Schnipo Schranke

Bandnamen kochen ist auch eine wohlfeile Wochenendbeschäftigung. Also, im Sinne von: wenig kreativ. Banal. Das Ergebnis: ein Klischee. Aber eben in seiner geilsten Form. Womit ich als alter Hermeneutiker zirkelschlagend am Anfang stehe und beide Fliegen tot. Mit nur einer Klappe. Lecker.

schnipo schranke

Lecker Mädchen sind das allerdings nicht gerade, auch wenn mein erstes Schnipo-Schranke-Konzert in Köln stattfand, im King Georg, Superschwoofschuppen, gewöhnlich. Knüppelvoll eigentlich immer, nur nicht nun. Dabei war doch Pisse nicht nur mein ganz persönlicher Sommerhit, sondern auch die nicht immer schnellsten Kolleginnen vom gern gelesenen Genderflagschiff hypten das Mädelsding wie blöde. Ich dachte nach den ersten Videos sowas wie “Ah, endlich mal die Moldy Peaches auf deutsch und mit echten Frauen”. LoFi ist ja eh das neue dicke Popdings, seit Jahrzehnten schon. Kommen dann noch allerlei Körperflüssigkeiten aus der Blockflöte – aber gut, jetzt droht dieser Text ein wenig wegzudriften. Fakt ist: Ob Friederike Ernst und Daniela Reis wirklich beste Freunde sind, ist scheißegal. Sie sind der Herzinfarkt der strunzlangweiligen Indieboys, die da sonst so die Bühnen der einschlägigen Kaschemmen bevölkern. Und dabei ist es egal, ob das Spiel mit dem Kleinemädchenklischee und den ach so derben Texten nun Kalkül ist oder just Spaß an der Freud. Gut ist es, danke. (Danke auch an Linus Volkmann für die Überlassung des Fotos.)

schnipo schranke

Ebensolches gilt selbstredend für selbstgedrechselte Fritten, triefend gut.  Mit Schranke und Schnitzel aus Schwäbisch-Hall. Oder so.
Wenn mir das Leben hier im Paradies mal langweilig werden sollt, mach ich ‘ne Pommesbude auf. Mit Livemusik. Und so.


Rhabarberzwitter, Würzmittel und ‘ne Liveband

Geht mehr auf Konzerte! Dieser Aufforderung der legendären Kapelle Petra ist kaum etwas hinzuzufügen. Denn der Liveauftritt von Musikanten ist der kulturelle Kit, der die verschiedensten Verästelungen mit postmoderner Dekadenz durchwirkter menschlicher Leben zusammenzuhalten in der Lage ist. Nie fließt mehr Energie als in dem Moment, da eine Band die Bühne betritt, ihre Performance mit der Erwartungshaltung des Publikums abgleicht und – zu fliegen beginnt. Wer Ohren hat, kann plötzlich mit dem Herzen hören. Und geht geläutert in die Nacht, später, von Zweifeln befallen daran, ob Fatalismus wirklich die einzige Haltung sein kann, die des Lebens Unbill erträglich macht.

Tausendmal erlebt, solcherlei. Zuletzt am Samstag in Mönchengladbach. Psychedelischer Krautpop mit artsy-fartsy Attitüde und Powerfrau. Nausica. Proben in Wuppertal, kommen von überallher und trafen sich während des Musikstudiums in Arnhem. Absolute Präzision, reiner Klang, Spaß am Spiel. Bestes Konzert seit langem.

Am Tag danach war mir nach Ambilvalenz. Daher buk ich eine Tarte, die beispielhaft stehen könnte für eine angewandte Phänomenologie der Wahrnehmung. Spiegelt sie doch perfekt wider die zwei Seiten derselben Medaille, die da Genuss heißt. Rhabarberquiche. Mürbeteig mit Mandeln. Grob geschnittenes Gemüse. Ein Guss aus gleichen Teilen Ei, Sahne, Schmand, Milch. Gewürzt mit Vanille, Pfeffermischung, Anis. Und nun die Varianz: Zucker in Teig und Fülle macht Glücksgefühle bei sonntäglichem Kaffee und Kuchen. Stattdessen Salz – und der Geschmack ist noch präziser, feine Säurearomatik, lockerleichte Konsistenz. Herzhafter Fruchtpudding auf buttrigem Teigboden.

