und niemals, neverever, abschaltenden Esskulturbloggers:

Ein stechender Sonnenstrahl versprach einen weiteren Hochsommertag im noch fernen Indianersommer, und bevor die zuletzt ueblichen 30 Grad erreicht waren, wurde der haesslichste aller Mietwagen – ein nachtkatzengrauer Honda – beladen und gesattelt und gen Sueden getrieben. Boomtown Kelowna verlassend erreichte ich nach kurzem Gasgeben den Ort mit dem pittoresken Namen Summerland. Das Okanagan Valley zieht sich dutzende bis hunderte Kilometer gen Sueden. Hatte ich schon erwaehnt dass ich in Kanada bin, auf Verwandtenbesuch?

In den letzten 20 Jahren ist sie hier zur Hauptattraktion fuer Touristen und gelangweilte Renter geworden: Die Weinindustrie. Derart romantisch verklaert der Nordamerikaner meinen zweitliebsten Zeitvertreib. Und ehrlich gesagt: Die allermeisten Weine schmecken auch so.

Voellig ueberteutert – im Durchschnitt 20 Dollar die Flasche – und reichlich „gleichgeschaltet“. Da ich mir ueber das Boese dieses Wortes bewusst bin, darf ich es als treffende Umschreibung einer Mode der vordergruendigen Wucht, der Eichenschnipselei, des snobbistischen Blendertums verwenden. Wenn der Schein das Sein bestimmt, gebiert der Teufel Vanille- und Beerenbomben. Aber es gibt Ausnahmen.

Die heissen dann zum Beispiel Bernd Schales und stammen aus Floersheim-Dalsheim. Die morgendliche Probe auf seinem Gut „8th Generation“ machte Schilder wie „Don’t drink and drive“ oder die fast permanente 90 km/h Massgabe einigermassen ertraeglich. Hatte ich doch noch einige Stunden Strasse vor mir.

Nach der Grenze ins „Land of the free“ kommt es zu einer Lautverschiebung und das Tal heisst nun Okanogan. Wahrscheinlich hat irgendein politisch korrekter Provinzpolitiker im Abendkursus „Native Languages“ nicht richtig aufgepasst. Ist auch nicht weiter schlimm, leben doch fast nur noch Mexikaner in den folgenden Orten. Die essen neben Obst und Weintrauben – zu deren Ernte sie eigentlich herbestellt wurden – nur ihr eigenes, bohnen- und maislastiges, grossartiges Essen. Wenn immer gefaselt wird, es gaebe keine amerikanische Kueche, die gourmandisen Anspruechen genuegt: Bullshit, motherfucker, bullshit. Ich ass in Brewster vorzuegliche Enchilladas und Teile vom Rindviech, durch deren Zubereitung dessen Tod mehr als gerechtfertigt wurde. Aber besonders bemerkenswert war die Fusion von „coleslaw“ mit Koriander. Fein.

columbia river

Weiter. Es folgte das Tal des Columbia River, der mich bis an meinen Bestimmungsort Portland viele Stunden begleiten sollte. Looks like Mittelrheintal meets semi desert. Links und rechts explodiert ueber einige hundert Meter Fruchtbarkeit, dahinter das staubige Nichts. Unterbrochen von ausuferndern Oasen wie der Gegend um Chelan. Am gleichnamigen See entdeckte ich die Chelan Estate Winery, deren 2005er Cabernet Sauvignon ich beim Schreiben dieser Zeilen trinke. Austrinke, die ganze Flasche, alleine. Der beste Rote bisher, wuchtig wie immer zwar, aber mit Finesse. Kein Killer, ein Inspirator.

chelan estate winery

Immer weiter. Durch den Wenatchee National Forest nun. Langsam daemmert es und alles Vergessene wird mir bitter bewusst. Habe ich vollgetankt? Genug Wasser? Einen Baerentoeter? Reichlich Ersatzreifen? Lach nicht, Leser. Vor Jahren sind mir tatsaechlich 2 auf einen Streich geplatzt, in des Nirgendwo Mitte.

Jetzt: Ellensburg. Universitaetsstadt im Irgendwo. Ein Motel am 97. Der Nachbar ist mobiler Firefighter und macht mir Angst vor morgen. Der Rezeptionist erzaehlt von seinem dreijaehrigen Europaaufenthalt, mit dem Rad, quer durch. Das waere auch was fuer mich, the other way round. Denn dies ist eine weitere Sache, die sich entwickelt hat in den letzten Jahren. Amerikaner fahren Rad. Viele und oft. Auf eigenen Wegen. Doch davon spaeter mehr. Ich muss jetzt weiter, gen Portland, Fred und Toody besuchen.


The Lollipop Shoppe

Es wurde erst meine Küche und wird nun dieser kleine Blog zum Lolliladen. Kunterbunt und knatschsüß. Präpotent und popartig. Frei nach dem Motto: Lieber gut geklaut als schlecht selbst erdacht. Mein Dank geht in die rheinhessische Rotweinmetroploe für Inspiration und Affirmation. Arthur ist bestimmt sehr stolz auf seine Tochter; ich bin froh, dass ich kosten durfte von solchen Früchten. Karamellisierte Kirschtomaten klingen knackig. Und munden nicht nur Alliterationsjunkies formidabel.

