3 Women – Jahresendcompilation 2011

Als ich vor einigen Wochen unter der Überschrift Heldinnenverehrung bloggte, hatte ich noch keinen Gedanken verschwendet an mein musikalisches Jahresendritual: Seit den 80ern nerve ich Frauen und Freunde mit Musik. Erst als Mixtapes, seit ca 15 Jahren werden CDs gebrannt. Zwischenzeitlich hatte ich kurz überlegt, entsprechendes Tun in die SoundCloud zu verlagern, aber dann fehlte nicht nur das Haptische. Der Werkcharakter wäre hochgradig virtuell, was meinem Ego schlecht bekäme. Immerhin gibt es in diesem Jahr erstmals ein Zwitterwesen: Viele Menschen haben dieser Tage eine relativ nackte Silberscheibe im Briefkasten, jedoch mit Link auf diesen Text. Im Folgenden werde ich nicht nur erklären, warum ich was wie zusammenstellte – auch das Tracklisting samt Cover gibt’s nur hier. Und zudem werde ich – soweit online verfügbar – die einzelnen Stücke verlinken (jedoch nicht immer in den auf der CD untergebrachten Originalversionen).

Nach Country und Freakfolk 2009 sowie rheinischer Elektronik im letzten Jahr nun also eine Hymne an drei Frauen, die nicht nur meine musikalische Sozialisation sondern die vieler Popmusikabhängiger maßgeblich prägten. PJ Harvey ist das rolemodel aller Indiegirls meiner Generation und die Jungs vergöttern sie seit 20 Jahren. Alle und immerzu – wegen der widerständischen Energie, dem dreckigen Sexappeal, dem Mut zur Entblößung samt aller Fragilität. Für Patti Smith gilt dasselbe wahrscheinlich ebenso – für die Generation davor. Und doch strahlt auch sie noch heute und ebenso für viele Nachgeborene. Zugegeben: Die Zuneigung zu Marianne Faithfull musste ich mir erarbeiten. Im gleichen Jahr geboren wie Patti war sie doch schon zehn Jahre eher für eine Welt außerhalb der Musikszene verloren. As tears go by wurde bereits 1964 veröffentlicht – der erste Song, den ich circa 20 Jahre später selbst performen konnte. Die Drei eint einiges: Die Attitüde, der zwischenzeitige Heroin-Chic, das Hochemotional-Politische sowie kompositorische Extravaganz gepaart mit der Tendenz zu interpretatorischer Verausgabung. Schreien und Säuseln sind Ausdrucksform eines ausgeprägten Künstlerinnenbewusstseins.

Über alle drei könnte ich schwärmerische  Elegien – der Tod führt in vielen Songs das Zepter – und hochnotpeinliche Ergebenheitsadressen verfassen. Doch wichtiger ist der Anlass: Von allen gab es neue Alben im ansonsten wenig spektakulären Jahr 2011. PJ ist dabei mit Let England shake wie erwähnt der ganz große Wurf gelungen. Nicht nur, weil sie sich in einer von vielen Rezensenten reichlich kritisch bewerteten Art und Weise inhaltlich an ihrem Heimatland abarbeitet und dabei auch die Liebe zum selben eine Rolle spielen darf – neben allerlei Abscheu, zugegeben. “Konzeptalbum” ist ein böses Schimpfwort, doch hier kommt der Ansatz quasi im sexy Gewand daher. Mehr altenglische Folklore denn gewohnt ekstatische Gitarrengewitter. Harvey entblößt sich tatsächlich eher inhaltlich als singend oder kreischend. Und erreicht so eine Ebene der Evolution, auf der sie niemand mehr Sirene schimpfen wird. Ihre Kunst ist, sich selbst als Kunstwerk zu vervollkommnen im ganz und gar irdischen, sinnlichen Sinne. Und dabei ein Werk geschaffen zu haben, das für Pop außergewöhnlich unabhängig von Urheberin und Interpretin funktioniert.  Kaum hätte ich es geschafft, ein einzelnes Stück herauszubrechen aus diesem Monument für meine Zusammenstellung.

Auch Frau Faithfull  veröffentlichte  ein neues Album. Eher ein Fall für Feuellitons denn für pseudohippe Popkritik – völlig zu Unrecht natürlich. Zwar reicht dieses überwiegend im musikalischen Mainstream verfangene Werk nicht an das grandiose 2004er Opus Before the poison (bei dem wiederum PJ Harvey eine maßgebliche Rolle spielte) heran, aber diese Stimme haut immer noch alle um, die kein Herz aus Stein haben. Horses and high heels hat nichts von Altern in Würde, aber von Vorsprung durch Erfahrung.
Ähnliches gilt selbstredend für Patti Smith. Wer die immer noch barfuß tanzende Geburtshelferin von Indierock, kraftstrotzende Kunstpunkikone und Brachialperformerin einmal live sah, wundert sich über das hippieske Klischee, dass der Beatpoetin bis auf den heutigen Tag anhaftet. Ihr Œuvre ist so schillernd wie vielfältig – gut, dass es nun mit Outside Society eine angemessene Werk-Compilation gibt. Smith selbst hat die Songs zusammengestellt und bisweilen süffisante Linernotes dazu verfasst.