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Am Niederrhein fehlt zwar bis auf wenige Ausnahmen eine ernstzunehmende Gastroszene – dafür bieten immer mehr Produzenten und Händler hervorragende Produkte an: Gemüse, Käse, Fleisch und Fisch. Ich kann mich wahrlich nicht beklagen, wenn es um den regionalen Lebensmitteleinkauf geht. Lässt sich fast alles mit dem Rad erledigen.
Meine Neuentdeckung aber ist, dass das auch für Gewürze gilt. Irgendwann las ich bei Kollegin Bushcook von der Manufaktur Spirit of Spice in Willich. Nun kaufe ich nirgends anders mehr Würzkram. Die Einzelgewürze haben durchaus Hollandsche Qualität – und die Mischungen suchen Ihresgleichen. Die oben erwähnte Pfeffer Cuvée zum Beispiel ist großartig. Check it out!


Ai Phoenix – Hey Now/Being Here Is Everything

Ich hatte aufgehört, die Jahre zu zählen. Hin und wieder noch den Blick gen Norden gerichtet, beiläufig, ohne Erwartung. Dass da noch Neues käme aus Bergen, hatte zu hoffen ich mir lange schon verboten. Lieblingsbands kommen und gehen. So funktioniert die Popkultur. Zurück bleiben traurige Menschen, die einmal den Fehler machten, Fans zu werden, zu sein. Selten hat mein Herz aber so gebrannt wie in den Momenten, da Mona Mørk ihre Stimme erhob und Patrick Lundberg musikalisch dem LoFi einen Altar baute.

Die Norweger waren für mich immer die Meister der kleinen Form.

Jedes ihrer vier Alben hat mich tief berührt. Die Konzerte waren Gottesdienste, besucht von lauter Jüngern der nordischen Musikreligion der 20-Nuller-Jahre, die da hieß “quiet is the new loud”. Als ich Mona einmal interviewte, für ein Düsseldorfer Magazin, habe ich vor lauter Anbetung ausgiebig geschwiegen.

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Heute nun lese ich folgenden lapidaren Satz im digitalen Netz: “Our new album is to be released on 24 January 2014 on the new Norwegian label Solsystemet.” Staunen, Ungläubigkeit. Und dann dies – es folgte ein belastbarer Beweis. Ein Lebenszeichen als Lautgemälde. Ein neuer Song. Ai Phoenix – Where it ends

Ai Phoenix sind zurück. Ich freue mich. Ganz leise.


Tageslieder für den Jahresendmix

Einer guten Tradition folgend veröffentliche ich in der ersten Januarhälfte meinen musikalischen Überblick des vergangenen Jahres als so genannten Jahresendmix (Tonträgerproduktion läuft) . Nach 2011 und 2012 folgt nun die popkulturelle Überhöhung des abgelaufenen Jahres 2013 – mit einer etwas anderen Vorgehensweise. Nicht inhaltliche Klammer wie die 11er Frauenmusik und die deutsche Kompilation im Vorjahr, sondern ein Best-of des eigenen Spin-offs sollte die Auswahl der einzelnen Lieder bestimmen. Denn in 2013 hatte mein Zweitblog songoftheday. über 340 Postings zu verzeichnen und kam erstmals in seiner Historie dem eigenen Anspruch gefährlich nahe.

Dabei sind meine “daily tunes” in erster Linie Vielhörers Tagebuch und Hilfe gegen das Vergessen. Zu über 60 % handelt es sich um Neuveröffentlichungen, die mir im Netz und im wahren Leben zu Ohren kommen. 20-30 % sind Songs vergangener Zeiten, die verspätet in mein Bewusstsein drangen. Der Rest schließlich schmeckt wie olle Kamellen, ist Wiederentdecktes oder persönliches Immergrün, das im Rahmen meiner kleinen Musikmission meiner werten Hörerschaft ich anempfehlen möchte.

Ich habe mich also nochmals komplett durchgehört, tagelang, gefiltert nach Gefallen und Verfügbarkeit. Aufgefallen ist mir dabei ein deutlicher afrikanischer Einschlag entweder direkt bei Ursprung von vielerlei Musik oder aber in der Rhythmik. Das Revival von Afrofunk und -soul der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist offensichtlich nicht spurlos an mir vorübergegangen. Weiters waren Einflüsse elektronischer Musik häufig anzutreffen, fielen aber oft durch das Nachhaltigkeitsraster. Die Präsenz deutschsprachiger Künstler ist konstant im Plattenschrank des Gesindehauses. Hier bezieht sich nach wie vor vieles auf die 80er.

