Lammhüfte, Orangenbulgur und Bratsalat oder Die Gefahr aus dem Osten

An einem dunkelgrau verregneten Sonntag in irgendeinem Frühling Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts aß ich das erste Mal Salat nicht als Rohkost. Diese kulinarische Entdeckung empfand ich damals nicht als solche, war sie doch schlicht einer Notlage geschuldet – Gemüse war aus. Ich war Gast bei einer Punkband in Ostberlin und wir hatten Hunger und Kartoffeln, Eier und eben: Salat. Der landete  unversehens im Alutopf, es roch abscheulich.

Doch wurden wir satt, das war der erfreuliche Teil der Geschichte. Alle wurden immer satt in der DDR. So schlecht war’s doch gar nicht.
Kurz nach dem Mauerfall bin ich in Dresden dem Sensenmann mehrfach nur knapp aus dem Radius gelaufen. Renntrabbis machten Jagd auf temporär gehbehinderte Wessihippies. Ein Jahr später auf Usedom war alles in Klump gehauen. Die schöne neue alte Kaiserbadromantik gab’s nicht mehr und noch nicht wieder, nur Nazibanden, kahlgeschorne Vollidioten, die uns hetzten zwischen Ückeritz und Heringsdorf. In Weimar habe ich mir bei einigen Besuchen zwischen 92 und 94 beinahe eine Staublunge geholt. Nachdem uns dann die WG-Karre verreckt ist, irgendwo in einem finstern Tal des Thüringer Walds, wir fast erfroren wären ob multipler unterlassner Hilfeleistung, habe ich meine Ostambitionen gegen Null gefahren. Gewissermaßen dem Selbsterhaltungstrieb gehorchend.

Als Niederrheiner habe ich im Herzen mehr Holland als Sachsen, zugegeben. Doch im Magen möglichst immer nur das, was schmeckt. Ich musste an die Jungs von der Band denken, deren Namen ich verdrängt habe, als heute die Romanaherzen in der Pfanne zischten. Und an Hamburger Helden, die ebenfalls schon Ende der 80er wussten: Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs!

Inzwischen kenne ich das Leben. Ich bin im Kino gewesen. Habe mit Peter Hein Kebap gegessen. Und überhaupt niemals vergessen, zu essen. Deshalb koche ich jeden Tag und lege gewöhnlich die passende Langspielplatte auf den Dualteller. Zur Hüfte gab’s heute einen Marsalajus, auch der Rest war sehr sizilianisch. Ich hatte passende Orangen bekommen. Marinierte den warmen Salat in entsprechendem  Saft und rieb einem Haufen Schalen in die Grütze.

Inzwischen war ich wieder ein paar Mal drüben. In Leipzig, Bautzen, Cottbus. Habe mich im Erzgebirge verlaufen und mir den Magen verdorben auf Hiddensee. Das Nachtleben in Frankfurt/Oder gesucht. Und natürlich Utecht besucht. Ist schön da. Kaum Menschen.  Kein Restaurant. Musik schon gar nicht.


2 Kommentare on “Lammhüfte, Orangenbulgur und Bratsalat oder Die Gefahr aus dem Osten”

  1. Mag ich. Alles das. Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs auch. Mannmannmann, ist das lange her, gibts die noch?
    Zum Glück ist aber die Lammhüfte unvergänglich. Ich denke ja immer nur in und an essen (Essen).
    Und P. verwechselt Dich eh immer mit Utrecht.


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