Je vier bis fünf Songs der Drei aus insgesamt 45 Jahren – kein leichtes Unterfangen. Bei guten Mixtapes gibt es zwei funktionierende Herangehensweisen: Entweder permanente Brüche produzieren und so den Hörer fordern. Oder eine gewisse gefällige “Durchhörbarkeit” ermöglichen. Ich habe mich für ein Zwitterwesen entschieden und hoffe dennoch, dass das Ergebnis nicht lauwarm, sondern idealerweise irgendwie heißer Scheiß ist.

Tracklist “3 Women”

  •  PJ Harvey – Good fortune
    Erste Singleauskopplung des Albums “Stories from the City, Stories from the Sea” (VÖ: 2000)
  • Marianne Faithfull – Sister morphine
    1969 erstmals als Single veröffentlicht. Zwei Jahre später dann auf dem Rolling Stones Album “Sticky fingers”.
  • Patti Smith – Ain’t it strange
    Vom 1976er Album “Radio Ethiopia”. Patti singt: “I move in another dimension” – and she did.
  •  PJ Harvey – Dress
    Erste Single vom ersten Album “Dry” aus dem großartigen Musikjahr 1991.
  • Marianne Faithfull – Prussian blue
    Beispielhaft farbiger Song von der diesjährigen Veröffentlichung “Horses and high heels”.
  • Patti Smith – Dancing barefoot
    Lieblingslied. Nicht nur von mir, unendlich oft gecovert. Nie erreicht.
  • PJ Harvey – Rid of me
    Meine erste Berührung mit der Künstlerin, back in the days, 1993. Gleichnamiges Album. Meine erste Platte war aber die EP “4-Track Demos” mit den rohen Fragmenten. Daher stammt auch diese Version.
  •  Marianne Faithfull – Before the poison
    Titeltrack vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2004. 4 Songs darauf wurden von PJ Harvey mitgeschrieben, arrangiert und produziert. Hier ist sie im Background zu hören.
  • Patti Smith – Smells like teen spirit
    Warum sie den unsäglichen Nirvana-Klassiker 2007 auf ihr Album voller Coverversionen “Twelve” genommen, ist mir unbekannt – aber ich mag das Banjo.
  • PJ Harvey – The words that maketh murder

    Vom Album des Jahres “Let England shake” eine düstere Nummer zum Mitschunkeln und voller Brüche.
  •  Marianne Faithfull – As tears go by
    1964, ein Jahr bevor die Stones ihren eigenen Song selbst einspielten, machte sie ihn zum Klassiker.
  • Patti Smith – Gloria
    Wieder eine Coverversion, von Van Morrison, und als Mitgröhlnummer lange Zeit für mich unhörbar. Heute Legende vom legendären 75er Album “Horses”.
  • Florence + the Machine – Not fade away
    Zwei junge Stimmen berufen sich auf die 3 Vorbilder und ziehen hörbar Anleihen. Florence Welch hat dabei keine Angst vor Pop oder ausgeprägter Rhythmik – wie die Interpretation dieses Buddy-Holly-Klassikers zeigt.
  • Kraków loves Adana – Porcelain
    Ob dieser Track meiner liebsten Freiburger Band hier herein passt, entscheidet ihr. Sängerin Deniz Cicek lässt mich oft schaudern. Wohlig.
  • Marianne Faithfull – Last song
    Definitely. Maybe. Geschrieben von Damon Albarn. 2004.

3 Women Cover + Inlet (PDF)

Technische Anmerkung:
Die Tracks 2 und 4 lagen mir nicht in einer den anderen Stücken vergleichbaren Soundqualität vor. So fallen sie besonders in Punkto Lautstärke etwas ab – die Altwernativen, entweder noch größere Qualitätsverluste hinzunehmen oder sie gar ganz wegzulassen, wären keine gewesen. Außerdem fehlt Track 14 eine halbe Sekunde. Warum auch immer.


2 Kommentare on “3 Women – Jahresendcompilation 2011”

  1. vilmoskörte sagt:

    Schöne Zusammenstellung. Horses steht bei mir übrigens auch im Plattenschrank. Von Faithfull mag ich Seven Deadly Sins überaus gern.


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