Doch vor den Genuss hat weiß Gott wer stets erst einmal die Arbeit gesetzt. Schwitzen muss allerdings nicht ich, sondern die werte Leserschaft.  Komme ich doch dem selbst erteilten Bildungsauftrag nach und starte eine weitere Folge  meiner beliebten kleinen Musikmission. Here we go:
Eine wichtige Spielart amerikanischer Populärmusik der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts trägt den richtungsweisenden Titel GarageRock und wird von Nachgeborenen bisweilen auch als Protopunk tituliert. Zwar fehlte ihnen die politische Komponente britischer Beatband-Kollegen, aber vom Mainstream und auch von anderen Undergroundströmungen wie Flowerpower oder SurfsingSound setzen sich Garagebands durch eine raue Attitüde, dreckigverzerrten Sound und den Willen zum DoItYourself (DIY) ab. Bands hießen Kingsmen, Sonics, Pandas, Squires, Benders. Meine Favoriten aber waren und sind The Lollipop Shoppe.

Im nächsten Monat werde ich Fred Cole in Portland, Oregon treffen. Ein Held meiner frühen Jugend und meiner immer noch währenden späten Adoleszenz. Just Colour ist eines der besten Alben der 60er, ein Meilenstein in der Entwicklung psychedelischer Rockmusik. Eigentlich hieß die Combo The Weeds, doch ein süßer und bunter Namen wie The Lollipop Shoppe versprach größeren Verkaufserfolg. Ab den 70ern machte Cole dann zusammen mit seiner Frau Toody, der charismatischsten DIY-Bassistin der elektrifizierten Welt, Musik in lustigen kleinen Formationen wie Zipper, The Rats und ab 1987 mit Drummer Andrew Loomis als Dead Moon. Heute heißt die Band Pierced Arrows und spielt: Garage Rock. Auch mit Anfang 60 noch so kraftvoll und derb wie vor 45 Jahren.

Karamellisierte Tomaten am Stiel

Karamellisierte Tomaten am Stiel

Endlich essen. Und zwar Fingerfood am Stiel. Aufgespießte Häppchen. Tomatenlollies. Wie solche Pretiosen zuzubereiten sind, haben andere hinlänglich beschrieben. Perfektes Festeessen. Für die Sommerparty am Pool, die wir heute gefeiert hätten. Wenn es denn einen Sommer gäbe. So ruht das Becken still und wir genießen ebenso. Bis ein krachendes Gitarrenriff uns aus einem Kalorientraum erlöst und uns die Hookline den Verstand raubt. Fred würde sagen: Nimm dies. Lutscher!


Mond-Sucht

Zu Vollmond besuchte mich der schwarze Neger Wumbaba.
Statt mich inbrünstigem Anheulen hinzugeben ist mir in derlei Nächten meist reichlich poetisch. Den Soundtrack dazu liefert alles, was mein musikalisches Langzeitgedächtnis thematisch trefflich anzubieten weiß. Von den Untoten des Garagenrock, den weltbesten DIY-Artisten Fred und Toody Cole aka Dead Moon (inzwischen Pierced Arrows), bis hin zu Schlagerschoten wie dem 30er-Jahre-Kraft-durch-Liebesleid-Schmonz Roter Mond.  Nur dass eine diesbezügliche YouTube-Recherche nun aufdeckte, dass ich seit Jahr und Tag einem mehr oder weniger willentlichen Fehlhören aufgesessen bin. Der Schützengraben-Schlager heißt tatsächlich Roter Mohn,wurde 1938 vom einschlägig vorbelasteten Michael Jary komponiert und dirigiert und eingesungen von der “chilenischen Nachtigal” Rosita Serano.

Bleibt dennoch Obsessionsklangteppich, trotz braunem Dunst.
Zurück zum Dichterkitsch. Vor Jahr und Tag, ebenfalls in einer Vollmondnacht, flossen mir folgende Verse in den damals noch juvenilen Füller:

blicken verborgen
wolken verhangen
mitternacht.
sanfte sorgen
großes bangen
aufgewacht.

konturen, schräg und schief
am himmel fahl
tiere schlafen wesenlos
irrational.

gut verborgen
tief vergraben
unbewohnt.
keine gedanken
schwache konturen
toter mond.

Dichter Dichter. Reimeschütteln ist meine Lieblingsdisziplin nimmermehr. Wer will schon nochmal 20 sein und so verliebt wie damals. Das lassen wir mal die Profis machen, die gegebenenfalls auch noch schleimlösend dazu musizieren:

D for disaster
E for my eyes
A for my anger
D before I die
M for Mona
O oh good
O oh good
N for the night

Dead Moon Night


Portland, Traumstadt

Portland, Oregon. Laege dieser musikalische Kulminationspunkt tatsaechlich im land of the free und nicht in den USA – lange schon haette ich mich auf Spurensuche gemacht nach Typen wie Greg Sage, Fred und Toody Cole, Jason Merritt. Die alle Helden sind meines popkulturellen Mikrokosmos – und dortselbst leben und schaffen. Welche Kraft hat wohl derart viele im eigentlichen Sinne unabhaengige kreative Koepfe in diesen Zipfel der Welt getrieben?

Wipers, Dead Moon, Timesbold. 80er, 90er, 00er – musikalische Menschwerdung, Entwicklung wegwohin. Punk, Garage, DIY, Country, Freakfolk. Whip und Pierced Arrows. Wut und Weisheit. Die Holzhuette als Kathedrale des Kritikers sinnlichen Overkills. Das Loblied der kleinen Form wird daselbst gesungen. Immer wieder.


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