Erbsensuppe, Muurejubbel mit Schweinebäckchen, Buttercremetorte, dazu Weinschorle

Nachdem ich den Jahresendblues noch kreativ zu kanalisieren vermochte, hat mich nun mit umso größerer Wucht eine neujährliche Orientierungslosigkeit erwischt. Zugegeben, nur auf diesen Blog bezogen – der ganze große Lebensrest verläuft in herzensguten Bahnen. Aber immerhin: Das Ding hier – meine kleine Internetshowbühne, kulinarischer Tanzflur, das Überflutungsbecken niederrheinischer Selbstreferenzialität, feierabendlicher intellektueller Ausgleichssport, Netzwerkanbahnungsmaschine – ist mir über die Jahre wichtiger geworden, als es alle tagebuchartigen Notizbücher aus den vergangenen Dekaden je waren. Irgendwann vielleicht werden, geschenkt – aber das Internet ist ja nichts weniger als vor allem Hier und Jetzt. Und ich helfe seit Anbeginn mit, es vollzuschreiben. Seit drei Jahren nun schon als dissoziativ identitätsgestörte Bloggerpersönlichkeit. Essen, trinken, tanzen – ich kann mich nicht entscheiden, alles so schön bunt hier!

Letzten Samstag saß ich inmitten halbgefüllter Weingläser, pochierter Eier und eingeschweißter Kochbücher an einem Küchentisch in rheinhessischer Einöde; ich war gekommen als personifizierter Musikexpress und fachsimpelte späteren Abends dann über die Vorzüge veganer Nahrungszufuhr mit der Crème de la Crème der deutschen Foodbloggerprominenz. Nicht, dass ich Essentielles zu der Unterhaltung beigetragen hätte – mein diesbezügliches Wissen speist sich einzig aus der sporadischen Lektüre der Schrot und Korn sowie aus abgrundtiefer Tierliebe. So wurde mir irgendwann langweilig und müde zumute. Ich war leicht angetrunken, zugegeben. Und dachte doch den klaren Gedanken: So bist Du nicht, lieber Herr Utecht. Du isst gerne und kochst jeden Tag. Schreibst darüber, weil Du eher denk- als maulfaul bist. Aber Foodblogger? Viel zu anstrengend…

Da inzwischen mein liebster Musikbeschreiber nun wieder bloggt, nach Monaten des Zwangsschweigens, wird dies hier auch kein Popblog in Reinform mehr. Versprochen! Was ich ebenfalls weiß: Weinschreiber werde ich sowieso keiner. Ist mir schlicht zu lustfeindlich. Um dieser komplexen Materie auch nur annähernd gerecht zu werden, bedürfte es jahrelangen, trockenen Studierens. Mit schnoddriger Flapsigkeit würde ich meinen Lieblingsflaschen nicht gerecht. Meinen Ansprüchen schon gar nicht.

Wo liegt denn nun das Problem? Genügt mir die nette kleine Nische, in der sich lesend regelmäßig ein paar Dutzend Leute treffen und mein Geschreibsel zur Kenntnis nehmen, etwa nicht mehr? Zuckt da zeigefreudige Hybris in mir, dem gewesenen Journalisten und Gelegenheitsaphoristiker? Gilt nicht mehr, dass dieser Blog ein veröffentlichtes Perpetuum mobile ist: Geschrieben aus der Lust am Schreiben? Und wieviel war bisher, in welchem Maße soll in Zukunft die hier öffentlich werdende Persönlichkeit mit der Realität abgleichbar (sein)? Ist das Spiel mit Identitäten nun zu Ende und das wahre Leben beginnt?

Schon das Niederschreiben dieser Gedanken, das sich Hineinbegeben in den Strom, schafft Bewusstsein. In den nächsten Tagen wird sich offenbaren, wo die Schreibereise hingeht. Es wird weitergehen, soviel steht fest. Im vorgegebenen Rahmen wird sich jedoch einiges ändern. Für mehr Haltung und mehr Transparenz. Botschaften und Meinung. Emotionen. Fakten eher nicht. Wir lesen uns…

(Die Überschrift “Erbsensuppe, Muurejubbel mit Schweinebäckchen, Buttercremetorte, dazu Weinschorle” ist nur für Maschinen, übrigens.)