Aber genug der Worte – here we go:

  1. The Rift Valley Brothers – Mu Africa
  2. The Uncluded – Earthquake
  3. Die Goldenen Zitronen – Scheinwerfer und Lautsprecher
  4. Elvis Costello And The Roots – Walk Us Uptown
  5. Chuckamuck – Hitchhike
  6. Hans Unstern – Ich schäme mich
  7. Jonwayne – Ode to Mortality
  8. Sølyst – Pierbourg
  9. Shannon And The Clams – Rip Van Winkle
  10. Gregory Porter – 1960 What?
  11. 1939 Ensemble – Sad French Song
  12. KH aka Four Tet – The Track I’ve Been Playing That People Keep Asking About And That Joy Used In His RA Mix And Daphni Played On Boiler Room
  13. Angelo di Blu – Il mio amore per te
  14. Jet Bumpers – I wanna be like Milhouse
  15. NRFB – Kill mainstream
  16. King Khan & the Shrines – Bite My Tongue
  17. Mount Kimbie ft. King Krule – You Took Your Time
  18. PAON – Shine Over Me
  19. Voltarenes – Dreieinhalb
  20. Eva Be feat. Pegah Ferydoni – She Walks Alone
  21. Paul Kuhn – Charming Boy

Drei Songs, die aus unterschiedlichen Gründen als letzte durch’s Raster fielen – eigentlich: weil der Tonträger voll war – sollen hier noch besondere Erwähnung finden. Die wunderbare Stuttgarter Band Die Nerven hatte am 1. April auf ihrem Blog eine EP mit Namen “Kartoffel” zum kostenlosen Download veröffentlicht. Leider nur für 6 Stunden. Aber mein Favorit schwirrt immer noch im Onlineuniversum und ist eine Hommage an den großen DJ Ötzi: Ein Stern.

Fast schon überhört habe ich mich an der Musik von Will Holland aka Quantic. Was aber bleibt ist die Tatsache, dass ich bei keinem anderen Konzert in 2013 mehr Spaß hatte als beim Gig von Ondatropica in Venlo. Daher hier nun der Ska Fuentes.
Und abschließend sei noch hingewiesen auf einen großen Künstler und amerikanischen Jodler, der bisher durch mein Wahrnehmungsraster gerasselt war. Leon Thomas ist leider schon 15 Jahre tot, hat uns aber feine Jazzmusik hinterlassen wie zum Beispiel den Track Umbo Weti.

Viel Spaß beim Hören!


New York, Niederrhein

In Krefeld hat Thomas Truax seinen festen Wohnsitz. Zeitweise zumindest. Denn er nennt sich selbst “a travelling musician” und ist als One-Man-Band ständig unterwegs. In New York war er Teil einer Musikszene, in den 90ern, aus deren Umfeld die so genannte Anti-Folk-Bewegung entstand. Und landete später dann, über Umwege, mit seinen komplexen Musikmaschinen am Niederrhein. Nachdem er mit “Songs From The Films Of David Lynch” schon ein Album der obskureren Art veröffentlicht hat, macht er aktuell unter anderem Theatermusik, kämpft mit Peer Gynt am Schauspiel Dortmund. Ins Ruhrgebiet gelotst hat ihn Paul Wallfisch, musikalischer Leiter am dortigen Theater und der große Streuner der Popkultur. Ebenfalls in New York sozialisiert – mit Firewater, Botanica und einem Small Beast – ist er der Womanizer des Underground-Barjazz und der Crooner für in die Jahre gekommene Indiemädchen. Als Tastenmann ist er zudem ein talentstrotzendes Ereignis und ein sich selbst verbrennender Netzwerker der internationalen DIY-Popkultur. So hat er auch And the wireman auf den Hof vermittelt, die ebenfalls im Big Apple beheimatet sind und sich als Meister der leisen popkulturellen Wucht entpuppten, am letzten Samstag, in Viersen.

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Sie begannen bei Hofaufart und füllten den besten Club, der keiner ist, die Bar gewordene Porreewaschhalle, mit romantischen Geschichten zu Trompete und Fidel, Tod und Schmerz und Liebe und  trafen als musikalischer Ausdruck der Leidenschaft der kleinen Form die Menschen im herrlich vollgestopften Raum wie ein Tritt in die breiten Hintern. Erobert im Sturm durch kleine Melodien und die Verweigerung der großen Geste.

Zu solcher ist Herr Wallfisch allerdings nicht nur in der Lage, seine Performance am Pianoforte lebt von einer gewissen Überheblichkeitslatenz, sexy Coolness und dem steten Willen zur – ja was eigentlich? Catchiness? Theatralik? Stardom? Was auch immer, er spaltet, manche halten ihn für arrogant, andere für musikalisch beliebig. Aber in seinen Shows kriegt er sie alle – und sogar den Hof kanonierend zum Mitgesang. Paul Wallfisch ist ein großer Künstler.

