Getränkeindustrielle Qualen – Ein Beitrag zur Weinrallye #48 “Wasser in den Wein, alles Schorle oder was?”

Motorsport mag ich nicht. Habe noch nie verstanden, was Hochleistungsingenieurwesen mit Körperertüchtigung zu tun hat. Leute, die anderen beim Stundenlang-Im-Kreis-Fahren zuschauen, sind mir in der Regel unsymphatisch. Die Chauffeure erst recht. Automobile sind zudem reichlich unsinnlich. Der Umweltaspekt spielt bei meiner kleinen Aversion sicherlich eine spannende Rolle – zumal dann, wenn es sich um Wettbewerbe, die  jenseits von eingezäunten Arealen ausgefahren werden, handelt. Was beim Radsport reizvoll scheint, ist mit hunderten PS unter der Haube in Wald und Flur schlicht destruktiv. Nein, Rallye ist kein Sport.

Als Purist und Freund des “Weniger ist Mehr” trinke ich nur Wasser, Kaffee, Wein. Ab und an ein Bier. Ein Jegliches für sich, niemals gemischt. (Schon gar nicht so etwas Niederrhein-typisches wie Krefelder!). Einzige Ausnahme ist der gelegentliche Genuss einer Melange von sortenreinem Apfelsaft (z.B. von van Nahmen) mit sprudelndem Mineralwasser als Mittagessenbegleiter. Was ich noch nie in meinem Leben zu mir nahm ist Weinschorle. Warum auch?

Nun bin ich aber sprachinteressiert und etymologisch grundgebildet. Dies Wissen gewährt mir die Einsicht, dass eine Rallye im eigentlichen Sinne nichts weiter ist als eine Zusammenkunft. Stammt es doch vom französischen Verbum rallier = vereinen ab. Welches wiederum seinen Ursprung im Lateinischen hat, “re-alliieren” bedeutet das Zusammenführen versprengter Truppenteile nach einer Angriffswelle im Rahmen einer größeren Schlacht. Eine Weinrallye ist also folgerichtig nicht weniger und auch nicht mehr  als die Zusammenrottung von versprengten Trinkern unter einem gemeinsamen Genussbanner, wenn auch etwas eskapistisch verortet in der digitalen Welt.

Beim Begriff Schorle wird es naturgemäß schwammig.  Weder der kluge Kluge noch eine ausufernde Internetrecherche liefern befriedigende Ergebnisse. Dissonant ist das Orchester der Erklärungsansätze. Von einem französischen Trinkspruch (toujours l’amour) ist da zu lesen, der sich mangels Verständnis abschliff zu “Schorle-Morle”. Vom altpersischen  shôr, einer  Bezeichnung für ein Gemisch. Daran angelehnt wohl das ebenfalls orientalische schurimuri für Durcheinander. Auch gibt es wohl alemannische Wurzeln, schuren nennen wir heute sprudeln. Wortherkunftserforschung ist ein hartes Brot, Etymologen oftmals verbissene Menschen. An diesem Fall haben die Profis offensichtlich noch lange zu kauen.

Doch ich beende nun diesen intellektualistischen Exkurs kurz vor der Schwelle zum Kalauer, widme mich vielmehr der Empirie und fange an zu saufen. Schließlich lässt sich mit Schwadronieren keinerlei Blumentopf gewinnen, mit Wagemut und Offenheit vielleicht eher. Also Vorhang auf, Tusch und Bravo für die Premiere von “Utecht trinkt Weinschorle”.

Weinschorle

Ihr habt ja nicht wirklich geglaubt, ich gieße Wasser in einen Wein, den ich gerne trinke? Lieber gehe ich durch Vorhöllen der Getränkeindustrie. Und die offeriert Qualen wie diese Abfüllung von ZGM aus Zell an der Mosel. Ein Supermarktkauf für 1,49 EURO, noch unter dem untersten Regalbord gefunden. Die Nase ahnt irgendetwas zwischen Seife und altem Honig. Und am Gaumen schreit alles: Fehler! Doch ist es ein Weinfehler? Wasserfehler? Mein Fehler? Wahrscheinlich.

Schorle, RückseiteDenn das einzige, was ich von diesem latent autoaggressiven Versuch erwartete, war etwas spritzig Frisches. Nicht mehr. Es wurde jedoch deutlich weniger. Auch wenn das Rücketikett solcherlei versprach, wurden meine Geschmacksknospen zugekleistert von klebriger Süße. Der überraschend hohe Weinanteil war das Problem, ein “köstliches Erlebnis” findet am anderen Ende der Geschmacksskala statt.

Weine welcher Rebsorte(n) welcher Provenienz(en) in diesem Gemisch ihre letzte Bestimmung fanden, vermag ich nicht zu sagen. Ehrlicherweise habe ich mir beim Verkosten keine große Mühe gegeben. Lieber zum wohlweislich vorgekühlten Gegengift gegriffen, einem knackigen Kabinett von Bastian aus Bacharach. Ohne Wasser.

Die Weinrallye #48 wird ausgerichtet von Hans-Joachim Klose vom Werk2.


10 Kommentare on “Getränkeindustrielle Qualen – Ein Beitrag zur Weinrallye #48 “Wasser in den Wein, alles Schorle oder was?””

  1. Iris sagt:

    ha, ein echtes Lesevergnügen – und besonderen Dank für Deinen intellektualistischen Exkurs in die schwammige Ethymologie… mit toujours amour könnte ich mich in Parallele zu Fissematenten als Rheinländer durchaus anfreunden, wenn mich meine Frlbstversuchankreicherfahrung in Bezug auf das Wässern von Wein (vor allem mit Sprudel…igitttt…) nicht doch am Zusammenhang zweifeln ließe.

    Ansosten: mutiger Selbstversuch;-)! und gute Konklusion:-)!

  2. missboulette sagt:

    Also doch, du bist ja ein Professioneller (Schreiberling). Sorry, habe mir erst jetzt die Mühe gemacht und Deine anderen Seiten angeguckt…
    Und ja, ich gehöre zu den Naiven, die jetzt Wasser in den Wein erwartet hätten. Nicht, dass ich sowas trinken würde – schon dafür fehlen mir zuviele Enzyme.

  3. [...] Das Ergebnis war bescheiden, wobei das noch übertrieben ist. Daher auch meine Hochachtung für Jörg Utech für seinen Selbstversuch. Somit stand für uns fest für ein Qualitätsprodukt wie wir es planen [...]

  4. vilmoskörte sagt:

    Weinschorle mit einfachem, ehrlichen Riesling schmeckt eigentlich nur richtig gut und erfrischend im Sommer auf dem Winzerfest in der Pfalz, wo man sie aus den schönen, einen halben Leiter fassenden Dubbegläsern trinkt.

  5. Claus sagt:

    Zusammengeschüttet – niemals! Dann lieber ein Glas Wein und ein Glas Wasser nebeneinander. Geht auch!
    Ach ja, Bier und Limo ist auch so´ne Sache…

  6. utecht sagt:

    @vilmoskörte
    wieder was gelernt…

    @claus
    Meine Rede…

  7. oachkatz sagt:

    Ich verstehe es gut, auch wenn ich immer wieder danach greife. Zu Bier und Limo übrigens auch. Aber immer seltener. Die Erleuchtung: Dein ‘Warum auch?’.


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