Guacamole mit Musik

Manche Menschen bloggen, andere wiederum gehen in den Wald, lautstark. Dann gibt es da noch einen, der auf ziemlich einzigartige Weise seine wunde Seele offenbart: Berthold Seliger, ebenso umtriebiger wie aufrechter Chef der gleichnamigen Konzertagentur in Berlin, arbeitet sich im monatlichen Newsletter – neben der Promotion seiner Künstler naturgemäß – an der Welt ab. Ich lese das jetzt seit Jahren, bisweilen staunend, irritiert, immer jedoch mit der Gewissheit zurückbleibend, dass Lesen doch bildet.

Heute mache ich Guacamole und backe Brot dazu. Warum? Weil ich dem Newsletter-Hinweis auf eine Seite folgte, wo das Seliger-Zugpferd Calexico ein komplettes Konzert (Nürnberg 2009) als Stream und als kostenlosen Download offeriert. Nun bin ich kein Jünger der Americana-Religion, schon gar nicht des bei den Herren Convertino und Burns oft vorherrschenden Tex-Mex-Weichzeichners. Da ist mir Howe Gelb immer noch lieber. Doch natürlich sind Calexico eine der wenigen aus dem Lager der Guten, die es geschafft haben, wirtschaftlichen Erfolg nicht Authentizität konterkarrieren zu lassen. Und live stets eine Bank.

Also zwei vollreife Avocados gekauft, mit einer Schalotte und wenigen Knoblauzehen (letztere beide feinstgeschnitten) mit Hilfe einer Gabel vermengen. Saft und Abrieb einer halben Limette, Salz, Cayenne-Pfeffer und nach Laune Koriandergrün oder Minze unterrühren. Mit ein bis zwei Esslöffeln Vollmilch-Joghurt (shut up, Geschmackspolizei!) wird die Konsistenz geschmeidig und lässt das Ganze als Brotaufstrich besser haften.
Und die Mariachi-Trompeten und das Pferdegetrappel und der Wüstensound können kommen.


Warum bloggen?

Famous first words. Zuerst einmal: Liebe Leser, es existieren auf meiner Tastatur weder Umlaute noch Schriftgelehrten-Sonderzeichen. Mein Germanistenherz ist laengst erlahmt, blutleer, eine ganz eigene Freude an Neologismen-Lookalikes enstand in den letzten beiden Jahren. So lange schon ist dieser in Bangkok erstandene Eee-PC meine Waffe gegen das Vergessen. Mein Psychopharmakon wider depressive Schuebe und manische Selbstueberschaetzung. Wobei letzteres grossartig ist, wertvolle Hilfstruppe des kreativen Prozesses.

Keine Kompromisse sollten gemacht werden. Zumindest zwei lassen sich jetzt schon benennen: Die dem Deutschen eigentuemliche Gross- und Kleinschreibung wird gerettet und angewendet. Als Ergebnis professioneller Verblendung vielleicht, Leseverhalten und Usability sind zu gut erforscht.
Desweiteren werden Texte wie dieser –  Bastarde, hervorgegangen aus Orgien von Kommentar und stream of consiousness – gegenueberstehen redigierten Elaboraten journalistischen Anspruchsdenkens. Mit dem einzigen Zweck: Der immerhin moeglichen gedruckten Veroeffentlichung. Alles eine Frage von Konventionen und oekonomischen Zwaengen des Systems.

Professionelle Verblendung – beinahe zehnjaehrige journalistische Prostitution im Gesundheitsbereich – wird hier hoffentlich erfolgreich bekaempft von rein lustgesteuerter Schreibwut. Thematisch verortet ueberall und wegwohin. Die Aneignung kulinarischer Intelligenz und das Schoepfen aus popkultureller Sozialisation bilden vorerst Lustgrenzen. Was wird, ist offen. Wachsen wird das Hirn bis ans Lebensende – diese neue Erkenntnis der Neurowissenschaften ist genauso beruhigend wie erschreckend.

Mein Versprechen: Kampf der Ausgeglichenheit! Neues anders sehen. Im Kleinen Grosses, in Grossen Riesen. Lang lebe der Superlativ!


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