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Thomas Truax hingegen ist in erster Linie Erfinder und betörender Magier. Den Hornicator, The Stringaling und MotherSuperior hatte er mitgebracht nach Viersen, um seine wirren Geschichten zu erzählen und allerlei Geister zu beschwören. Verrücktsein ist ein Zustand, der auf ihn zutrifft, bestimmt, aber auf sein Publikum eben auch, nach einem solchen Konzert. Denn aus sich heraus zu treten ist ein leichtes, wenn New York einen Abend lang am Niederrhein ist und die Aura der großen weiten Welt nach Altbier riecht.

(Mobiltelefonfotos: RK)


Singen Schwaben Liebeslieder?

Hat der Sachse ein Herz für bildende Künstler? Warum gibt es einen Bremer Dialekt, könnte der nächste deutsche Meister im Aussitzen nicht aus Bayern kommen? Essen Westfalen Kultur mit Löffeln oder aus Mulden im Tisch? Und wo liegt eigentlich Einöd? Da Antworten auf derlei Fragen keinen Menschen interessieren, werde ich wohl niemals ein Buch schreiben. Präziser: veröffentlichen. Verharren im gedankenweltlichen Untergrund und vertrauen auf die Parole kill mainstream.

Mein liebstes Lied ist das ungesungene. Und wenn schon ein Klang ans Ohr und ins Innerste dringt, dann – bitte schön – will ich überrascht werden. Nicht mit Neuem, das es nicht geben kann, aber durch einen Paradigmenwechsel vielleicht. Durch ein Gegenteil, jenseits aller Regeln. Ein Mann wie Bill Callahan vermag dies, Düsterdenker und Notensparer, der er ist. Schreibt doch locker mal die Schnulze des Jahres und bohrt sie mir ins Hirn. Hätt ich ein einfach Herz, waidwund wär’s.

(Das aktuelle Album “Dream river” ist ein minimales Meisterwerk, am 14. Februar wird er in der Kulturkirche in Nippes spielen.)

Schwaben hingegen kenne ich keine. Nur Klischees über Lebensstil und Kommunikation. Auch die ihnen zugeschriebenen “Nationalgerichte” scheinen mir allesamt plattitüd. Geschabte Nudeln gibt es an vielen Enden der Welt. Prall gefüllte, herzhafte Pastataschen auch. Und saure Linsen aß ich nicht nur in der Auvergne besser. Dennoch beschloss ich dieser Tage, beim wiederholten Durchblättern von Stevans Buch, Maultaschen zu machen und diese mit dem Linsengemüse zu kombinieren. Ein kulinarkultureller Frevel vielleicht, hochkalorischer Volltreffer allemal. Statt der Tellerlinsen kamen solche aus Puy in den Topf, sie behalten Biss und somit die Oberhand über die etwas zu weichen Spinatgefüllten. Hernach half ein Brand vom Wassenberger Pfirsisch.

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Who’s bad? Die Lebensmittelindustrie!

Deshalb aus leider immer noch aktuellem Anlass: Verschont mich mit Einladungen auf Eure Leistungsschau. Ich möchte diesem Gottesdienst des angeblich essbaren Massenprodukts nicht beiwohnen. Danke.

Ein Konzert der seit Dekaden sich im Modus der DIY-Avantgarde befindlichen Postpunker und Befindlichkeitsverächter aus Hamburg und sonstwo, der großartigen Die Goldenen Zitronen, würde ich hingegen liebend gerne mal wieder besuchen. Alleine sie machen einen riesengroßen Bogen um den Westen unserer alten, ächzenden Republik und spielen lieber ein paar Gigs in der Schweiz und im Osten. Ist der Notstand dort größer? Vielleicht – ich tröste mich derweil mit dem neuen Album “Who’s bad“. wippe auf dem Tanzboden der 80er und denke mich in eine neue, bessere Welt. (Was selbstredend völliger Quatsch ist, aber wem sage ich das…)

Gestern, als also alle offensichtlich in den unendlichen Hallen der Kölner Messe sich blenden ließen vom schönen Schein, habe ich gekocht. Kürbis-Gnocchi nach einem Rezept des Italoteigwarenpapstes aus Basel. Ganz bibeltreu und dogmatisch habe ich mich an seine heiligen Zeilen gehalten – und wurde nicht enttäuscht. Da wir inzwischen jemanden kennen, der am Niederrhein in außerordentlicher Qualität Shiitake züchtet, finden sie immer häufiger Verwendung in der Gesindehausküche. Hier mit nichts außer Petersilie, Pfeffer und Salz. Sahne. Zum Niederknien.

kuerbisgnocchi


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